In seiner Begrüßungsrede zum 2. Tag der 21. Ausgabe des Bluegrass Festivals in Bühl hatte Organisator Patrick Fuchs schon angedeutet, mit wieviel Telefonaten, Mails, Vertragsentwürfen, dann wieder Absagen, neuen Suchaktionen, mehrfach überarbeiteten Programm-Versionen sowie viel Enthusiasmus und Freude, aber auch Schweiß und Tränen, die Planung des Bluegrass Festivals Bühl gespickt ist. Beim Programm des diesjährigen 2. Festival-Tages hat Patrick jedoch ein so glückliches Händchen gehabt, dass einem im Publikum den ganzen Abend über nicht nur das Herz auf, sondern der Mund auch nicht mehr zu ging.
Schon bei der ersten Band am Nachmittag – Taff Rapids aus Cardiff /Wales – 4 jungen Musikern, die auch teils auf “welsh” sangen, strahlte nicht nur eine extreme Spielfreude von der Bühne, sondern auch die absolute Beherrschung ihrer Instrumente und des mehrstimmigen Satzgesangs sowie eine frische und lockere Kommunikation mit dem Publikum ohne Angst vor irgendwelchen Sprachbarrieren. Alle hier genannten Entertainment-Qualitäten trafen übrigens auf alle Künstler dieses Mai-Samstages in Bühl zu.
Sion Russel Jones (Gitarre), Darren Eedens (Banjo), David Grubb (Fiddle) und Clem Saynor (Bass) waren vor einiger Zeit für einen einzigen Auftritt in Deutschland. In diesem Jahr war Bühl für die 4 Musiker das letzte von 8 Konzerten ihrer “Blwgras”-Tour im deutschsprachigen Raum. Sie mixten Songs mit englischen und walisischen Texten, luden das Publikum bei selbstgeschriebenen Titeln wie “Honco Monco” zum Mitsingen ein und erklärten zwischendurch, was die Texte bedeuteten und bei welchen Gelegenheiten man einige Welsh Traditionals immer wieder hört (z.B. ein Lied über Soßenpfannen bei Rugby-Übertragungen im Pub). Doch es geht nicht immer nur lustig zu bei den Songs von Taff Rapids. “Photograph” fordert z.B. auf, sich mit möglichst vielen lieben Menschen zusammen fotografieren zu lassen, um eine Erinnerung zu haben, wenn diese einmal nicht mehr da sind. Und bei “One for the road” geht es um Abschied, manchmal einen für immer, manchmal nur einen bis zum nächsten Tag. Glücklicherweise mussten wir uns in Bühl nicht allzu lange von den Jungs von Taff Rapids verabschieden, denn im August kommen die Musiker für (bis jetzt) 4 Konzerte noch einmal nach Deutschland.
Nach einer kurzen Pause betraten 4 in dunklen Anzügen gekleidete junge Herren aus Italien die Bühne – Blue Weed. Franceso Mosna aus Trient (Lead-Gesang, Dobro), Matteo Camera aus Rimini (Gitarre), Marco Ferretti aus Genua (Banjo, Gesang) und Icaro Gatti aus Mailand (Bass, Gesang) boten – wie Patrick Fuchs es ziemlich treffend beschrieb – “Young Bluegrass Italian Style”, und zwar in einem Tempo, bei dem einem schon fast schwindelig wurde. Besonders Gitarrist Matteo spielte seine Soli in einem atemberaubenden Tempo und einige meiner Sitznachbarn fragten sich, ob seine Finger die komplette über 60-minütige Show bei dem Tempo überleben würden. Aber entgegen jeglicher Gesetze der menschlichen Kraft schienen die Soli-Gefechte zwischen Gitarre, Banjo und Dobro im Laufe der Show immer schneller zu werden. Zwischendurch gab es jedoch auch einige ruhigere, aber nicht minder schöne Stücke, z.B. “The Harvest” von Neil Young oder “Shadows” von Gordon Lightfoot, beide Songs natürlich in tollen Italian Bluegrass Versionen. Für mich kaum zu glauben, dass die facebook-Seite “blueweedbluegrass” z.Zt. nur 865 Follower hat. Diesen jungen Musikern sollte man unbedingt folgen. Ich hab’s getan. Also sind wir schon mal 866!
Die Halbzeitpause nutzten viele Fans noch einmal für Gespräche mit den beiden bereits aufgetretenen Bands an ihren Verkaufstischen. Und natürlich stieg die Vorfreude auf den zweiten Teil des Abends mit Bluegrass Bands, die sich beide bereits bestens in Nashville auskennen, obwohl sie keine US-Amerikaner sind.
Die Slocan Ramblers aus Toronto/Canada hatten vor kurzem erst ihr Debut in der Grand Ole Opry gegeben. Nach Bühl mussten sie mit ihrem Ex-Bandmitglied Thomas Castle anstelle von Adrian Gross (Mandoline) anreisen. Dieser war erst kürzlich Vater geworden und verzichtete deswegen auf die lange Reise. Obwohl: “Lang” bezog sich bei den Slocan Ramblers an diesem Wochenende nur auf die Strecke und nicht auf die Dauer der Reise. Denn die Musiker waren am Freitag mittags in Frankfurt gelandet, wurden vom Veranstaltungsteam nach Bühl gebracht, genossen am Freitagabend ein Essen im ältesten Restaurant am Platz, verpassten jedoch leider die Hayseed Dixie Show (was besonders Banjospieler und Sänger Frank Evans sehr bedauerte), absolvierten ihren Auftritt am Samstag und flogen am Sonntag wieder zurück nach Toronto. Was für ein Ritt! Aber was tut man nicht alles für die Fans. Und auch das Veranstaltungsteam hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, damit alles rund um den Auftritt der Slocan Ramblers so einfach wie möglich ablief. So hatte man z.B. zur Vermeidung zusätzlichen Fluggepäcks einen Bass der Musikschule Bühl organisiert, auf dem Patrick Fuchs seinerzeit selbst auch schon seine ersten Kontrabass-Erfahrungen gesammelt hatte. Trotz Ersatz-Mann und Ersatz-Instrument fühlte sich das Publikum in Bühl keinesfalls wie auf einem Zweite-Wahl-Konzert. Bereits nach dem Einstiegssong gab’s Standing Ovations für die Slocan Ramblers. Die Musiker merkten schnell, dass sich die Fans in Bühl mit dem Slocan-Ramblers-Repertoire auskannten, denn bald wurden die ersten Song-Wünsche in Richtung Bühne gerufen. Doch mit Thomas Castle an der Mandoline konnten Frank Evans, Darryl Poulsen (Gitarre, Gesang) und Charles James (Bass, Gesang) nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie stellten ihr letztes Album “Up the hill and through the fog” for, spielten jedoch auch ältere Songs wie “Groundhog” aus ihrem 2015er Album “Coffee Creek” oder Klassiker wie “Sundown” von Gordon Lightfoot.
Mittlerweile waren seit Einlass schon knapp 5 Stunden vergangen und es sollte noch ein weiteres musikalisches Highlight folgen.
Die seit 2013 in den USA lebende Australierin Kristy Cox lieferte mit ihrer Band Grasstime ein wahres Feuerwerk an Songs aus ihren 6 Alben, von denen die meisten als “Bluegrass Recording of the Year” ausgezeichnet wurden. Allein aus ihrem aktuellen Album “Let It Burn” trug Kristy Cox nicht nur den Titelsong, sondern auch “The wrong girl” und “Front porch of paradise” vor, aber auch “Good morning moon” aus dem 2022er Album “Shades of blue” sowie den Titelsong ihres Albums “Ricochet” hatte sie nach Bühl mitgebracht. Klassiker wie “Hey, good lookin'” oder “Amazing grace”, das sie in Erinnerung an ihren Großvater sang, rundeten den Abend ab, bevor es dann noch einmal ein fulminantes Finale mit allen Musikern dieses Samstags-Konzertes gab. Patrick Fuchs betitelte diese Bluegrass Big Band als “Kristy & The Boys” und Robbie Morris, Bandleader von Grasstime, bewies sein Talent als Kapellmeister und dirigierte die verschiedenen Solisten abwechselnd an die Mikrofone.
Und als wenn das nicht schon genug Musik für alle Beteiligten gewesen wäre, fanden sich etliche Musiker im Backstage-Gang noch für eine spontane Session zusammen, bevor sich dann alle noch ins Foyer für den einen oder anderen Plausch mit den Fans begaben. Vielen lieben Dank auch an Robbie Morris von Grasstime, der uns sein höchstpersönliches Backstage-Selfie mit einigen Musikern zur Verfügung gestellt hat.
Das 22. Bluegrass Festival Bühl wurde von Organisator Patrick Fuchs für den 29. und 30. Mai 2026 (am Wochenende nach Pfingsten) angekündigt. Wir sind jetzt schon sehr gespannt, welche Bluegrass-Schmankerl in 2026 in Bühl zu Gast sein werden. Tickets und Infos gibt’s zu gegebener Zeit unter www.buehl.de/bluegrass-festival .




























