Das unter der Leitung von Patrick Fuchs in Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der für ihre Zwetschgen deutschlandweit bekannten Stadt Bühl organisierte Bluegrass Festival Bühl ist für ein stets hochkarätiges internationales Programm bekannt. Allein schon durch die bestuhlte Stadthalle, wo das Samstags-Programm stattfindet, kann man sich denken, dass hier das Publikum aus wirklichen Musik-Freunden besteht, die noch die Kunst des Zuhörens beherrschen und sich größtenteils auch auf der internationalen Bluegrass-Szene sehr gut auskennen.
Seite einigen Jahren wird das Bluegrass Festival Bühl jedoch am Freitag auf dem Gelände der Landmaschinen-Firma Josef Oechsle eröffnet. Inhaber Stefan Oechsle verriet uns, dass er selbst gerne Bluegrass hört und mit dem Event in seiner fast unbestuhlten Werkshalle die Fans dazu anregen wollte, sich bei dieser tollen Musikrichtung auch einmal dazu hinreißen zu lassen, sich zumindest im Takt mitzubewegen – und vielleicht auch ein bisschen mehr. Und hierfür bot dieser Freitag im Mai mit dem für Bühler Verhältnisse sehr gewagten Programm die beste Gelegenheit.

Eröffnet wurde der sonnige und später bis in die Nacht sehr milde Freitagabend nach einer Eröffnungsrede von Bürgermeister Daniel Fritz und den beiden Hauptorganisatoren Patrick Fuchs und Stefan Oechsle durch die in Köln stationierte Band Bluegrass Cash. Die 5 Musiker stammen aus 4 verschiedenen Ecken Deutschlands und Europas und fanden sich in 2019 zusammen, als Bandgründer Martin Voogd (Gesang, Akustik-Gitarre) aus den Niederlanden die Idee hatte, Johnny Cash Songs im Bluegrass Style zu spielen. Mit dem ursprünglich aus Bayern stammenden Paul Bremen (Geige, Bratsche, Mandoline, Hamonie-Gesang), dem Banjo-Virtuosen Steffen Thede aus Schleswig-Holstein sowie Rainer Diekamp am Bass und Harmonie-Gesang, dem einzigen Bandmitglied, das gebürtig aus NRW kommt, fand Martin Voogd die ideale Besetzung für sein Herzensprojekt. Komplettiert wurde das ganze, als man auf der Suche nach einer Sängerin war, die die June-Carter-Cash-Parts übernehmen könnte. Auf einem Festival traf man auf die niederländische Sängerin, Schauspielerin und Gesangslehrerin Kikky Géron, die nicht nur fast perfekt in Stimme, Gesangsstil und Bewegungen an June Carter Cash erinnert, sondern mittlerweile auch die Harmonie-Gesänge von Bluegrass Cash ausarbeitet, was sich an dem teilweise 5-stimmigen Satzgesang als wahrer Glücksgriff erwies.
Bluegrass Cash boten zunächst zu Viert, später dann auch mit Kikki Géron eine gute Stunde lang einen Querschnitt aus bekannten Cash-Songs und etlichen Klassikern, wie “16 Tons”, “Ghostriders in the sky” und “City of New Orleans”, bevor sie nach 2 Zugaben an ihrem Merchandise-Stand schon von etlichen wartenden Fans empfangen wurden.
Nach einer Umbaupause ging es dann wesentlich modernerer, rockiger und auch lauter weiter – alle 3 v.g. Faktoren eher ungewöhnlich und sehr gewagt für Bühler Verhältnisse. Aber schon beim ersten Song von Hayseed Dixie, der in 2000 von Sänger John Wheeler gegründeten Rockgrass-Band, sollte der Wunsch von Mit-Organisator Stefan Oechsle in Erfüllung gehen.
Einigen Gästen war “Dirty Deeds” offensichtlich zu laut und sie zogen sich in den Außenbereich an die Stehtische zurück. Dies wiederum nahmen andere Gäste zum Anlass, noch näher an die Bühne zu treten und von nun an den Rest des Abends im Takt mitzuwippen, zu klatschen, teilweise mitzusingen und hier und da konnte man auch ein angedeutetes Head-Banging erkennen. Und auch wahrhaft eingefleischte Traditional-Fans im Publikum, wie Herbert Schildhammer von den Illertal Cowboys Vöhringen, kamen den Rest des Abends aus dem Filmen sowie aus dem Grinsen und teilweise lauten Lachen, sobald wieder mal ein Song erkannt wurde, nicht mehr heraus und genossen offensichtlich dieses für sie musikalische Novum. John Wheeler an Gesang und Akustik-Gitarre führte übrigens in (zwar nicht ganz perfektem) Deutsch durch das Programm, was die Band jedoch alles in allem noch sympathischer machte. Knapp 90 Minuten incl. Zugaben zogen John Wheeler und seine Bandkollegen Joe Hymas (Mandoline), Richard Collins (Banjo) und Jake Byers (Bass) von weiteren AC/DC-Songs wie “Hells bells” (natürlich mit der legendären Rezeptions-Glocke) und “Highway to hell” über andere Rock-Covers wie “Eye of the tiger” und “Ace of spades” bis hin zu ‘deutschem Liedgut’ ihr Rockgrass-Party-Konzept durch. Denn als man thematisch im Programm bei ‘Alkohol’ angekommen war,
servierten Hayseed Dixie zunächst “Schnaps, das war sein letztes Wort” (bei dem sich die Whisky-Flasche von Joe Hymas als sehr passendes Utensil erwies) und etwas später einen etwas improvisiert klingenden deutschen Song über Schwarzbier. Aber auch das lengendäre Travis-Tritt-Marty-Stuart-Duett “The whisky ain’t workin’ anymore” fast seinen Weg in’s Hayseed Dixie Programm. Bei “Don’t stop believing” erkannte man übrigens sofort, wo die deutschen Grass-Country-Rock-Musiker De Waltons diesen Song für ihr eigenes Programm gefunden hatten und die Besonderheit von “Highway to hell” war, dass dieser Song zwischendurch auch Teile von “Free Bird”, “Tiny Dancer” und anderen Songs enthielt. Hayseed Dixie spielten jedoch auch ein paar ihrer eigenen Songs, z.B. das energetische “Cucumberanus breakdown”, ein Instrumental, bei dem an diesem Abend besonders die Mandoline im Vordergrund stand. Der Freitagabend in der Halle der Firma Oechsle endete mit “Y.M.C.A.” und “Dueling Banjos” und liess nicht nur mich mit ‘Lust auf mehr’ zurück.
Leider war dies der vorerst letzte Auftritt der Band, die in den USA, Großbritannien und Deutschland zuhause ist (Sänger John Wheeler lebt seit 5 Jahren in Heidelberg), auf dem Europäischen Festland. Im Oktober sind sie für 17 Shows quer durch Großbritannien unterwegs. In Deutschland ist das nächste Konzert erst im März 2026 in Düsseldorf geplant. Man darf hoffen, dass es anlässlich des gerade erst fertig eingespielten und für eine Veröffentlichung im Januar 2026 geplanten neuen Albums von Hayseed Dixie noch weitere Shows in Deutschland geben wird.



















