Frühe Country-Musik-Sängerinnen – ein Überblick


Eine der frühen ganz bekannten Country-Sängerinnen: Kitty Wells

Fast 100 Jahre sind inzwischen vergangen, seit die ersten Country-Musik-Songs auf Tonträgern veröffentlicht wurden und fast genau so lange gibt es auch schon Country-Musik-Sängerinnen! Zwar waren es die ersten Jahre nicht so viele wie heute, aber spätestens seit der Einführung des Radios wurden es kontinuierlich immer mehr.

Zwar wurden aus der Anfangszeit längst nicht Alle so bekannt, so das man bis heute ihre Namen nennt, aber es waren doch mehr, als man sich denken mag!

Lassen wir mal alle diejenigen weg, die entweder in der Vaudeville – Szene beheimatet waren, oder die reinen Gospelsängerinnen, so sind es doch erstaunlich viele aus der Zeit der 20er, 30er und Anfang der 40er Jahren, der Vorkriegszeit.

Es begann bereits 1924 mit Roba Stanley und Connie Siders. Weiter ging es mit Moonshine Kate 1925, Flora Noles 1925, Daphne Burns 1927, Sue Morgan 1928, Lula Jackson 1928, Nettie Robertson 1929, Josie Ellers 1929, Billie Maxwell 1929, Bess Pennington 1930, Ollie Hess 1931 und Buerl Sisney auch 1931.

Das sind schon Eine mehr, als ein Dutzend!!! Und im Laufe der Zeit kamen noch viele mehr dazu!

Während des 2. Weltkriegs, in den die USA 1941 nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor, eintraten, stieg die Anzahl im Verhältnis zu den männlichen Interpreten stark an.

Die Nachkriegszeit brachte dann diejenigen Sänger, die Kriegsdienst geleistet hatten, zurück und somit sank die Zahl im Verhältnis wieder. Aber viele der früheren Interpretinnen kamen z.B. nach einer „Kinderpause“ wieder zurück und es kamen ja auch neue Interpretinnen dazu.

Patsy Montana (Rubye Blevins), Linda Parker (Jean Meunich), Lulu Belle (Eleanor Cooper), Eva Overstake und ihre Schwestern Evelyn und Lucille als Trio „Three Little Maiden“, Grace Wilson, Louise Massey, Cousin Emmy (Cynthia May Carver), Lily May Ledford von den „Coon Creek Girls“ der ersten reinen „Girlie-Band“, Louisiana Lou (Eva Mae Greenwood), Judy Canova und noch viele mehr.

Zu dieser Zeit kamen auch die ersten Songschreiberinnen, von denen vor Allem Jenny Lou Carson und Cindy Walker zu nennen sind, die viele Songs, die heute noch bekannte „Standards“ sind, schrieben. (Mehr dazu in den entsprechenden Biographien.)

Es kamen aber auch diverse Filmschauspielerinnen (z.B. in den „B-Movie´s“, den Westernfilmen der 30er Jahre), die auch sangen, dazu und es kamen die Sängerinnen dazu, die in den „SOUNDIES“ auftraten.
(Soundies waren dreiminütige 16 mm Filme, produziert in New York, Chicago und Hollywood, in denen ein Song oder aber auch eine Instrumental-Nummer einer Band, aufgenommen wurden – also gewissermaßen Vorgänger der heutigen Video-Clips.)

Zurück zu den Anfängen in den 20er und 30er Jahren:

Die ersten Countrysängerinnen stammten fast alle aus sehr ärmlichen Verhältnissen und kamen fast alle aus den Appalachen. Erst in den späteren Jahren kamen auch Sängerinnen aus anderen Gebieten dazu.
Viele Mädchen verließen während der Depression in den 30er Jahren, die Schule mit 14/15 Jahren, um einen Job zu finden und damit die meist kinderreichen Familien zu unterstützen. Oftmals wurde auch sehr früh geheiratet, fast immer noch als Teenager – aber, wenn die Männer keinen Job hatten … also war Heirat nicht unbedingt eine Option. Oftmals erfolgte auch schon nach wenigen Jahren die Scheidung, oder die „Herren der Schöpfung“ machten sich aus dem Staub und überließen die jungen Frauen, die dann z.T. schon drei, vier Kinder hatten, ihrem Schicksal. So kam es, das viele junge Frauen, ja teilweise halbe Kinder noch, dringend einen Job suchten.
Wer eine gute Stimme hatte, versuchte sich als Sängerin. Zwar war das auch kein leichter Job, aber es war sicher angenehmer, als irgendwo in einer Fabrik zu arbeiten, oder als Kellnerin sein Geld zu verdienen, sofern es für Frauen überhaupt Möglichkeiten zum Geldverdienen gab!

Neben den Auftritts-Möglichkeiten bei den Radiostationen z.B. in den Barndance-Shows, mußten sie aber auch auf Tourneen gehen, weil es örtlich meistens nur wenig Möglichkeiten gab und da das Publikum auch Abwechslung haben wollte. Also mußte man von Kneipe zu Kneipe, von Saal zu Saal ziehen, was nicht so einfach war.

Die Tournee-Busse mit denen die heutigen Country-Stars zu ihren Auftritten fahren, gab es damals noch nicht, man hatte sich mit privaten Automobilen, in die man sich mitsamt den Instrumenten hinein quetschte, zu begnügen. Und man war oftmals viele Stunden unterwegs bis zum nächsten Ort, wo man Auftreten durfte, mußte …

Auch waren die Lokalitäten manchmal recht dürftig, um nicht zu sagen: primitiv.
Künstlergarderoben (so, wie heute üblich) gab es nicht. Umziehen mußte man sich im Hotel, sofern man nicht hinter der Bühne in einem Abstellraum unterkommen mußte, weil ein Hotel für den Veranstalter zu teuer war, oder der sich das einfach nicht leisten wollte!

In den späten 40ern wurde Patti Page mit dem “Tennessee Waltz“ eine der bekanntesten Sängerinnen.
Es war 1947 und Patti hatte kein Geld für Backup-Sängerinnen bei der Produktion der Single, so kam Manager Jack Rael auf die Idee, Patti mit sich selbst als Duo singen zu lassen!
Damit war das ‘Overdubbing‘ erfunden. Einige Jahre später wurde das für Les Paul & Mary Ford zu einem weltberühmten Markenzeichen und sie wurden fälschlicherweise als die Erfinder dieser Technik angesehen.

Eine weitere Sängerin dieser Ära war Kay Starr (Katheryn La Vern Starks), die als Duettpartnerin für Tennessee Ernie Ford bekannt wurde. Die spätere Pop-Sängerin Jo Stafford begann zusammen mit ihren Schwestern Pauline und Christine als Country-Trio ‘Stafford Sisters‘ ab 1935.

Die dominierende Countrysängerin dieser Zeit aber war Kitty Wells.
Zwischen 1945 und 1955 war der ‘Honky Tonk-Stil‘ sehr in Mode gekommen. Zwar mehr eine Domäne der Herren, gab es doch auch Sängerinnen, die damit recht erfolgreich waren, wie z.B. Rose Maddox & Maddox Brothers (tja, manchmal ging es dann doch nicht ohne die ‘Kerle‘. Ab 1956 machte sie dann ihre ersten Solo-Aufnahmen.

Aber ganz lustig – die Maddox Brothers bekamen ein Auftrittsangebot nur unter der Bedingung, daß sie eine Sängerin in der Band hatten. Aber, woher so schnell eine Sängerin herkriegen??? Vor lauter Verzweiflung und mit viel Bettelei bei der Mutter, verfiel man auf die kleine Schwester Rose – – – das aber hatte einen Haken, Rose war erst 13 Jahre alt und in dem Alter in einem Honky-Tonk auftreten? Nach langer Zeit ließ sich die Mama erweichen – unter der Bedingung, sie würde jeden Abend dabei sein. Vermutlich hat Rose älter ausgesehen, daß man sie für 18 J. ausgeben konnte (oder dem Veranstalter war das Alter seiner Sängerin egal).

‘Texan Charline Arthur‘ war die erste Boogie-Woogie Sängerin. Sie bewegte sich in etwa auf der Bühne, wie später Elvis!

Goldie Hill kam zum Kontrabass, wie die Jungfrau zum Kind (Pardon!!!), ein Bandleader hatte Nachmittags in einer Kneipe erzählt, daß er eine Sängerin suchte, die auch den Kontrabass spielen könne und Goldie´s Bruder Tommy sagte eiskalt, die kann ich Dir besorgen! Goldie wollte zwar als Sängerin auftreten, hatte aber noch nie so ein Instrument in Händen gehalten. Tommy zeigte ihr, wie sie den Bass halten mußte und wie sie darauf spielen sollte und drei Stunden später stand sie mit dem Bass auf der Bühne. Entweder hatte sie Talent dafür – – – oder man nahm das bei einer hübschen Sängerin nicht so genau?!?

Hatten frühere Sängerinnen oft mit dem Alter gelogen, sich älter gemacht, um überhaupt auftreten zu dürfen, kamen in den späten 40er und frühen 50er die
‘Kinderstars‘ in Mode. Es kamen aber auch vermehrt Ehepaar-Duos auf den Markt.

Im Jahr 1959, das war das Jahr in dem Loretta Lynn ihre Karriere begann, lebten noch 50 Millionen Amerikaner unterhalb der Armutsgrenze! Das waren 22,4 % – aber zur Zeit ihrer Kindheit, in den 40er Jahren, war es noch viel schlimmer!

In dem Film ‘Coalminers Daughter‘, der ja das Leben und den Werdegang dieser Ausnahme-Künstlerin beschreibt, hat man Vieles weggelassen, oder aber als nicht so schlimm, wie es wirklich war, dargestellt.
Doch – – – ein Film soll ja unterhalten und nicht die Zuschauer depressiv werden lassen!

Auch zu der Zeit, als Loretta geheiratet hat, wohnte sie immer noch in einer ‘Bruchbude‘, jetzt nur in einer Anderen!!!
Diese Verhältnisse wurden erst in den späten 50er/ Anfang der 60er Jahre besser.
Die Interpretinnen waren zu dieser Zeit auch noch relativ überschaubar, wenn man mal von den „One-Song-Wondern“ absehen will. Das hat es aber eigentlich immer gegeben, Interpreten, die ein, zwei Songs hatten und dann wieder in der Versenkung verschwanden.

Außer den Solosängerinnen hat es natürlich auch von Anfang an immer „Kombinationen“ gegeben. Angefangen von Duos bis hin zur ganzen „Nur-Girl-Band“ oder zu „Familien-Ensembles“, in denen aber meist auch männliche Musiker dabei waren.

In den 70er/80er Jahren explodierte die Anzahl der Country-Sängerinnen, doch viele schafften den großen „Durchbruch“ nicht, was aber teilweise nicht an mangelnden Fähigkeiten lag, oftmals lagen die Auffassungen der Interpreten und die der Schallplatten-Produzenten „meilenweit“ auseinander! Das wurde erst gegen Ende des Jahrhunderts besser, als auch immer mehr Interpretinnen größere Freiheiten bei der Ausgestaltung, ja bei der Produktion selbst bekamen.

Zwar hatte es in den frühen Jahren schon Sängerinnen gegeben, die gleichzeitig auch Songwriterinnen waren, so kamen doch, je weiter die Zeit fortschritt, immer mehr Songwriterinnen in die Öffentlichkeit. Auch solche, die nicht unbedingt selber sangen, sondern für andere Künstler schrieben.

Die bekanntesten, die allerdings bereits in den 50ern von sich Reden machten, waren wohl Jenny Lou Carson und Cindy Walker, deren Songs heute noch zu den Country-Standards zählen.

In den 60er und 70er Jahren schwappte eine Welle von neuer Religiosität durch die USA, die auch diverse Country-Sängerinnen erfasste. Etliche davon wandten sich ganz und gar der religiösen Musik zu, sie also zu Gospelsängerinnen wurden, einige ließen sich sogar als ‘Minister‘ ausbilden und zogen (meist mit Ehemann) als Wanderprediger durch die Lande.
Noch später näherte sich die Country Musik immer mehr dem Pop-Sound an, doch in letzter Zeit besinnen sich viele Country-Interpreten wieder und man kann z.B. auch bei jungen Künstlern/innen das ‘back to the roots‘ erfreulicherweise wieder feststellen.

So, das war ein – vermutlich viel zu lang gewordener Überblick.

Einzelheiten gibt es dann wieder in den Künstler-Porträts, die in Bälde wieder folgen werden.

Dieter Mühlena