| The Infamous Stringdusters v. Walter Fuchs Auszugsweiser Vorabdruck aus dem „Folker!" 03.08 Mai-Juni mit freundlicher Genehmigung.
Ein Paradebeispiel für den raketenartigen Aufstieg einer solchen Gruppe der 5. Generation sind die „Infamous Stringdusters", die sich beim 6. Internationalen Bühler Bluegrass Festival in Bühl/Baden am 03. Mai 2008 zum ersten Male in Europa vorstellen. Geradezu magnetartig schienen sich die sechs Akteure der ersten Stunde (Chris Eldridge, Gitarre; Andy Hall, Dobro; Jeremy Garrett, Fiddle: Jesse Cobb, Mandoline; Chris Pandolfi, Banjo und Alan Bartram, Bass) gegenseitig angezogen zu haben, um endlich 2004 die „Infamous Stringdusters" in Nashville/Tennessee zu gründen. Nach der Veröffentlichung ihres Debut-Albums 2007 wurden sie zur Sensation der Szene und erhielten von der International Bluegrass Music Association (IBMA) gleich 3 Awards: Bestes Album, Bester Song und Beste Newcomer. Der ausdrucksstarke Gesang, die perfekte Beherrschung der Instrumente mit dem entsprechenden jazzmässigen Improvisationstalent und das unglaubliche Feeling für die tiefschürfenden Songtexte faszinieren jeden Konzertbesucher. Die aktuelle Besetzung der „Infamous Stringdusters": Andy Hall, Dobro; Jeremy Garrett, Fiddle; Jesse Cobb, Mandoline; Andy Falco, Gitarre; Chris Pandolfi, Banjo und Travis Book, Bass. Wir hatten Gelegenheit, mit Travis Book, dem Bassisten der Band, zu sprechen: Q: Travis, wie und wo kamen die Mitglieder der „Infamous Stringdusters" zusammen, um eine Band zu gründen? A: Nun, das dauerte schon eine geraume Zeit. Chris Pandolfi, Andy Hall und Chris Eldridge trafen sich mit Hilfe eines gemeinsamen Freundes, eines Bassisten, im Berklee College of Music in Boston. Die vier Musiker jammten zusammen, hatten eine Menge Spass und beschlossen, irgendwann mal eine Band zu gründen. Doch Hall hatte gerade sein Studium in Boston beendet und wollte nach Nashville übersiedeln, Pandolfi hatte eben mit dem Studium in Boston begonnen und Eldridge hatte sich im Oberlin College Conservatory in Oberlin/Ohio eingetragen. Hall zog also nach Nashville und traf dort in Ronnie Bowmans Band Jeremy Garrett und Jesse Cobb. Als Eldridge und Pandolfi ihr Studium abgeschlossen hatten, zogen auch sie nach Nashville, um die einst geplante Band zu gründen. Hall wollte Garrett und Cobb mit dabei haben, als Bassisten fand man Alan Bartram, der jedoch 2006 während den Aufnahmen zum Debut-Album „Fork In The Road" (deshalb ist Bartram nur in 6 Stücken des Albums zu hören) zur Del McCoury überwechselte. Da erinnerte man sich an Travis Book, also an mich, denn wir hatten uns 2004 bei der IBMA Convention in Louisville/Kentucky getroffen. Die Jungs nahmen Kontakt zu mir auf und boten mir einen Platz in der Band an. Im Herbst 2006 zog ich nach Nashville und damit war die Band wieder komplett. Q: Wie kam es zu dem Namen „The Infamous Stringdusters? A: „Stringdusters" war die Idee von Chris Eldridge’s Vater Ben Eldridge (Ben Eldridge ist Gründungsmitglied der Gruppe „Seldom Scene). Der Name gefiel uns, doch wir entdeckten, dass es schon andere „Stringdusters" gab. Deshalb fügten wir „Infamous" hinzu, um uns zu unterscheiden. Wir finden, es ist ein recht guter Name. Q: Soweit ich informiert bin, seid ihr alle von unterschiedlichen musikalischen Stilen geprägt. Warum habt ihr euch dann für Bluegrass entschieden? A: Ich denke, wir wurden alle durch die menschliche Gemeinschaft geprägt in der wir aufgewachsen sind, durch die Szene, durch die gemeinsame Musik, die Historie und den Klang. Doch dann hat uns irgendwann die Bluegrass Music fasziniert. Natürlich lieben wir auch noch eine ganze Menge anderer Musik, doch Musik auf der Basis von Bluegrass, die verbindet uns alle. Q: Warum hat Chris Eldridge die Band so rasch verlassen? A: Er hatte bereits im Sommer 2006 beschlossen, die Band zu verlassen. Ich weiss, dieser Entschluss war für ihn nicht einfach und wir waren zunächst auch sehr enttäuscht. Dennoch war sein Ausscheiden für die Gruppe auch sehr positiv, denn Andy Falco, Eldridge’s Nachfolger, war ein grosser Segen für uns. Er ist ein brillanter Musiker, passt exakt zu unserem Sound und ist eine wichtige Stütze unserer Musik. Er bringt eine Menge Erfahrung mit, verfügt über eine unglaubliche Arbeitsmoral und gehört zu meinen persönlichen Favoriten. Es scheint sogar so, als wäre er schon immer in der Band gewesen. Eldridge’s Zeit mit der Band war grossartig, aber wir schauen nicht zurück. Q: Im Jahre 2007 platzten die „Infamous Stringdusters" mit einem Knall in die Szene. Mit eurer Debut-CD wurdet ihr zur Sensation des Jahres. Sechs junge Musiker spielen eine Art Bluegrass Music, die man vorher nie gehört hatte. Was macht den Unterschied eurer Musik aus verglichen mit den alten Bands von Bill Monroe oder Lester Flatt & Earl Scruggs? A: Als Bill Monroe die Szene damals aufmischte, erregte er eine Menge Aufmerksamkeit und Begeisterung. Er hat etwas getan, was keiner vor ihm getan hatte. Er nahm alle die Einflüsse, die ihn geprägt hatten, wie Fiddle Music, Blues, Gospel, Country und Old Time, und mischte das Ganze zu etwas ganz Neuem. Wir machen etwas ähnliches, obgleich wir nicht die Pioniere sind wie er einer war. Wir greifen zu jenen Einflüssen, denen wir ausgesetzt waren, zu jener Musik die wir spielten und liebten, wie etwa Rock and Roll, Jazz, Country, Jamband Music und natürlich auch Bluegrass. Aus all diesen Beeinflussungen mischen wir für uns etwas ursprüngliches und einzigartiges. Der grosse Unterschied zwischen Monroe und uns ist die Tatsache, dass er ein echtes Original war und wir nicht die ersten sind, die aus den erwähnten Einflüssen etwas Neues kreieren. Doch wir sind die ersten, die es auf unsere eigene, ganz besondere Weise tun. Wir wissen, dass wir nicht die ersten sind die Bluegrass mit Jazz oder Rock oder Jamband Music kombinieren. Was uns jedoch unterscheidet ist, dass unsere Musik für uns einmalig ist. Kein anderer tut das, was wir tun, auf die Art und Weise wie wir. Q: Beim IBMA Festival im Oktober 2007 in Nashville erhielten die „Infamous Stringdusters" insgesamt 3 Awards. Es war sensationell. Habt ihr das erwartet? A: Nein, keine Sekunde lang. Der „Emerging Artist" Award schien möglich, denn die Anzahl der in Frage kommenden neuen Gruppen war überschaubar. Aber Song und Album des Jahres, diese beiden Auszeichnungen kamen völlig unerwartet. Der erste Award des Abends war „Song Of The Year", man verkündete es und wir standen da, grinsten wie eine Gruppe Idioten. Es war wirklich erstaunlich, wir waren geschockt. Q: Nach eurem Debut-Album „Fork in the Road" im Jahre 2007, arbeitet ihr ja jetzt an einem zweiten Album. Was können die Fans erwarten? A: Als wir „Fork in the Road" aufgenommen haben, hatten wir überhaupt noch nicht getourt, wir waren ganz einfach nur eine Band. Ich selbst war bei knapp der Hälfte aller Titel mit dabei. Nun hatten wir inzwischen eine ganze Menge Zeit füreinander. Man ist auf den Tourneen fast immer zusammen, macht Musik und lernt voneinander. Das nächste Album, es wird einfach „The Infamous Stringdusters" heissen, ist das Resultat dieser Erfahrungen miteinander. Es ist irgendwie geschlossener, kompakter und zeigt auch gleichzeitig die verschiedenen Seiten der Band auf. Jedenfalls baut es auf „Fork in the Road" auf. Es zeigt den nächsten Schritt in der Entwicklung unserer Band. Wir sind wirklich stolz darauf, wir denken, wir präsentieren wieder grossartige Musik und wir können es kaum erwarten, auf die Bühnen zu kommen und den Leuten ein paar Songs daraus vorzustellen. Q: Im Mai 2008 kommt ihr auf eine grosse Tournee nach Europa, vor allem nach Deutschland. Ist dies eure erste Tournee ausserhalb der USA? A: Nun, wir waren schon in Kanada, doch das ist für uns nicht so, als wäre man in einem anderen Land. Wir sind wirklich aufgeregt. Die meisten von uns waren noch nie in Europa und wir können es kaum erwarten. Q: Was erwartet ihr von der Europa-Tournee. Wie wichtig ist sie für das Prestige und den zukünftigen Erfolg der Band? A: Abgesehen davon, dass wir Europa geniessen wollen und Musik machen können, haben wir keine weiteren Erwartungen. Wir haben die einmalige Situation, dass wir alle gute Freunde sind. Zusammen zu musizieren ist ein Segen an sich, doch an dieser Aktivität auch noch andere Menschen teilhaben zu lassen, ist unbezahlbar. Wenn wir freundlich aufgenommen werden und die Reise auch noch finanziell erfolgreich ist, dann werden wir bestimmt wieder kommen. Falls nicht, dann hatten wir zumindest ein unglaubliches, einmaliges Erlebnis, von dem die meisten Menschen nur träumen können. Ich glaube nicht, dass diese Tournee zu sehr an Prestige und Erfolg geknüpft sein sollte, sondern mehr eine Frage der Erfahrung wird. Wenn wir unsere Musik vielen Menschen näher bringen, wenn wir dadurch in die Lage kommen, dass uns diese Menschen wieder sehen und hören wollen, das wäre absolut grossartig und dies ist auch unsere Hoffnung. Aber im Augenblick spreche ich jetzt für den Rest der Band: Wir schauen voller Erwartung auf diese erste Tournee in Europa. Ich bin sehr, sehr dankbar für die Möglichkeit unsere Musik mit neuen Leuten zu teilen, besonders mit solchen in einem anderen Land. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was ich möglicherweise von den Menschen die ich treffe alles lernen kann. Es könnte sogar mein Leben verändern. Doch ich habe im Moment keine Erwartungen in Bezug auf den Erfolg der Band. Q: Vor wenigen Jahren verlagerte die IBMA ihre Aktivitäten von Kentucky nach Nashville/Tennessee. Was halten Sie von diesem Entschluss? A: Als man nach Nashville zog, wurde aus dem Ganzen in erster Linie eine Geschäftskonferenz. Das war gleichzeitig gut und schlecht. Ich vermisse die alte Party-Atmosphäre, aber ich geniesse die Möglichkeit, dort viel Arbeit zu finden. Ich denke, in ein paar Jahren wird die Party-Atmosphäre zurückkommen, ich hoffe es zumindest. Q: Wie wichtig ist Nashville heutzutage für Bluegrass Musiker? A: Man kann Bluegrass überall spielen, wirklich „ÜBERALL"! Aber Nashville ist einfach voller grossartiger Musiker, grossartiger Bands, Stars, die Begleitmusiker suchen, auch für Sessions und Jams. Das sind alles Faktoren, die man sich wünscht, wenn man Profimusiker sein will. Auch geografisch, im Verhältnis zum Rest der USA, ist Nashville nicht zu schlagen. Du kannst in einem guten Tag nach New York City oder Denver/Colorado fahren. Das gibt dir die Möglichkeit relativ nahe von deinem Wohnort möglichst viele Fans zu treffen. Wenn du Musik machen, im Leben weiterkommen und von Bluegrass Music leben willst, dann ist Nashville für dich der richtige Ort. Q: Travis, besten Dank für das Gespräch. (Das Interview mit Travis Book führte Walter Fuchs) |
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