»Solche Musik hören sie vielleicht nie wieder«
Walter
Fuchs gab zum Auftakt des Museumsfestes in Renchen Einblicke in
die Musiktradition Amerikas
Von: Michael Müller
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Renchen (mmü).
Einen seltenen Einblick in die Musiktradition Amerikas
vermittelte der Vortrag von Walter Fuchs über die amerikanische
Eisenbahn und ihre Reflexion in den Folksongs der vergangenen
100 Jahre am Freitag zum Auftakt des Renchener Museumsfestes im
Keller des Grimmelshausenmuseums.
Amand Goegg hielt sich nach der Niederschlagung der badischen
Revolution auch eine Zeitlang in Amerika auf – das war die
Inspiration, für das diesjährige Museumsfest ein Programm rund
um die amerikanische Musiktradition zu schneidern. Einiges von
dem, was der Bühler Country-Experte Walter Fuchs über die
amerikanische Eisenbahn zu sagen hatte, könnte der große
Renchener Freiheitskämpfer vielleicht sogar noch aus erster Hand
erfahren haben.
Denn zu Goeggs USA-Zeit waren die Menschen mit Hilfe der
Eisenbahn gerade dabei, den Kontinent zu erobern. Ohne die
»Dampfrösser« wäre das nie zu schaffen gewesen. Mit Hilfe
weniger, dafür aber aussagestarker Zahlen machte Fuchs die
Rasanz deutlich, mit der das Schienennetz ausgebaut wurde. Er
ließ jedoch auch die Schattenseiten nicht unerwähnt. Etwa die
Rücksichtslosigkeit, mit der die Eisenbahngesellschaften
Indianer oder Farmer vertrieben, die ihren Streckenbauplänen im
Weg waren; oder die zahlreichen Unfälle – hervorgerufen oft
durch zu hohe Geschwindigkeiten auf dafür nicht ausgelegten
Gleisen. Die Geschichte von Casey Jones etwa, dem »brave
engineer«, dem tapferen Lokführer, der am 30. April 1900 mit
einer verzweifelten Notbremse noch versucht, den Aufprall seines
Zuges auf einen mitten auf der Strecke stehenden anderen Zug zu
verhindern, und bei diesem Unfall als einziger zu Tode kommt,
kennt in den USA jedes Kind.
Und so ranken sich um die Eisenbahn in den USA unzählige
Historien und Histörchen – und die befeuerten auch die
Kreativität unzähliger Liederschreiber. Und so ließ Fuchs denn
auch vor allem die Musik sprechen.
Beklemmende Dramen
Und das war vielleicht das wirklich Erhellende an diesem Abend.
»Hören Sie gut zu«, forderte Fuchs die Besucher im Museumskeller
auf, »solche Musik hören Sie vielleicht nie wieder in ihrem
Leben.« In der Tat: Es ist schon traurig, wie armselig die
heutige Musikszene geworden ist. Sparsam instrumentierte
Rezitative wie »The Davis Ltd.« von Jimmie Davis, in dem sich
unter anderem andeutet, welch gefährliches Leben die »Hobos«,
die Eisenbahn-Tramps also, lebten – da konnte es schon mal
passieren, dass sie, wenn sie vom Schaffner entdeckt wurden, aus
dem fahrenden Zug geworfen wurden –, oder beklemmende, die
Stimmung von Edward-Hopper-Gemälden evozierende Musik-Dramen wie
»Come the Morning« von Hank Snow, das von einem Mann erzählt,
der abends vom Hotelzimmer aus zusieht, wie unten auf den
Schienen ein Zug zusammengestellt wird, dabei seine letzte
Zigarette raucht – und plötzlich wird klar: Der Mann wird sich
noch in dieser Nacht umbringen –, die Zeiten, wo sich Musiker
und Produzenten so viel Mühe mit einem Stück Musik gaben, sind
lange vorbei. Und leider oft auch die Bereitschaft der Hörer,
sich mit solcher Musik intensiv zu beschäftigen.
In Renchen war gottlob noch ein bisschen »gute alte Zeit«
spürbar: Dort stieß Fuchs jedenfalls auf ein aufmerksames
Publikum. |
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