| Bluegrass-Szene Deutschland
Die Mainstream-Countrymusic klang zu jener Zeit, im Gegensatz zu heute, noch recht urwüchsig mit Stars wie Roy Acuff, Hank Williams oder Hank Snow. Doch die noch authentischere Bluegrass Music mit ihrer starken anglo-keltischen Wurzel und den Einflüssen des Blues war in den täglichen AFN-Countrymusic-Sendungen nur etwa zu 10% berücksichtigt. Zu hören waren vor allem Bill Monroe, Lester Flatt & Earl Scruggs, Don Reno & Red Smiley, die Osborne Brothers und die Stanley Brothers. Zum besseren Verständnis der damaligen Situation sollte erwähnt werden, dass es in den USA seinerzeit ja noch die allgemeine Wehrpflicht gab, das Militär war damit ein Spiegelbild der Gesellschaft und AFN hatte alle Schichten und Interessen zu bedienen, die Afro-Amerikaner (Negro Spirituals), die Hawaiianer (Hawaii Calls), die Jazzfreunde (Strictly From Dixie), die Christen (Hymns For Everyone – Hymns From Home) und eben die heimwehkranken Jungs vom Land, die oft zum ersten Mal fern der Heimat waren und die man mit Country Sendungen wie „Hillbilly Gasthaus" bei Stimmung halten wollte. Dass man dabei deutsche Zaungäste hatte, die sich sogar mit Wunschtiteln an den Sendungen aktiv beteiligten, schien den Amerikanern willkommen zu sein. Ab Mitte der 50er Jahre tauchten dann auch die ersten deutschen Country Musiker auf, z.B. Frank Baum, Chuck Herrmann oder Armin Edgar Schaible alias Eddie Wilson, um nur ein paar Namen zu nennen. Speziell mit Bluegrass Music tat man sich allerdings in Deutschland, und überhaupt in Europa, relativ schwer. Nach den grossen Erfolgen der American Folk Blues Festivals wagte das Konzert-Büro Lippmann & Rau vom 1.3. bis 20.3. 1966 das Festival of American Folk & Country Music. Geboten wurde ein repräsentativer Querschnitt durch die weisse amerikanische Folklore, von Old Time Music über Cajun bis hin zu Bluegrass. Die Tour ging quer durch Europa, von Hamburg über Genf, Köln, London, Stockholm, Kopenhagen, Berlin, München bis nach Basel. Das SWF-Fernsehen drehte in Baden-Baden vor stilvoller Studiokulisse mit Chefkameramann Michael Ballhaus eine fantastische Dokumentation, doch der Erfolg schien, zumindest in Deutschland, nicht gerade überwältigend gewesen zu sein, denn diese Tournee blieb eine Eintagsfliege. Dabei waren die weissen Akteure genau so authentisch wie ihre schwarzen Kollegen von den Folk Blues Festivals. Cousin Emmy und Roscoe Holcomb waren typische Vertreter der Old Time Music, Cyp Landreneau kam mit seiner Band aus den Bayous von Louisiana und die Stanley Brothers mit ihren Clynch Mountain Boys aus den Bergen von Virginia. Doch speziell in Deutschland traf diese Musik auf ein völlig unvorbereitetes Publikum und die Presse artikulierte reichliches Unverständnis. „Musik zum fröhlichen Bohnenverlesen" konnte man da lesen, als hätten die Afro-Amerikaner zum Baumwollpflücken nicht auch ihre Songs gesungen. Und der „Spiegel" betitelte seinen damaligen Festivalbericht „Die Kuh kalbt". Nein, mit solchen Überschriften und Bemerkungen konnte man der weissen amerikanischen Folklore keine kulturelle Anerkennung in Deutschland verschaffen. Dennoch, durch die AFN-Sendungen schien doch zumindest der Bluegrass-Sound als lebendiger Ausdruck amerikanischer Folklore ins Bewusstsein einiger Menschen in Europa gedrungen zu sein. Es gab plötzlich kleine Country Clubs und Vereine, über die man an die Mail-Order-Adressen in den USA kam, wo man Platten der Firma Starday, die sich auf Bluegrass spezialisiert hatte, bestellen konnte. Bald gab es auch private deutsche Importeure, die den Interessenten den Kauf erleichterten.
Weitere Gruppen, die vor allem im Süd- und Südwestdeutschen Raum bekannt wurden sind bezw. waren „Main Spring", „Helmut & The Hillbillies", „Rawhide", „Blue Side Of Town", „Shady Mix" und seit 1998 auch die Band „Night Run", die mit zum Besten zählt, was die deutsche Bluegrass Szene zur Zeit zu bieten hat. Wo es Bands gibt, da muss zwangsläufig auch eine Szene existieren, mit Fans und Festivals. Das wohl älteste deutsche Country Music Festival, das auch immer wieder Bluegrass Music präsentierte, war Anfang der 60er Jahre in Neusüdende bei Oldenburg durch Reinhard Pietsch und ein paar andere Enthusiasten ins Leben gerufen worden und hatte im Verlauf der Jahrzehnte Top Stars wie Bill Monroe und die Osborne Brothers angelockt. Leider ist dieses Festival in seiner bisherigen Form, seit Mitte der 80er Jahre unter der bewährten Leitung von Klaus Grotelüschen, 2006 zum letzten Mal abgehalten worden. Ein weiteres gemischtes Country & Bluegrass - Festival wird seit 24 Jahren in Kötz bei Günzburg veranstaltet. Das einzige jährliche auf Bluegrass spezialisierte Festival existierte von 1986 bis 2001 in Güglingen bei Heilbronn unter der fachkundigen Leitung von Karl Heinz Siber und Anneli Baumann. Leider musste dieses Festival trotz guten Zuspruchs aus organisatorischen Gründen eingestellt werden, sodass Deutschland im Jahre 2002 ohne Bluegrass Festival auskommen musste. Doch dies bedeutete keineswegs das Ende der deutschen Bluegrass Szene, im Gegenteil, es sollte mit viel Elan und Erfolg weitergehen.
Doch die Hilfe nahte. Im Grossraum Baden-Baden hatten ab Ende der 90er Jahre Experten entdeckt, wie ein seriöses Hotelpublikum auf Bluegrass Music reagierte, nämlich äusserst positiv. Es wurde klar, Bluegrass Music musste in die Konzertsäle und Theater. Auch auf einer Kleinkunstbühne in Bühl/Baden machte man positive Erfahrungen mit dieser Musik und damit war Dank einer Initiative der Bühler Stadtverwaltung der Weg frei für das 1. Internationale Bühler Bluegrass Festival, das 2003 mit 480 Besuchern aus ganz Europa begonnen hatte und nun im Jahre 2007 bei 780 Besuchern steht, einem Publikum, das Musik hören will in einem akustisch einwandfreien Ambiente.
Was lernen wir daraus? Aufbauend auf den treuen Freunden von früher, muss man für Bluegrass Music und unplugged Country Music ein neues Publikum erschliessen. In Bühl geht man neuerdings mit Bluegrass Bands sogar in die Schulen. Nur so kann eine kulturelle Basis und Anerkennung für Bluegrass Music und die gesamte seriöse amerikanische Folklore geschaffen werden. Walter Fuchs
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