Northeim Goes Country Again
"Denk ich an Northeim in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht". Diese Zeilen, frei nach Heinrich Heine, kommen mir in den Sinn, wenn ich an Northeim und den Premierenflop vom vergangenen Jahr denke unter dem Motto „Northeim Goes Country". Damals waren nur ein paar hundert Fans zum dreitägigen Spektakel ins Northeimer Amphitheater angereist, bei idealem Wetter, an einen herrlich gelegenen Veranstaltungsort, der bis zu 8.000 Besuchern Platz bietet. Der traurige Blick von Northeims Bürgermeister Irnfried Rabe verfolgt mich noch heute. Doch schon wenige Tage danach verlautete aus dem Northeimer Kulturamt: „Wir machen im nächsten Jahr weiter!" Alle Achtung!
Nun ist es also wieder soweit. Vom 01. bis 03. September 2006 läuft die zweite Ausgabe von „Northeim Goes Country" in der Northeimer Stadthalle ab, „indoor" also, in einer Halle, die laut Harald März, dem Cheforganisator der 3-tägigen Veranstaltung, bis zu 1.000 Besucher fassen kann. Ob sie kommen, die deutschen Country Freaks, das ist die grosse Frage. Nachdem das Traditionsfestival von Neusüdende die Tore schliesst, ein Festival bei Fürth das Handtuch wirft und sogar das bekannte Kötzer Festival neuerdings etwas schwächelt, ist die Frage nach der Zukunft der deutschen Country „live" Szene legitim. Weiß man doch inzwischen, dass sich der deutsche Country Fan eher für ein Festival in Upper Bugtassel im amerikanischen Hinterland interessiert, als für eine Veranstaltung zu Hause um die Ecke. Nein, als Veranstalter kann man mit dem deutschen Country Fan künftig nicht mehr unbedingt rechnen. Da muss man neue Wege gehen, um neue Bevölkerungsschichten zu erschliessen, Menschen, die einfach gute Musik hören wollen, die noch zuhören können, die intelligent genug sind, um gute Texte zu verstehen und gute Instrumentalsoli zu bewerten. Dieses Publikum ist da, man muss es nur erreichen. Aber genau dies ist die Crux. Generell gilt die Binsenweisheit: Man hat das Publikum das man verdient. Wer Zweit- und Drittklassiges präsentiert, braucht sich nicht über sein Publikum zu wundern. Wer mit „Cowboy" und „Western" Werbung macht erhält was er verdient. Selbst wenn heute eine anerkannte Persönlichkeit aus Politik oder Kultur öffentlich bekennen würde, er höre gerne Country Music, wäre dies nur ein Strohfeuer, denn die meisten neuen Interessenten würden sich nach einem Konzertbesuch in Deutschland mit Schaudern abwenden. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
Aber es gibt noch einen Weg, der Country Music neue Schichten zur erschliessen und damit wären wir wieder bei Northeim, wo man auf die Vernetzung von Städten hofft, das heisst über die Schiene Northeim- Magdeburg- Nashville und Northeim-Mrongowo/Polen. Neben der Musik geht es dem Veranstalter nach eigenen Worten auch um Frieden, Freundschaft, Heimat und Emotionen. Die Stadt Northeim freut sich auf hochkarätige Musiker, Journalisten und Politiker und Northeim will in Sachen ‚Country’ einiges bewegen, getreu dem Motto „Country kann auch etwas mit Kultur zu tun haben". Sehr richtig, denn diese Botschaft ist leider bis jetzt bei den meisten Kulturschaffenden in Deutschland noch nicht angekommen, doch da ist eben wieder teilweise die Szene selbst schuld, womit wir wieder am Ausgangspunkt angelangt wären.
Stellt sich also die Frage, ob das hehre Ziel und der hohe Anspruch von Northeim erreicht werden können. Lobenswert die Schirmherrschaft des Honorarkonsuls Douglas Berry, der als Präsident des Städtepartnerschaftsvereins „Sister Cities of Nashville" ein engagiertes Grusswort präsentiert. Doch die Kernfrage bleibt. Kann eine Szene, die teilweise nicht einmal mit Hilfe grosser amerikanischer Stars zu bewegen ist, durch Namen wie Lonstar & Band, Long Bob, der Trapper Clown, Alicja Boncol, Koalicja oder Jukebox nach Northeim gelockt werden? Nichts gegen diese Künstler und ihre Bands, sie mögen ja gut sein, nur es kennt sie kaum einer. Zu viel Neues und Unbekanntes kann immer ins Auge gehen. Gut, da wären auch noch Katja Kaye, Anne Haigis, Burkhard Brozat, Kathleen Leinemann, Gino Trovatello, Matthias Stingl sowie eine deutsche Cowboy Band und aus den USA wurden verpflichtet Dennis Locorriere (Dr. Hook lässt grüssen), Steve Haggard, Joel Alan Lehman und Gail Lloyd. Aber entfernt man sich da nicht wieder teilweise zu weit von der Country Music? Wo sind die grossen U.S.Stars?
Das Festival in Mrongowo Ende Juli 2006 hat an 3 Tagen mindestens 30.000 Besucher angezogen. In der Stadthalle von Northeim finden 1.000 Menschen Platz. Man darf gespannt sein, ob in diesem Jahr die Auswahl der Künstler stimmt und die Rechnung der Stadt aufgeht.
Walter Fuchs