Das Ende von Neusüdende
Ganz
überraschend kam die Meldung nicht, dass Klaus Grotelüschen ab 2007 keine
Festivals mehr in Neusüdende veranstalten will. Dennoch sass der Schock über die
Nachricht tief. Erst ein persönliches Telefongespräch mit Klaus bestätigte die
Ernsthaftigkeit seines Entschlusses, dies sei keine vorübergehende
Stimmungslage, kein Festival-Blues, nein, dies sei das Ende einer
jahrzehntelangen Traditions-Veranstaltung, die jeweils mit viel Liebe und
Engagement vorbereitet und durchgeführt wurde und letztendlich immer erfolgreich
war, auch wenn sich der Veranstalter manchmal mehr Publikum gewünscht hätte. Die
Gründe für den „Tod" von Neusüdende sind vielfältig. Da ist einmal der Stress
mit der Organisation einer solchen Veranstaltung, bei der Klaus Grotelüschen
meist allein auf weiter Flur stand, da ist aber auch das Publikum, dessen harter
Kern zwar nach wie vor an der Musik interessiert war, aber Neusüdende, das war
auch die Veranstaltung auf der „grünen Wiese", der Camping-Platz, die
Honky-Tonk-Erwartungen und die Bierbar-Atmosphäre, Faktoren also, die man höchst
selten alle unter einen Hut bringen kann. Auch die Tonträgerumsätze waren im
Verlauf der Jahre merklich zurückgegangen, eine Tatsache, die im Falle von
Neusüdende gravierende Finanzierungsprobleme nach sich zog. Ein Ärgernis am
Rande: Deutsche Musiker waren zwar immer wieder brennend daran interessiert, in
Neusüdende aufzutreten, als Besucher der Festivals wurden sie dagegen eher
selten beobachtet. Kurz zusammengefasst, die Perspektiven für die positive
Entwicklung von Neusüdende waren nicht mehr auszumachen, die Möglichkeiten waren
ausgereizt und Klaus Grotelüschen hat die logische Konsequenz gezogen. Schade,
aber der Entschluss kam letztendlich nicht über Nacht und kennzeichnet nur das
Ergebnis zahlreicher negativer Erfahrungen und einer gründlichen Überlegung. Und
wer Klaus Grotelüschen kennt, der weiss, wie er selbst unter dieser Entscheidung
leidet.
Interessant
auch, wie das deutsche Country Publikum reagiert, ein Publikum, das in seiner
Mehrheit im Verlauf der Jahre und Jahrzehnte „Neusüdende" nicht oder nur am
Rande wahrgenommen hat. Jetzt aber, da es zu Ende geht, werden Krokodilstränen
vergossen. Man trauert diesem „grossartigen Festival" nach, obwohl man nie oder
höchst selten dort war. So jedenfalls kann man es in persönlichen Gesprächen, in
e-mails und Internet-Foren registrieren. Mit einem Publikum, das sich
mehrheitlich mit Banalitäten, Trivialitäten und Marginalien beschäftigt und zu
allem Überfluss auch noch allen möglichen Festivals in den USA hinterher jubelt,
das aber, sobald vor der Haustür in Deutschland Country Music vom Feinsten
präsentiert wird, nicht hinter dem Ofen hervorzulocken ist. Mit diesem Publikum
wird die Szene in Deutschland nicht zu retten sein. Das Niveau der deutschen
Country Music Szene ist rapide gesunken, da nützen auch die Country Songs im
deutschen Dudelfunk nichts genau so wenig wie der Johnny Cash Film oder die
Gruppe Texas Lightning. Was durch Johnny Cash und Texas Lightning allerdings
geschafft wurde scheint die Tatsache zu sein, dass das deutsche
Bildungsbürgertum und auch Teile der deutschen Presse, die Country Music
inzwischen aus einem etwas anderen, aus einem kulturellen Blickwinkel
betrachtet. Man kann es tatsächlich langsam wagen, in den Wandelgängen eines
deutschen Theaters oder im Rahmen eines Treffens alter Studienkollegen sich als
Liebhaber der Country Music zu outen. Hier liegt noch Publikums - Potential
brach, hier liegt die Zukunft der deutschen Country Music Szene, in den
Konzertsälen, Theatern und den Kleinkunstbühnen, fernab von den Westernstädten,
den Kneipen und den Bierzelten.
Walter Fuchs