4. Internationales Bühler Bluegrass-Festival ein rauschender Erfolg

Strahlende Gesichter gab es am Samstag, 29. April 2006 im Bühler Bürgerhaus Neuer Markt, als sich gegen 19 Uhr abzeichnete, dass das Haus mit seinen 700 Plätzen praktisch ausverkauft war. Der zweite Durchlauf, bei dem noch einmal alle 4 teilnehmenden Bands auf die Bühne kamen und der in ein „Grand Finale" mündete, fand vor voll besetzten Reihen statt, entsprechend knisternd war die Stimmung im Saal. Alles passte: Gute bis herausragende Darbietungen der Bands, stimmungsvolle Beleuchtung, ein lupenreiner Sound (dank der kompetenten Mischpultarbeit von Bernd Neuberger und Gerd Wienrank, sonst als Mitglieder der Heilbronner Countryband Dixie Wheels bekannt) und ein begeisterungsfähiges Publikum.

Unter der launigen und kundigen Moderation von Walter Fuchs, den manche seiner Fans wegen seiner Verdienste als Buchautor, Radiomacher und Multiplikator inoffiziell zum Country-Ritter geschlagen haben (indem sie ihn augenzwinkernd „Sir Walter" nennen) liefen folgende Gruppen zur Hochform auf: Red Wine (aus dem italienischen Genua), Chris Jones & the Night Drivers, Valerie Smith & Liberty Pike (beide aus Tennessee) und die Lokalmatadoren Night Run aus Karlsruhe. Der herausragende Musiker des Tages war Jesse Brock von den Night Drivers an der Mandoline, die größte Überraschung war, wie gut die Band von Valerie Smith die Stimmbandprobleme ihrer Leadsängerin wegsteckte und kompensierte. Wer mehr über den Verlauf des Festivals lesen möchte, sei auf die Homepage des Festivals verwiesen: www.bluegrass-buehl.de  (man muss dann ein bisschen nach dem Link zur Festival-Nachberichterstattung und zum Pressespiegel suchen).

Bei den Fans hat das Bühler BG-Festival den Durchbruch längst geschafft, bei der lokalen und regionalen Presse spätestens seit diesem Jahr ebenfalls. Und auch in der Bevölkerung des 30.000-Einwohner-Städtchens ist das Festival offenbar positiv verankert – von Jahr zu Jahr finden sich mehr Einheimische unter den Besuchern, und kaum einer kann sich der Faszination entziehen, die die Bluegrass-Musik ausstrahlen kann, wenn sie auf angemessenem Niveau und unter angemessenen Bedingungen zelebriert wird. Auffällig ist allerdings, dass das lokale „Bildungsbürgertum", wie man es etwa bei Klassik- oder Jazzkonzerten antrifft, beim Bluegrass-Festival noch relativ dünn gesät ist. So glänzt etwa die Lehrerschaft der Bühler Musikschule seit Anbeginn des Festivals durch vollständige Abwesenheit. Hier könnte offensichtlich noch einiges an Aufklärungsarbeit geleistet werden. Anderswo ist es schon gelungen, die Musiklehrerzunft von den Vorzügen des Bluegrass zu überzeugen.

Auch in einer zweiten Hinsicht lässt die „Demographie" des Bluegrass-Publikums einiges zu wünschen übrig. Es war in Bühl nicht zu übersehen, dass das Bluegrass-Publikum, gleich welche Maßstäbe man anlegt, verhältnismäßig alt ist. Das Durchschnittsalter dürfte bei 50 liegen, Leute unter 30 sah man kaum. Da bei Leuten über 30, und erst recht bei Leuten über 50, die Unternehmungslust in der Regel eher ab- als zunimmt, muss man es dem Bühler Festival doppelt hoch anrechnen, dass es so viele „alte Säcke" auf die Beine bringt. Aber wenn der Nachwuchs weitgehend ausbleibt, kann das auf die Dauer zum Problem werden. Man sollte von Veranstalterseite alles versuchen, um auch Teenager und Twens anzusprechen. Mag sein, dass bei diesen Altersgruppen Bluegrass als total „uncooles" Musikgenre gilt, aber das muss ja nicht ewig so bleiben. Zumindest sollte man annehmen, dass es in jeder Generation einige gibt, die individualistische und ichstark genug sind, sich der peer pressure ihrer Altersgenossen zu entziehen und auch mal etwas ganz anderes cool zu finden.

Die deutsche Bluegrass-Szene ist klein, aber sie lebt wenigstens und ist in vieler Hinsicht auch gesund (von der Überalterung mal abgesehen). Es ist verlockend, sie mit der deutschen Country-Szene zu vergleichen, die potentiell viel größer ist, aber wenig Leben zeigt. Der letztes Jahr von der Stadt Northeim bei Göttingen, die man in etwa mit Bühl vergleichen kann, unternommene Versuch, aus dem Stand heraus ein bedeutendes mehrtägiges Country-Festival auf die Beine zu stellen, endete mit einer herben Enttäuschung, denn statt der angepeilten 1000 Zuschauer pro Tag (bei 8000 zur Verfügung stehenden Plätzen ohnehin schon ein sehr bescheidenes Ziel) verloren sich nach unabhängigen Schätzungen an allen drei Tagen zusammen höchstens 800 Leute auf dem Festivalgelände. Sind die Bluegrass-Fans loyaler als die Country-Fans? Schwer zu sagen. Zahlreiche schlecht besuchte Bluegrass-Konzerte in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass die Loyalität auch in der BG-Szene enge Grenzen hat. Aber eines haben die deutschen BG-Fans offenbar erkannt: dass das Engagement einer Stadt wie Bühl die einzigartige Chance bietet, eine qualitativ hochwertige Veranstaltung aufzubauen, die vielleicht in wenigen Jahren potent genug sein wird, um auch Künstler aus der Bluegrass-Weltklasse verpflichten zu können, die man in Europa sonst nie zu sehen bekäme.

Die deutsche Country-Szene hat keine Veranstaltung, die eine solche Perspektive bietet. Northeim könnte sich dazu entwickeln, aber nur wenn die deutsche Country-Szene die dort liegende Chance erkennen und die Veranstaltung en masse unterstützen würde. Geht Northeims zweiter Anlauf dieses Jahr ebenfalls in die Binsen, dann wird nicht nur Northeim in absehbarer Zukunft die Finger von Country lassen. Auch andere Veranstalter werden ihre Lehre daraus ziehen, nämlich dass es in Deutschland keine lebensfähige Country-Szene gibt. Wenn sich so etwas in Veranstalterkreisen erst einmal herumspricht, wird es leicht zur self-fulfilling prophecy, denn in diesem Geschäft ist es nun einmal so, dass sowohl der Erfolg als auch der Misserfolg die Tendenz haben, sich selbst zu verstärken: Erfolg gebiert noch mehr Erfolg, Misserfolg gebiert noch mehr Misserfolg.

Das Bühler Bluegrass-Festival schwimmt auf der Erfolgswelle; alle Beteiligten sind hoch motiviert, das diesjährige Festival im nächsten Jahr noch zu toppen. Der Termin steht schon fest: Samstag, der 5. Mai 2007.

khs (Bilder © Buller & Smith & Grimes von Dr.Elmar Schmidt, die anderen von Jens Holger Jensen)