Sein Elternhaus steht noch ...
Irgendwo
zwischen all den Feldern der Farmer des Mississippi_County in Arkansas -
zwischen den Hügeln, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, liegt
gewissermaßen ein „Heiligtum der Countrymusic" und keiner kümmert sich darum!
Auch er selber hat sich da nie viel drum gekümmert, ab und zu wäre er mal in der
Gegend gesehen worden, aber lange hätte er sich dort nicht aufgehalten und das
läge auch schon lange zurück. War es das schäbige Äußere - oder waren es eher
noch die wohl doch schmerzlichen Erinnerungen, die mit diesem „Zuhause"
verbunden waren???
Niemand vermag das zu sagen - auch er nicht mehr, denn er weilt nicht mehr unter
uns und wohl so Einiges, was in seinem Leben geschehen ist, hat er nie in der
Öffentlichkeit publik gemacht. Vieles hat er verschwiegen, Manches hat er erst
viel später dann so publik gemacht, wie es wirklich gewesen ist, denn so Einiges
war dann wohl doch nicht so, wie man es sich so vorstellen würde. Und er wird
auch gewiß manches Mal daran gedacht haben, wie er etwas - sofern überhaupt -
den Leuten bekannt geben solle.
Dazu kam, daß er sich ein gewisses Image aufgebaut hatte, bzw. daß er sich darin
hat hineindrängen lassen. Ein Image, das nicht unbedingt der Objektivität
entsprach, auch wenn sein teilweise späteres Verhalten dieses Image
gewissermaßen zu untermauern schien, war es doch nicht so, wie es für Viele
aussah!
Es war ja nicht sein erstes Elternhaus - das Haus in dem er geboren wurde, steht
einige Meilen entfernt in Kingsland, Ark. - dort erblickte er am 26.02.1932 das
Licht der Welt! Er war gerade mal drei Jahre alt, als seine Eltern mit der
Familie umzogen. Das Dörfchen DYESS (heutige Einwohneranzahl ca. 515) in
dem Johnny Cash aufwuchs, existierte damals noch gar nicht. Nach
wirtschaftlichen Schwierigkeiten hatte die Regierung „neues Siedlungsland" zur
Verfügung gestellt, aber dieses Land mußte zunächst einmal gerodet werden - und
nicht nur dadurch kam auf die Familie (Seinen Vater, dessen Frau und sechs
Kinder) eine schwere Zeit zu. Der Vater und der älteste Sohn begannen das Land
zu roden und Baumwolle anzupflanzen. Die erste Ernte fiel gut aus, aber die
große Flut im nächsten Jahr (1937) zerstörte wieder Alles, was aufgebaut worden
war. Wie lange die Familie in diesem Haus überhaupt lebte, wer wann das
Elternhaus verlassen hat, wann das Haus in andere Hände überging, das hat man
wohl nicht für so wichtig erachtet, als daß es der Nachwelt als Aufzeichnungen
hinterlassen wurde, aber das ist auch gar nicht der Sinn dieses Artikels.
Zwar sieht das Haus heute nicht mehr genauso aus, wie zu Johnny´s
Jugendzeit und auch kein Hinweisschild zeigt einem den Weg. Wenn man nicht
(zufällig oder gezielt) an dem Café in DYESS halt machen, die Bilder aus
vergangenen Tagen sehen - und sich durchfragen würde, würde man dieses Haus gar
nicht einmal finden!
Erst durch den Film von James Mangold „Walk The Line" wurde der
Name DYESS wieder in´s Interesse der Öffentlichkeit gelenkt und durch den Film
kamen auch entsprechende Details aus seinem Leben aus der Versenkung.
Die Armut, in der die Familie lebte, die Arbeit auf den Baumwollfeldern, wo er
schon als kleiner Junge helfen mußte, der ewig schimpfende (und prügelnde) Vater
und die Mutter, die ihn abgöttisch liebte. Sie, die Trost fand in der Musik, die
aus dem Radio kam - Gospelmusic! Und dann war da noch der ältere Bruder - sein
Vorbild, zu dem Johnny aufsah - und daß für ihn eine Welt zusammenbrach,
als der Bruder bei der Arbeit in der Sägemühle um´s Leben kam!
Viele seiner später berühmt gewordenen Songs sind aus und in dieser Zeit
begründet, aus den Erinnerungen an die frühe Jugendzeit, dem Geratter der
Güterzüge, die aus der Ferne zu hören waren, den Gospelsongs, die seine Mutter
so liebte und natürlich auch die Erinnerung an diese Flut, die 1937 Alles
zerstörte, als der Fluß über die Ufer trat und die Ernte vernichtete. Auch
dieses Erlebnis hat er ja bekanntermaßen später in einem Song verarbeitet.
Aber das ist etwas, was der Film nicht einfängt - dieses archaische Gefühl in
seinen Songs - aus welcher Situation heraus sie entstanden sind! Erst wenn man
selber dieses Land sieht, begreift man auch, was
Johnny
in seiner Biographie geschrieben hat: „in Arkansas, a way of life produced
a certain Kind of music"!
Die Autofahrt von Little Rock, Ark. nach DYESS dauert nur wenige
Stunden - aber welche Welten liegen dazwischen! Hier kann man sich wirklich noch
wie in der Pionierzeit fühlen, wenn es nicht die Autowracks usw. entlang der
Landstraße geben würde. Vieles in dem Ort hat sich verändert, das Schulhaus, in
das Johnny Cash gegangen ist., ist ebenso abgebrannt wie die Sägemühle in
der sein Bruder um´s Leben kam! Das Elternhaus liegt ca. 1 Meile außerhalb des
Ortes, eine kurvenreiche kleine Straße, die über einige schmale Brücken führt,
geht dorthin. Wenn man nicht weiß, welches Haus das ist, würde man glatt daran
vorbei fahren!
Baumwolle wird hier nicht mehr angebaut, zumindest nicht auf dem Land das der
Familie Cash einmal gehört hat - Sojabohnen wachsen hier jetzt.
Aber das Land rund um´s Haus herum gehört schon lange nicht mehr zum Haus. So
sagte es Willie Steagall, der seit gut 30 Jahren hier jetzt lebt. Er ist
etwas schweigsam, interessiert sich mehr für Sport als für Musik. Ja, ein paar
alte Lieder von Johnny hätte er sicher noch auf alten Schallplatten, aber
er sei nie ein großer Fan von ihm gewesen. Ab und zu - aber das ganz selten -
würden hier mal einige Fans auftauchen, die noch von dem Haus wissen.
Sogar eine Japanerin sei mal da gewesen - aber sie konnte kein Englisch und so
hat er sie auch nicht verstehen können.
Bevor der Film gedreht wurde, da war ein Filmteam hier und hat sich Alles genau
angesehen - sie waren enttäuscht, daß hier keine Baumwolle mehr wuchs und so
haben sie für den Film ganz einfach das Haus irgendwo in einem Baumwollfeld als
Kulisse nachgebaut!
Das Haus ist sowieso im Laufe der Jahre immer mal wieder mal ausgebessert
worden, Türen und Fenster wurden ersetzt, so daß der Originalzustand schon lange
nicht mehr erhalten ist.
Er selber habe aber auch keinerlei Verbindung zu Johnny Cash und zu
seiner Geschichte und das hat ihn auch nicht dazu angehalten, das Haus in dem
ursprünglichen Zustand zu erhalten, vor Allem, da ja auch schon vor seiner Zeit
etwas gemacht worden wäre, um das Haus „im Stand" zu halten.
Wer weiß, was wohl durch Johnny´s Kopf gegangen ist, wenn er dort einmal
wieder war. Welche Gedanken wohl überwogen haben - Verbitterung, oder der
Gedanke, daß alles von Gott so voraus bestimmt gewesen ist? Zwar hat er erst so
richtig in späteren Jahren zum Glauben gefunden, aber danach war er einer der
gläubigsten Menschen, die ich je erlebt habe. Sicher wird er nicht mit Freude
und Stolz auf das Haus und an die Erinnerungen zurückdenken haben können, denn
sonst hätte er sich gewiß mehr darum gekümmert, dieses Haus seinen Fans und der
Nachwelt zu erhalten.
Wie
dem auch sei - demnächst ab 02. Februar ist der Film mit Joaquin Phoenix
in der Hautprolle und mit Reese Witherspoon in der Rolle seiner (zweiten)
Ehefrau June Carter-Cash auch hier in Deutschland zu sehen und sich
diesen Film anzuschauen, dürfte nicht nur für Johnny Cash Fans ein
absolutes Muß sein!
Genauso wie das Lesen seiner Biographie: „Ein Mann namens Cash"
von Steve Turner - deutsche Übersetzung: Christian Rendel
erschienen im:
- Johannis-Verlag, Lahr, Schwarzwald - ISBN 3-501-01510-0 © 2005
Jedem, der sich nur irgendwie für Johnny Cash interessiert, kann ich dieses Buch
wärmstens empfehlen. (Siehe auch Buchrezension weiter unten).
Dieter Mühlena