20. Country Night Gstaad mit Clint Black und Ricky Skaggs

Die Country Night im schweizerischen Gstaad fand am Freitag, den 12. September und Samstag, den 13. September 2008 zum 20. Mal statt. Wie immer war an beiden Tagen das Programm identisch, die Verpflegung fand in der dem Zelt der Alpengala angeschlossenen Tennishalle statt, was im Zelt selbst Konzertatmosphäre garantierte und einen durchweg problemlosen klaren und sauberen Sound bei der richtigen Lautstärke. Mit Clint Black hatte man als Headliner jenen Sänger verpflichtet, der im Jahr 1989 seine großartige Karriere gestartet hat, jenem Jahr, in welchem auch die Country Night Gstaad nach einer Idee von Marcel Bach zum ersten Mal stattfand.

Ricky Skaggs war es, der in diesem Jahr mit seiner Bluegrass Band Kentucky Thunder den musikalischen Höhepunkt setzte. Begonnen hatte seine Karriere schon mit 16 Jahren, als er bei Ralph Stanley & The Clinch Mountain Boys eingestiegen war. Ralph hatte Ricky Skaggs und Keith Whitley auf einer Bühne gesehen, the rest ist history. 1974 hatte ihn Charlie Waller in seine Band geholt, The Country Gentlemen. Ein Jahr später gründete Ricky seine eigene Band "Boone Creek", mit der er zwei hervorragende Bluegrass-Alben eingespielt hat. Als 1977 Rodney Crowell aus Emmylou Harris’ Hot Band ausstieg, füllte Ricky Skaggs diesen Platz aus und beeinflusste Emmylou Harris in ihrer musikalischen Ausrichtung in Richtung Bluegrass. Als bei Epic die LP "Waitin’ For The Sun To Shine" erschien, landete Ricky Skaggs ab 1981 hieraus massive Hits, was dazu führte, dass ihn die CMA 1982 zum besten Newcomer des Jahres und gleichzeitig zum besten Country Sänger des Jahres gewählt hat. Damit war der Künstler, der als Mandolinist, Fiddler, Gitarrist und Banjo-Spieler einerseits ein Top-Instrumentalist ist und andererseits eine herausragende Tenorstimme besitzt, ein Star. Er beschritt den Weg zum traditionellen Country, ohne seine Wurzeln im Bluegrass zu verleugnen. Seit der 90-er Jahre steht Ricky Skaggs nun wieder komplett auf dem Boden des Bluegrass und hat mit Kentucky Thunder eine Band aus sechs zusätzlichen Spitzenmusikern um sich geschart, die zu den besten des Genres gehört. 1999 hatten Ricky Skaggs & Kentucky Thunder ihren Einstand in Gstaad gegeben und zur 20. Ausgabe durften sie wiederkommen. Andy Leftwich an der Fiddle und Jim Mills am Banjo gehören zu den allerbesten ihres Faches und mit Cody Kilby haben sie einen exzellenten Mann an der akustischen Lead Guitar, der den Stars in nichts nachsteht. Mark Fain hat inzwischen am Kontrabass den Platz von Darren Vincent eingenommen, der im Oktober 2007 seine eigene Formation Dailey & Vincent ins Leben gerufen hat, Jamie Dailey ist sein Partner, zuvor neun Jahre lang Leadsänger bei Doyle Lawson & Quicksilver.

Mit "How Mountain Girls Can Love" setzten Ricky Skaggs & Kentucky Thunder sofort einen Höhepunkt und damit ein Qualitätszeichen, dem sie während ihres kompletten Auftritts treu blieben. Das Publikum reagierte entsprechend enthusiastisch. Den Vätern des Bluegrass hat Ricky Skaggs seine diesjährige CD „Honoring The Fathers of Bluegrass: Tribute to 1946 & 1947" gewidmet. Als Väter des Bluegrass ehrt er Bill Monroe, Lester Flatt, Earl Scruggs, Chubby Wise und Howard „Cedric Rainwater" Watts, die in den Jahren 1946 und 1947 den Bluegrass kreiert und in dieser Besetzung als erste Bluegrass Band aufgetreten waren. Diesem Album entnahm Ricky Skaggs auf der Bühne in Gstaad Titel wie "Why Did You Wander" oder "Mother’s Only Sleeping", das Bill Monroe und Lester Flatt einst gesungen hatten. Dies war das Lieblingslied der Mutter von Ricky Skaggs, die 2000 verstorben ist. Die Botschaft, die Skaggs mit diesem Lied verband, lautet, dass man ein gutes Leben führen kann, wenn man seine Eltern ehrt, auch wenn diese nicht perfekt oder gar gut drauf waren. Aus dem gleichen Album folgte der "Bluegrass Breakdown", ein Instrumentalstück, bei dem die Band sich richtig austoben konnte. Den Willen, ein Instrument bis zur Perfektion zu beherrschen, hatte Ricky Skaggs bei Bill Monroe abgeguckt. Teil seiner Botschaft war es auch, dass es diese Art der Beherrschung ist, die die größte Freude an der Sache bringt. Ricky Skaggs ist für diese Philosophie ein vorbildliches Beispiel. Für Cracker Barrel Old Country Store hat Ricky Skaggs bereits eine weitere neue CD eingespielt mit Neuaufnahmen seiner Nummer 1 Hits wie "Highway 40 Blues" aus der Feder von Bluegrass Kollege Larry Cordle. Die Nummer klang live in Gstaad so frisch und aufregend wie am ersten Tag ihres Einstiegs als Country-Version in die Country Hitparade im Billboard vom 30. April 1983.

Sodann bat Ricky Skaggs Sharon White von The Whites auf die Bühne, mit der er seit 27 Jahren verheiratet ist und inzwischen in Hendersonville, Tennessee lebt, die älteste Tochter ist 24, der jüngste Sohn 19. Ricky und Sharon sangen zwei Duette, "I Wouldn’t Change You If I Could" und "Home Is Wherever You Are" am Freitag, am Samstag wurde ersteres ersetzt durch "Keep On The Sunny Side". Bill Monroe steht bei Ricky Skaggs hoch im Kurs, "Sally Jo" und "Uncle Pen" rissen mit ihrer Dynamik das Publikum mit. Standing Ovations waren das Ergebnis, die von Herzen kamen. Ricky Skaggs belohnte die Begeisterung des Publikums mit einem weiteren seiner 11 Nummer 1 Country Hits, "Cajun Moon". Leider hatten die Veranstalter dieser vielseitigen Formation lediglich eine Stunde eingeräumt, bei ihren Konzerten spielen Ricky Skaggs & Kentucky Thunder ansonsten zwei Stunden. In der Pressekonferenz am Samstag bemerkte Ricky Skaggs, dass seit 1999 das Interesse am Bluegrass gewachsen sei, was er nicht zuletzt an der Reaktion des Publikums in Gstaad ablesen konnte.

Nach Ricky Skaggs & Kentucky Thunder wurde ein zehnminütiger Film eingespielt, der Höhepunkte aus 20 Jahren Gstaad zeigte wie Emmylou Harris, Joe Nichols, Nitty Gritty Dirt Band, Buck Owens oder Clay Walker. Eine Feier auf der Bühne zu Ehren der Organisatoren durfte nicht fehlen, u.a. mit Jo Walker-Meador, geb. 16.02.1924, die 33 Jahre lang die Chefin der Country Music Association in Nashville war und die 1995 in die Country Music Hall of Fame aufgenommen wurde. Dies ehrte die Organisatoren der Country Night und spornte sie sicherlich an, aus den ursprünglich geplanten 10 Country Nights zumindest 25 werden zu lassen.

Nach dem Anschneiden der Torte durch Jo Walker-Meador betrat Grammy-Gewinner und Inhaber eines Sterns am Hollywood Walk Of Fame Clint Black mit seiner Band die Bühne. Die Rhythmussektion Schlagzeug – Bass zeigte sich optimal eingespielt und begründete den Soundteppich, auf dem Clint Black und sein langjähriger Gitarrist Hayden Nicholas sich sicher und virtuos bewegen konnten. Dass der Keyboarder neu in der Band war, störte nicht weiter, wenngleich das Repertoire hierdurch im Augenblick gegenüber früher noch eine Einschränkung erfährt. "The Shoes You’re Wearing", sein Toperfolg von 1989, brachte die Performance zielsicher in Gang, auch wenn auf dem Fuß "A Good Run Of Bad Luck" folgte, (1994 Platz 1). Clint Black spielte sehr gut Mundharmonika, "State Of Mind", (1994 Platz 2). Bluesiges hatte seine Berechtigung, überrascht hatte die Ballade "Nothing’s News", (1990 Platz 3). Die hier besungene Steel Guitar war leider nicht auf der Bühne zu erleben. Sodann plazierte Clint Black, der ebenso wie Ricky Skaggs stimmlich absolut perfekt war, seinen ersten Hit "Better Man", (1989 Platz 1). Mit diesem Titel begann nicht nur seine Karriere, sondern ein neues Zeitalter in der Country Music, in welchem diese zu großen Erfolgen geführt wurde und zur erfolgreichsten Musik Amerikas avancierte. Clint Black selbst dominierte neben Garth Brooks, George Strait und Alan Jackson die 90-er Jahre in den Country Singles Charts und konnte viele Millionen von Alben verkaufen und erhielt etliche Awards von CMA und ACM. Obwohl Clint Black aus Houston, Texas stammt, jetzt aber in Nashville lebt, sang er bei seinem ersten Konzert auf europäischem Festland "Summer’s Coming" (1995 Platz 1), während Houston gerade von einem Hurricane verwüstet wurde. Bei seinem größten Hit "Like The Rain" (1996 Platz 1) gedachte er ausdrücklich der Menschen in Houston, die parallel mit Hurricane Ike zu kämpfen hatten. Mit seinen Anekdoten und Liedern erwies sich Clint Black als Humorist und Philosoph, herrlich seine Parodie auf Willie Nelson bei "Time Of The Preacher" oder seine tiefgreifenden Gedanken bei "We Tell Ourselves", (1992 Platz 2). Bei "Tuckered Out" bemerkte Clint Black, dass Tanya Tucker zu Hayden Nicholas gesagt habe, er möge doch mal ein Lied über sie schreiben. Das habe er getan, man könne es aber nicht öffentlich aufführen, im Gegensatz zum sodann entstandenen "Tuckered Out", das 38 Country Stars nennt.

Clint Black spielte mit großem Vergnügen elektrische Gitarre, sehr schön war aber auch jener Part, als er sich mit akustischer Gitarre hinsetzte und die ruhigeren Lieder spielte wie "Live And Learn". Gefehlt hat sein jüngster Top 40 Hit "The Strong One", vielleicht weil es das erste Lied war, das Clint in die Top 40 getragen hatte, das nicht aus eigener Feder stammte. Der neue Keyboarder hatte es zudem noch nicht einstudiert. Die Band trat wieder in volle Aktion bei "Straight From The Factory", einem Western Swing Titel. Clint Black und Hayden Nicholas hatten diese Nummer 1987 geschrieben, als erstes von zahllosen inzwischen gemeinsam verfassten Liedern. Das schmissige Stück eröffnet Clint Black’s erstes Album von 1989, "Killin’ Time", auf dessen Cover er noch ohne seinen markanten schwarzen Cowboy Hut abgebildet war. "No Time To Kill" brachte wieder den Philosophen Clint Black zum Vorschein, (1993 Platz 3). Flotte Lieder wie "One More Payment", (1991 Platz 7) und "Nothin’ But The Taillight", (1997 Platz 1) brachten viel Beifall und Freude und Clint Black genoss sichtlich seine Popularität. Schließlich sang er "Killin’ Time", (1989 Platz 1) um bei den Zugaben ans Schlagzeug zu wechseln, Bryan Austin sang und spielte Saxophon. Mit "Desperado" aus der Feder von Glenn Frey und Don Henley verabschiedete sich Clint Black, der sich mit seinem Auftritt in Gstaad eine Menge Sympathien gesichert hat und das nicht nur wegen seines Äußeren, das an eine Mischung aus Roy Rogers und Freddy Quinn erinnert. Seit 2003 ist Clint Black ja nicht mehr bei RCA, die ihn mit sorgfältiger Arbeit groß herausgebracht hatten. Er hat mit "Equity" seine eigene Plattenfirma gegründet, auf der neben ihm selbst u.a. die Formation Carolina Rain ihre Musik veröffentlicht.

Eröffnet wurde die Country Night übrigens von Marco Gottardi & The Silver Dollar Band aus der Schweiz. Seit 15 Jahren ist Marco aktiv und gilt als derzeit wichtigster Schweizer Country Künstler. Seine auch hinsichtlich des Sounds absolut perfekte 45-minütige Darbietung von Country und Pop und seine klare und kräftige Baritonstimme konnten gefallen, wobei er sich mit Sandee für "If You See Him/If You See Her" und "Islands In The Stream" ebenfalls eine Duettpartnerin auf die Bühne geholt hat. "Take It Don’t Break It" hieß seine Botschaft, voller Energie und Freude kam seine sauber gespielte Musik herüber, verbunden mit der notwendigen Nervosität, die 20. Country Night Gstaad eröffnen zu dürfen. Von Keith Urban hat er "But For The Grace Of God" eingestreut, auch eigene Lieder brachte er zu Gehör.

Nach kurzer Pause wurde an beiden Abenden mit Bomshel der zweite Opening Act über die Bühne gelassen, New Country von zwei quicklebendigen jungen Blondinen, Kristy Osmunson und Kelley Shepard, die 15 Minuten außerhalb von Nashville an einem See leben. Die Partymusik von Bomshel war wohl für das junge Publikum gedacht, einzige ältere Nummer war der "Lovesick Blues", der freilich völlig umarrangiert war. Gegen Ende ihres Auftritts zogen Bomshel die Stimmung über "The Devil Went Down To Georgia" nach oben, um schließlich zur Zugabe zu gelangen, "Bomshel Stomp". Bomshel nennt man ansonsten nur perfekt aussehende schlanke junge Damen. Ihr Act soll zeigen, dass man nicht allen Idealen entsprechen muss, um dennoch ein Stück des Kuchens abzubekommen. Bomshel will insoweit andere Mädels ermuntern.

Clint Black hatte man lange erwartet für Gstaad, 2008 ging der Wunsch endlich in Erfüllung, Ricky Skaggs & Kentucky Thunder sind ein Highlight auf jeder Bühne, hatten also voll und ganz ihre Berechtigung. So gesehen war die Country Night Gstaad des Jahrgangs 2008 mit optimaler Country- und Bluegrass Music ausgestattet, ohne jegliche Abstriche waren die beiden Superstars erste Güte. Vom 11. bis 13. September wird es 2009 die 21. Country Night in Gstaad geben. (Friedrich Hog)






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