22. und gleichzeitig letztes
Herbstfestival in Neusüdende
Klaus
Grotelüschen ließ keinen Zweifel daran, dass am 21. Oktober 2006 das
letzte Herbstfestival im Lindenhof Neusüdende über die Bühne gegangen
ist. Sein Engagement setzt er im Staatstheater Oldenburg fort, für das
er für den 06. Mai 2007 erstmals eine Bluegrass Band verpflichten
konnte, die Claire Lynch Band aus den USA. Damit geht eine lange
Tradition zu Ende, aber es beginnt eine hoffentlich ebenso langlebige
neue Ära in Oldenburg. Unter absolut konzertanten Bedingungen wird Klaus
als musikalischer Direktor gemeinsam mit dem Staatstheater als
Veranstalter hochklassige Musik für ein Publikum präsentieren, das
zuhört und die gebotene Musik angemessen zu schätzen weiß.
Trotz der erfreulichen Perspektive für die Zukunft lag die Wehmut
einer Abschiedsveranstaltung über den Ereignissen des Herbstfestivals.
Das hat der wunderbaren Musik zweier absoluter Spitzenformationen jedoch
keinen Abbruch getan. Klaus hatte die Crooked Jades (Old Time Is No
Crime, We Represent Our Country And Not Our Gouvernment) und Albert &
Gage (hochmusikalisches Quartett aus der texanischen Musikmetropole
Austin) eingeladen.
Die
Crooked Jades eröffneten um 18 Uhr den Abend mystisch mit
Mouthbows und gestrichenem Kontrabass. Die 24-jährige Carley Wolff
aus San Marcus, Texas hat inzwischen den Platz von Jennie Benford als
Sängerin eingenommen, sie bediente auch Gitarre und Mandoline. Ihre
Ausstrahlung war unheimlich intensiv, sie verkörpert die mystischen
Gefühle optimal, die man mit Old Time verbindet, Jennie ist da eher die
Pragmatikerin, die freilich ebenso ein Gespür für die Hintergründe hat.
Carley‘s Musikstudium an der Texas State University scheint ihr insoweit
nicht geschadet zu haben. Aus der Feder von Jennie Benford stammt das
wunderschöne „One Girl On The Turnpike Road", das Carley Wolff mit
ausdrucksstarker Stimme genial schön interpretierte. Gefühlvolles
wechselt sich bei Old Time mit lebendigem Treiben ab, die Betonung lag
mehr als einmal auf Instrumentalmusik. Stimmlich erinnert Carley an die
junge Nanci Griffith. Adam Tanner hat inzwischen die Hawaiian Slide
Guitar übernommen, Seth Folsom aus Louisville, Kentucky baut seine
Banjos selbst. Am Kontrabass agierte Megan Adie aus San Francisco. In
Topform präsentierte sich Bandleader Jeff Kazor, der 1994 die Formation
in’s leben rief und sich in Extase singen kann, was er im Duett mit
Carley Wolff auch vorführte.
Albert
& Gage stiegen nach einer Ehrung von Klaus durch die Folkinitiative im
Quartett mit Bass und Schlagzeug direkt in die texanische Musiktradition
ein, „I’m Gonna Live Forever" aus der Feder von Billy Joe Shaver,
Western Swing bei „In The Morning", Jazz im Rahmen von „Burning
Moonlight", Country Blues bei „What’s The Big Idea". So darf man sich
die Musikszene in Austin vorstellen. „Sweet Dreams" gab Chris Gage
Gelegenheit von Gitarre auf Piano zu wechseln, den „Folsom Prison Blues"
singt er auf seine Weise, Christine Albert ist ebenfalls eine
zuverlässige Sängerin. Atmosphärisch kam „Boxcars" daher. Eine Klasse
Performance vom ersten bis zum letzten Ton.
In ihrem zweiten Set belegten die Crooked Jades Roscoe Holcomb als
starken Einfluss, „Single Girl", das Carley und Megan gemeinsam sangen.
Jeff Kazor erntete frenetischen Beifall für seine Botschaft „We Are
World Citiziens, We Represent Our Country And Not Our Gouvernment".
Hätten nur alle Amerikaner bereits diese Erkenntnis erlangt! Viel
Begeisterung hinterließ die Formation und rasch stand der letzte Set mit
Albert & Gage an, der mit „Up Up Up" beschwingt begann. Townes Van Zandt
tauchte mit seinem „White Freight Liner Blues" auf. Um 23.30 Uhr ging
mit „Full Moon" das letzte reguläre Lied über die Bühne. Das Publikum
wollte die Band nicht gehen, das Festival nicht enden lassen, so gaben
Albert & Gage Zugaben wie „I Saw The Light", „Forever Young" oder „Don’t
Let Go". Im Duo sangen sie das Abschiedslied „Vaya Con Dios", um 23.55
Uhr war das Ende besiegelt. (Friedrich Hog)

