Jagger & Shellac: eine heiße Kombination

Bei Jagger bekommen wir mindestens 250 Leute, dachte sich Michael Rousselle vom Sudhaus in Tübingen, wenn wir das mit einheimischem Shellac verbinden, können es locker 300 werden. Nun, da es sich bei Jagger um Chris Jagger, den jüngeren Bruder des Rolling-Stones-Urgesteins und bei den "Shellac Brothers" um die Nachfolgeband des legendären "Country Blues Projects" handelte, war zwei Mal musikalische Qualität angesagt und es waren gerade mal rund fünf Dutzend Leute im Tübinger Sudhaus erschienen am Donnerstag, den 03. Mai. Dabei hätte gerade dieses Konzert ein full house verdient gehabt, alle die da waren, waren von beiden Formationen begeistert und sind von 21 bis 24 Uhr geblieben.

Rudie Blazer und Fritz Blessing sind inzwischen mit Benny und Joscha Glass als "The Shellac Brothers" zusammen. Im Quartett war es ungefähr ihr vierter Auftritt, aber Rudie und Fritz spielen seit 30 Jahren gemeinsam Musik und die Brüder Glass, Benny am Schlagzeug und Joscha am Kontrabass, kennen sich auch in- und auswendig, daher lief von Anfang an alles gut zusammen. Die Musik dieser Formation stammt wirklich aus der Zeit der Shellac-Records, Delmore Brothers, Louvin Brothers, Ernest Tubb, Hank Williams. Fritz Blessing konnte bei "Tomorrow Night" oder bei Tampa Red’s "When The Sun Goes Down In Harlem" seine farbige Stimme bestens zum Einsatz bringen, ansonsten war eher Old Country angesagt, wie ihn aktuelle Bands nur noch selten auf die Bühne zu zaubern verstehen. Rudie Blazer an der elektrischen Gitarre überraschte mit "Remember I Feel Lonesome, Too" von den Delmore Brothers ganz im Stil von Johnny Cash. Als Zugabe brachten sie Cash’s Klassiker "Where The Soul Of Man Never Dies", den dieser als Kind schon von seiner Mutter gelernt hatte. Die Shellac Brothers haben gezeigt, dass ihre Musik durch Kompetenz und Unterhaltungswert gleichermaßen bereit ist, den Kontinent neu zu erobern.

Chris Jagger ist der jüngere Bruder von Mick Jagger, 1994 hatte er mit seiner ersten CD "Atcha" die Musikwelt erobert, drei weitere CD’s sind seither von ihm erschienen, ohne dass ihm der ganz große kommerzielle Durchbruch gelungen wäre. Seine musikalische Richtung ist von Anfang an Roots-orientiert, Americana Music, von Kritikern hoch gelobt, aber nicht für die Charts bestimmt, sondern für ein erlesenes Publikum, das Freude hat an dem, was Chris Jagger und seiner Band "Atcha" Freude bereitet.

Mit Charlie Hart am Akkordeon und eigenem Waschbrett begann er seinen Auftritt mit kräftigem Zydeco, dem farbigen Pendent zum weißen Cajun. Auch Mundharmonika und vor allem akustische Gitarre gehörten zum Handwerkszeug von Chris Jagger, Charlie Hart wechselte beim stampfenden Blues bzw. Rhythm’n’Blues zum Piano, bei Cajun zur Fiddle. Die elektrische Gitarre von Jim Mortimore kreierte, in Verbindung mit dem sechssaitigen E-Bass von Paul Emile und dem Schlagzeug von Malcom Mortimore auch ein wenig Funk, gerade das, was der Zydeco an natürlichen Berührungspunkten ohnehin aufweist, "Funky Man". Ein wenig Bewegung auf der Bühne, lockere, fröhliche Rhythmen und immer ein neuer musikalischer Aspekt sorgten für viel Abwechslung, zum Beispiel eine balladeske Eigenkomposition von Chris über die Schönheit eines kanadischen Flusses, dann wieder Zydeco, "On The Road", auch mal Rock’n’Roll. Der volle Sound war klar und differenziert zu vernehmen, jedes Instrument kam zur Geltung, kraftvoll, energiegeladen, Esprit versprühend, nie zu heftig. Das Publikum war begeistert und ging gut mit unter dem Motto "Rockin’ All Night, Rollin’ All Day", das Chris Jagger ebenso selbst geschrieben hat, wie fast sein komplettes Repertoire, beobachtend, hintergründig, humorvoll.

Auf die Frage, wo er als Engländer den entsprechenden Rhythmus studiert habe, meint Chris, er sei nach wie vor am Erlernen des Zydeco, des Cajun. Gelebt hat er nie in Louisiana, besucht hat er sie aber, die Gegend, wo in den Swamps eigenständige Kunst sich über Jahrzehnte bewahrt hat. Diese originellen Einflüsse dominieren also die Musik von Chris Jagger, der es versteht, sie einem Roots-Music-Publikum optimal aufbereitet zu servieren. „Have fun, see Chris Jagger if you can" lautet daher meine Botschaft, das Sudhausprogramm ist immer wieder für Überraschungen gut,
 
www.sudhaus-tuebingen.de  (Friedrich Hog)


 
 
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