Bisher bestbesuchtestes Bühler
Bluegrass Festival
Samstag,
05.05.2007, das 05. Internationale Bühler Bluegrass Festival ist
angesagt. Mehr Besucher als je zuvor sind zu der von Beginn im Jahre
2003 an erfolgreichen Veranstaltung gekommen. 5 Bands spielten die
unterschiedlichsten akustischen Stile der Country Music auf höchstem
Niveau für ein begeisterungsfähiges Publikum. Bei optimalen
Soundbedingungen konnte sich im Bürgerhaus Neuer Markt ein
Konzerterlebnis entwickeln, das allen Musikern und Besuchern
gleichermaßen als Highlight in Erinnerung bleiben wird.
Bevor das Festival um 14 Uhr von Walter Fuchs im Bürgerhaus offiziell
eröffnet wurde, konnte er gegen 10.30 Uhr auf dem Johannesplatz bereits
die Gruppe Turquoise vorstellen, um 12 Uhr spielten Roland Heinrich &
The Jimmie Rodgers Experience vor dem Rathaus. Obwohl nach wochenlanger
Trockenheit erste Regenschauer aufgezogen waren, hatte das Wetter im
Gegensatz zu den Vorjahren den Open-Air-Teil doch erfreulich gut
begleitet, die Sonne kam sogar durch und die Temperaturen im
Rheingraben, südlich von Karlsruhe, sind regelmäßig höher als anderswo
in Deutschland.
Bereits
der Nachmittag erlebte im Bürgerhaus Neuer Markt einen weitgehend voll
besetzten Hauptsaal. Die Sacred Sounds Of Grass aus Mittelhessen
setzten gleich das erste Highlight mit ihren ausgefeilten
Harmoniegesängen. Alfred Bonk erwies sich als erfreulicher Tenorsänger
und Heiko Ahrend steuerte auch Solo- und etwas Satzgesang bei. Samuel
Hain führte mit seinem bekannten trockenen Humor sicher durch den Set,
erläuterte auch einige Hintergründe zu den Liedern und der Musik,
Bluegrass Gospel, also Bluegrass mit christlichen Texten, wie er in den
USA einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Anteil an der Bluegrass
Musik hat. Gleich drei Lieder von Don Reno & Red Smiley wurden zu Gehör
gebracht, obwohl Reno & Smiley eine Topformation des Bluegrass waren,
sind ihre Lieder nicht so gängig wie jene von Bill Monroe, Flatt &
Scruggs oder den Stanley Brothers. Einige rasante Instrumentals wurden
eingestreut, auch a cappella wurde stilvoll gesungen.
Turquoise
aus Frankreich waren die erste Band, die zum zweiten Mal in Bühl
auftreten konnten. Ein fetziger "Midnight Train" von Vince Gill zeigte
rasch, wohin die Reise gehen würde bei dieser fünfköpfigen Formation.
Etwas Swing fand Eingang, z.B. beim "Lucky Dog", das Keith Whitley
bekannt gemacht hatte, ein früher Grenzgänger zwischen Bluegrass und
Honky Tonk. Gitarrist und Sänger Jeanmarie Peschiutta erfreute das
Publikum bei den Ansagen mit ziemlich perfektem Deutsch, der
holländische Geiger Joost Van Es überzeugte auch als Sänger mit Bill
Monroe’s "Uncle Pen", sein Geigenspiel ist stets virtuos. Auch eine
traurige Ballade fand Eingang in die Show, "Pathway Of Teardrops" wurde
von Jeanmarie im dreistimmigen Harmoniegesang mit Natalie Shelar und
Paul Van Vlodrop dargeboten. Ein wenig Cajun-Einschlag wies das Lied vom
Paradies für Musiker auf, Joost konnte zur Freude des Publikums richtig
losgeigen, ein brillanter Auftritt, der auch einige Country Songs bot,
wie Merle Haggard’s "The Way I Am".
Gänzlich
anders zeigten sich die Wilders aus Kansas City, Missouri. Ihre
Musik ist eine Mischung aus Old Time, ganz frühem Honky Tonk und
Rockabilly, äußerst energiegeladen dargeboten und mit viel Bewegung auf
der Bühne. Tanzen und Stampfen war angesagt, man kann sich diese Musik
auch lebhaft in einer gepflegten Scheune vorstellen, so ungekünstelt und
echt sind die Musiker, allen voran Geigerin und Sängerin Betse Ellis,
die den alten Fiddler-Größen in nichts nachsteht. Ihre ganz eigene
Interpretation fanden die Wilders für Johnny Cash’s "Going To Memphis",
selbst ein Honky Tonk Sänger wie Lefty Frizzell wurde zu Gehör gebracht.
Phil Wade spielte sein Banjo nicht im modernen Drei-Finger-Stil, wie ihn
Earl Scruggs stilprägend für den Bluegrass zur Perfektion entwickelt
hat, sondern im alten Clawhammer-Stil, Frailing nennt man das auch. Das
konnte das Publikum sehr begeistern und es sorgte für angenehme
Abwechslung. Erfreulich, dass Bands mit etwas anderem Ansatz in Bühl zum
Zuge kommen, das Festival bleibt dadurch ein akustisches Festival und es
gelingt Walter Fuchs jeweils, die große Bandbreite akustischer Musik dem
hiesigen Publikum aufzuzeigen. Das kommt überwiegend von weit her, 400
oder 800 Kilometer Anfahrt sind durchaus keine Seltenheit, Besucher aus
München, Nürnberg, Berlin, Hamburg, Dresden, Köln, Frankfurt/M., aus der
Schweiz und Frankreich, ja sogar aus Barcelona und Dublin gehören längst
zum Stammpublikum. Die Stadt Bühl als Veranstalter des Festivals wird so
zum Anziehungspunkt in der Region, der auch mit dem Zug zu erreichen
ist, seien es Bundesbahn oder die Züge im schier endlosen Amerika wie
jener im "Freight Train Blues" oder im rasant dargebotenen "Bringing In
The Georgia Mail".
Filigranen
Bluegrass auf höchstem Niveau brachte schließlich die Claire Lynch
Band aus den USA, Claire Lynch wurde bereits zur besten Bluegrass
Sängerin des Jahres gewählt und Missy Raines ist derzeit zum sechsten
Mal amtierende Bassistin des Jahres. Auch Gitarrist und Banjo Spieler
Jim Hurst ist preisgekrönt und Jason Thomas aus Toronto in Kanada, der
jetzt in Orlando, Florida lebt, konnte an der Fiddle bestens mithalten,
obwohl er erst vor zwei Wochen in die Band kam. Die schöne klare Stimme
von Claire Lynch ließ auch in Bühl von Anfang an aufhorchen. Cajun und
Swing waren auch bei der Claire Lynch Band ein Thema, leichtfüßig
dargebracht bei "I’m Falling In Love". Die Songschreiberin Gretchen
Peters lieferte "If Wishes Were Horses", das Singer-Songwriter-Genre,
das in der Country Music nach wie vor eine große Bedeutung hat, wurde
von dieser Formation am stärksten in das Repertoire eingebaut. Auch "Who
Knows What Tomorrow May Bring" war akustischer Swing in Vollendung und
der "Freight Train Boogie" brachte kraftvollen Bluegrass, den diese
absolute Spitzenformation natürlich ebenso virtuos beherrscht. Obwohl
schon über 30 Jahre vergangen sind, seit Claire Lynch mit der Front
Porch String Band begonnen hat, und in die ersten Jahre dieser Dekade
ihre Baby-Pause fiel, hat Claire Lynch nichts von ihrer gesanglichen
Wirkung verloren. Ein durchweg glückliches Publikum wurde in die
90-minütige Pause entlassen.
U
m
19 Uhr war Beginn des Abendprogramms, der Saal war bis auf den letzten
Platz besetzt, die Empore ebenfalls, also musste man erstmals in der
Geschichte des Bluegrass Festivals im hinteren Teil einen zusätzlichen
Saal öffnen. Die Sacred Sounds Of Grass begeisterten wieder mit
ihren tollen Harmoniegesängen und es wurde berichtet, wie man 1986 bei
einer Jam Session am Rande des Festivals in Neusüdende den Bassisten
Alfred Bonk entdeckt hatte. Er sang einen herrlichen Tenor und wurde von
Thilo und Sam Hain eingeladen, künftig in der Band zu spielen. Vom
legendären Mountain- & Bluegrass Sänger Jim Eanes sangen die Sacred
Sounds Of Grass "My Lord Can Bring The Mountains Tumblin’ Down", sie
hatten ihn auf Deutschlandtournee begleitet und er hat ihnen diese
Komposition mit auf den weiteren Karriereweg gegeben. Szenenapplaus bei
herrlichen Instrumentalläufen wie beim "Flinthill Special" waren keine
Seltenheit, "How Great Thou Art" ist Gospel erster Güte. Hank Williams’
"I Saw The Light" führte zur Zugabe, das Publikum ließ die Band nur
schweren Herzens gehen. Doch der Programmablauf wurde exakt eingehalten,
damit alle fünf Bands des Abend zum Zuge kommen konnten.
Turquoise
hatten viel Country Music zu bieten im zweiten Set, zwei Lieder von
Clint Black waren dabei, bei "Take Me Back To Tulsa" war klassischer
Western Swing von Bob Wills angesagt. Obwohl Natalie Shelar aus Tucson,
Arizona stammt, hatte texanische Musik ihr Repertoire nicht unwesentlich
beeinflusst. Der Western-Swing-Klassiker "My Window Faces The South"
wurde erstaunlich schnell dargeboten, ganz anders, als zum Beispiel
Holly Tashian das Lied singt. Auch "Orange Blossom Special" und "Midnight
Train" waren rasant unterwegs, ohne zu entgleisen, was das Publikum mit
Begeisterungsstürmen belohnte.
Der
dritte Part im Rahmen des Abendprogramms gehörte Roland Heinrich &
The Jimmie Rodgers Experience. Jimmie Rodgers war der Vater der
Country Music, er war der erste Künstler in der Musikgeschichte, der mit
großem Erfolg die Musik der weißen und farbigen Bevölkerung miteinander
verknüpfte. Seine Karriere hatte 1927 begonnen und endete 1933 mit
seinem Tode in New York, wo er wenige Tage vor seinem tödlichen
Blutsturz (Tuberkolose) noch Schallplattenaufnahmen gemacht hat. Seine
Tenorstimme und seine treffende Art der Darstellung hat Generationen von
Musikern beeinflusst, ob Elvis Presley, Lefty Frizzell oder Bob Dylan,
alle wären sie ohne die Leistung von Jimmie Rodgers nicht möglich
gewesen. Im Jahre von Rodgers’ 110. Geburtstages konnte man in Bühl mit
Roland Heinrich, in Oberhausen gebürtig, jetzt in Berlin lebend, den in
Deutschland reinkarnierten Jimmie Rodgers erleben. Seine Phrasierung und
die Übertragung der Texte in ein gehobenes Kneipendeutsch sind genial.
Roland Heinrich kreiert auf Anhieb die Stimmung, wie sie in der Zeit von
Jimmie Rodgers geherrscht hat. Er kam singend mit akustischer Gitarre
durchs Publikum auf die Bühne und dann erlebte man eine Reise durch die
Geschichte der Country Music, wie sie Bühl so noch nicht erlebt hat.
Herrlich die Gitarren- und Hawaiian-Steel-Guitarklänge von Rudie Blazer,
einem aus Amsterdam stammenden Gitarrenbauer, der in Tübingen lebt und
mit den "Shellac Brothers" eine eigene Formation hat, die Country Music
aus der Zeit vor dem Rock’n’Roll spielt. "Waiting For A Train" heißt bei
Roland Heinrich "Warten Auf Den Zug". Da Jimmie Rodgers, ebenso wie sein
Vater, Eisenbahner war, verwundert es nicht, dass er Themen aus der Welt
der Eisenbahn verwendet, was auch Roland Heinrich gekonnt adaptiert hat,
"Ben Dewberry’s Final Run" war zu hören und "My Rough And Rowdy Ways"
übertrug Roland Heinrich in "In Ferne Länder Ziehen". Eine Singende Säge
kam zum Einsatz, Resonator-Ukulele, Kontrabass und ein wenig Tuba, alles
hatte bei Jimmie Rodgers zu einem Bühnenauftritt gehört und die Jimmie
Rodgers Experience brachte dies authentisch und wirkungsvoll auf die
Bühne. "Treib Mir Die Trübsal Aus" („Tuck Away My Lonesome Blues"), "Und
Jetzt Ist Er Im Knast" ("In The Jailhouse Now"), treffender kann man die
Welt und Zeit von Jimmie Rodgers sicherlich nicht übertragen. Auch wenn
das kein Bluegrass war, hatte es auf jeden Fall Berechtigung hier
aufgeführt zu werden, großes Kompliment an Walter Fuchs, dass er diese
großartige Formation nach Bühl eingeladen hat, die erst nach mehreren
Zugaben die Bühne verlassen durfte. "Von Roland Heinrich kann man in der
Country Music Texte in deutscher Sprache akzeptieren", war der absolut
zutreffende Kommentar einer Zuhörerin.
Ob
man das toppen kann, ist fraglich, den Wilders gelang es
jedenfalls auf Anhieb, mit ihrer dynamischen Musik das Publikum erneut
zu fesseln. "Settin’ The Woods On Fire" von Hank Williams setzte eine
Welle der Begeisterung frei, die bis zum Ende des Sets anhielt. Dabei
gab’s durchaus auch tatsächlichen Bluegrass zu hören, auf Wilders-Art
allerdings, hier erstaunlich langsam interpretiert, z.B. "How Mountain
Girls Can Love" von den Stanley Brothers. Dafür wurde "Long Gone Daddy"
schneller interpretiert als dies Hank Williams tat. Sogar "Battle Of New
Orleans" von Jimmie Driftwood, das dieser ursprünglich im Rahmen seines
Geschichtsunterrichts für seine Schüler geschrieben hatte, fand Eingang
in das Repertoire der Wilders und so konnten sie viel Begeisterung
wecken mit ihrer gänzlich anderen Bühnenshow.
Wunderbare Lieder brachte im letzten Set des Festivals die Claire
Lynch Band zu Gehör, sehr schön dargeboten z. B. "Train Long Gone"
aus
der
Feder des kürzlich verstorbenen Songschreibers Dennis Linde, das in den
Charts der Fachzeitschrift „Bluegrass Unlimited" sehr erfolgreich war.
Jim Hurst erwies sich als filigraner Gitarrist, der auch den Swing
bestens beherrscht. "Up This Hill And Down" war ein Klassiker des
Bluegrass aus dem Repertoire der Osborne Brothers, und bei "Stranger
Things Have Happened" meinte die Formation, warum sollten wir uns nicht
verlieben können, es sind schon ganz andere Dinge passiert, z.B. liegt
die unsinkbare Titanic auf dem Meeresgrund. Toll, wie der "Wabash
Cannonball" auch hier das klassische Thema Eisenbahn hervorhob,
wunderbare Soli von Missy Raines auf dem Kontrabass hatten Szenenapplaus
zur Folge. Für Claire Lynch war dies die erste Europatournee, Missy
Raines war schon 1984 mit der Band „Cloud Valley" erstmals hier
unterwegs.
Ein
herrliches Finale aller fünf Formationen brachte um Mitternacht einen
letzten Einblick in das alternative Amerika eines Woody Guthrie, "Going
Down This Road Feeling Bad". Das Publikum, es waren fast 800 Besucher,
ging nach diesem Festival sicherlich nur mit besten Gefühlen nach Hause
und Walter Fuchs konnte mit ebenso gutem Gewissen für 2008 den 03. Mai
und für 2009 den 02. Mai als Daten für die nächsten Bluegrass Festivals
in Bühl/Baden ansagen. Oberbürgermeister Hans Striebel ist sich sogar
sicher, dass es auch in den nächsten 15 bis 20 Jahren in Bühl ein
Bluegrass Festival geben wird. Obwohl sich die Stadt Bühl mit einer von
der örtlichen Werbegemeinschaft veranstalteten Einkaufsnacht selbst
Konkurrenz gemacht hatte, die Geschäfte waren bis Mitternacht geöffnet,
kostenlos wurde Sekt ausgeschenkt und Bands spielten bei freiem Eintritt
an allen Ecken, war das 5. Bühler Bluegrass Festival das bisher schönste
und erfolgreichste. Walter Fuchs trifft mit seiner Musikauswahl den
Geschmack des fachkompetenten Publikums und allgemein
musikinteressierter Gäste gleichermaßen und selbstverständlich notiert
man sich die Daten der Folgejahre jetzt schon gerne im Kalender, auch um
Freunde und Bekannte nächstes Jahr zu diesem großartigen Musikereignis
mitzubringen. Es war ein sehr schönes Festival, da wird man noch lange
schwärmen. (Friedrich Hog)