Riesiges 4. Internationales Bluegrass Festival in Bühl/Baden

Am Samstag, den 29. April 2006 fand das vierte Bühler Bluegrass Festival in Bühl/Baden statt. Vier Spitzenformationen des Bluegrass gaben sich auf Einladung von Walter Fuchs die Ehre, der die Veranstaltung wie immer auch als Moderator begleitete. Erfreulich ist die stete und uneingeschränkte Unterstützung der Stadt Bühl, die dem Event als Veranstalter zu diesem großen Erfolg verhilft.

Wie im Vorjahr begann das Festival bereits um 10.30 Uhr auf dem Johannesplatz in der Fußgängerzone. Im Gegensatz zum Vorjahr gab es keinen Regen, dafür aber niedrige Temperaturen. Gemütliches Kaffeedrinken im Sitzen war da nicht angesagt, aber viele interessierte Zuhörer waren zur Open-Air-Bühne gekommen. Sie erlebten Valerie Smith & Liberty Pike aus Bell Buckle, Tennessee, die einen Vorgeschmack auf ihre Auftritte im Rahmen des eigentlichen Festivals vermittelten. Kurz vor der Abreise nach Europa fanden die Aufnahmen zur fünften CD dieser Formation ihr Ende, eine Gospel-CD. Gerade rechtzeitig zur Europatournee bekam Valerie erhebliche Probleme mit ihren Stimmbändern, die durch eine Operation am 23. Mai behoben werden müssen. Sie hat insoweit den besten Arzt in Nashville, der bereits Dolly Parton, Garth Brooks, Lee Ann Womack, Johnny Cash und anderen die gleiche Behandlung zukommen ließ. Die Stimmbandprobleme beeinträchtigten die Performance auf dem Johannesplatz ein wenig, die Auftritte im Bürgerhaus Neuer Markt für viele Zuschauer sicherlich gar nicht, die weitere Tournee aber ganz erheblich. Bei ihrem Open-Air-Auftritt auf Schloss Fachsenfeld bei Aalen am 01. Mai sang Valerie nur zwei Lieder selbst, am 03. Mai in Vöhringen-Illerberg im restlos gefüllten Alten Sportheim konnte sie ein paar Lieder mehr singen. Die Lücke schlossen jeweils ihre ausgezeichneten Mitstreiterinnen Becky Buller (Fiddle, Mandoline, Gitarre und Clawhammer-Banjo) und Casey Grimes (Kontrabass), die abwechselnd die Lieder von Valerie sangen. Valerie beschränkte sich meist auf die Rolle des Anfeuerns und des Spielens einer Rhythmusmandoline. Auch Jonathan Manesse (Gitarre) erwies sich als ausgezeichneter Sänger, der bereits an seiner ersten Solo-CD arbeitet. Jedenfalls machte die Begegnung mit Valerie auf dem Johannesplatz in Bühl viel Freude und das Publikum war happy.

Walter Fuchs eröffnete sodann um 14 Uhr die Veranstaltung im Bürgerhaus mit der deutschen Formation Night Run. Bernd Neuberger und Gerd Wienrank von der Country Band „Dixie Wheels" hatten die Technik wieder gut im Griff und sorgten für einen differenzierten und natürlichen Klang. Night Run leben nicht nur von den meist lustigen Ansagen und der bewegten Bühnenshow aufgrund der Benutzung nur eines Mikrophons, sondern auch von einem gut gemischten Repertoire, das von „Juliane" aus dem Fundus von Doyle Lawson & Quicksilver über mehrstimmigen Gospel-Satzgesang bis zu „Uncle Pen" von Bill Monroe reicht.

Als zweite Band des Nachmittags kamen Red Wine aus Genua auf die Bühne, die mit viel Dynamik an die Sache rangingen und gleich „Blue In The Blue Ridge Tonight" waren. Luca Bartolini hat inzwischen die Gitarre übernommen und sich als absolut virtuos erwiesen. Beim „Dixie Cannonball" swingte es richtig schön, und überhaupt klingt alles sehr gut aufeinander abgestimmt, obwohl die Band nicht mehr so aktiv ist wie früher. Zu viel Zeit nehmen die Berufe der Hauptakteure in Anspruch, Martino Coppo ist Rechtsanwalt, Silvio Ferretti Kinderarzt. Neu am Bass ist Stefano Caballo aus Genua, der schon in den 70-er Jahren Martino Coppo seine erste Mandoline zukommen ließ. 1978 hatten Silvio und Beppe Gambetta die Band bereits gegründet, Martino kam 1981 hinzu. Ruhiger ging’s beim „Bartender’s Blues" zu, George Jones hatte das Lied zum Hit gemacht. Sehr schön immer wieder Michael Martin Murphey’s „Carolina In The Pines", das Doyle Lawson & Quicksilver schon vor über 20 Jahren in den Bluegrass geholt hatten. Gewidmet haben Red Wine das Lied Karl Heinz Siber und Annelie Baumann, die 16 Mal das Güglinger Bluegrass Festival veranstaltet hatten, zuletzt 2001.

Nach einer kleinen Pause betrat die erste von zwei Bands aus Tennessee die Bühne, Chris Jones & The Night Drivers, bezeichnenderweise gleich mit dem „Nashville Blues". „The Way I Am" kam von Merle Haggard, was belegt, wie breit ihr Repertoire zusammengesetzt ist. Jon Weisberger bediente den Bass, das Banjo ist bei Ned Luberecki in besten Händen, er war zuvor bei „Rarely Herd" und Paul Adkins. Die Mandoline spielt Jesse Brock, der nach der Tournee nach Bulgarien geht, der Liebe wegen, Lilly of The West! Sehr schön ihr „Model Prisoner" und das Chris-Jones-Solo „Thy Burdens Are Greater Than Mine". Chris Jones & The Night Drivers präsentierten sich hier in absoluter Topform, für viele wohl „bester Chris Jones, den man je erlebt hat". Das galt in jedem Fall auch für ihren Auftritt am 05. Mai im Pfarrzentrum in Kleinkötz, der freilich ein paar Zuhörer mehr verdient gehabt hätte.

Valerie Smith & Liberty Pike brachten Abwechslung auf die Bühler Bühne, nur zwei Männer, dafür drei Frauen. Leider fehlte das angekündigte Dobro, so dass es dieses Jahr keine Resonatorgitarre in Bühl gab. Andererseits ließ der Auftritt kaum Wünsche offen, insbesondere erwies sich Becky Buller als inzwischen vollwertige Frontfrau, nachdem sie früher schüchtern im Hintergrund meist nur ihre Fiddle bedient hatte. Mit sehr schöner Stimme sang sie, was auch für Casey Grimes gilt, die erst seit wenigen Monaten der Band angehört, aber schon bestens integriert ist. Schöner Swing bei „Buzzed", Jonathan Manesse sang „Free Born Man" von Jimmy Martin. Er könnte, ähnlich wie Chris Jones einmal eine echte Größe im Bluegrass werden, da er nicht nur ausgezeichnet singt, sondern auch hervorragend Gitarre spielt. Bis zur Carter Family reicht „You Are My Flower" zurück.

Die große Pause bot Zeit für Kontaktpflege, eine Jam Session fand statt und man konnte Essen gehen, nicht alles gleichzeitig natürlich. Um 19 Uhr setzte die Veranstaltung bei inzwischen voll besetztem Haus fort. Night Run brachten von den Country Gentlemen „Matterhorn". Das war fast schon Pflicht, da sie immer mit der einst progressiven Formation in Verbindung gebracht werden, was die musikalischen Ansprüche angeht. Auch bei traditionelleren Stücken überzeugten Night Run, George Baehr als Fiddler hat der Band den richtigen Antrieb gegeben und so gehören sie inzwischen zu den europäischen Spitzenformationen. Bei Red Wine ging’s im zweiten Set von Kate Wolf über die Louvin Brothers bis zu Mary Chapin Carpenter. Sehr schön auch ihre Version des George-Strait-Klassikers „Amarillo By Morning". Diese Musik dürften sie gerne öfters nach Deutschland bringen, das Publikum zeigte sich jedenfalls zu Recht begeistert.

Höchste Klasse dann der zweite Auftritt von Chris Jones & The Night Drivers. Chris Jones verfügt über eine warme, sonore Stimme, die doch genügend Flexibilität aufweist, um vom „Uphill Climb" zum Johnny-Horton-Klassiker „I’m Ready If You’re Willing" zu gelangen. Sehr schön das bezaubernde „Alone With You", und wenn das Date nicht kommt, obwohl er von Sonnenuntergang bis Mitternacht an der „Bridge To Portsmouth" auf sie wartet, dann ist das schon hohe Schule der Singer-Songwriter-Kunst, die Chris ebenfalls beherrscht. Lustig das Duett von Lester Flatt und Willie Nelson in „Cabin On The Hill", Chris Jones als Stimmenimitator. Chris spricht zudem sehr gut deutsch, ganz zum Leidwesen des polnisch-stämmigen Banjo-Spielers, der diese Sprache nicht versteht.

Krönender Abschluss war der zweite Set von Valerie Smith & Liberty Pike. Über ihre Heimat in Missouri berichtet „Where The Bluebells Grow", wobei Valerie nicht wegen der Musik nach Tennesse gezogen ist, sondern weil ihr Mann dort als Geologe arbeitet. Ein echter Trainsong ist „Engineer" aus ihrer wunderbaren aktuellen CD „That’s What Love Can Do". Klasse hat auch Casey’s Version des Bill Monroe-Klassikers „Mule Skinner Blues". Casey Grimes stammt, ebenso wie Valerie Smith, aus dem Bundesstaat Missouri. Das Banjo bediente übrigens Richard Cifersky aus der Slowakei, mit dem ich seit einigen Jahren über das Dobro Festival in Trnava vertraut bin. Er ist der Bluegrass-Guru seines Landes, allerdings derzeit ohne feste Band, da „Fragment" seit der Heirat von Sängerin Jana nach Nashville nicht mehr aktiv ist. Im Vorjahr war er noch mit Fragment aufgetreten und es kann gut sein, dass er als festes Mitglied von Liberty Pike in die USA wechselt. Er hat sich als äußerst zuverlässiger Mann am Banjo erwiesen und sich bereits fest in die Band etabliert, nachdem Valerie Matt Ledbetter endgültig den Laufpass gegeben hat, dem bisherigen Dobro-Spieler. Da hat wohl die Chemie nicht mehr gestimmt, denn an mangelnder musikalischer Qualität kann der Rauswurf nicht festgemacht werden. Herrlich kam „In Those Mines" rüber, das Becky Buller geschrieben hat, obwohl es natürlich ein trauriges Thema anspricht, nämlich den Tod, der in den Bergwerken immer wieder zuschlägt. Becky stammt aus der 4.000-Seelen-Gemeinde St. James, Minnesota und hat in letzter Zeit auch für andere Künstler tolle Lieder geschrieben, so für die kanadischen Abrams Brothers ihre zweite Single „Searching For Myself In Tennessee". Gillian Welch’s "Red Clay Halo" klingt immer noch so frisch wie auf Valerie’s erster CD. Und ganz toll arrangiert haben sie "Bei Mir Bist Du Schön" von den Andrew Sisters. Toll auch einige Gospel-Stücke aus der kommenden CD, wie "Seeds", "Wings To Fly" aus der Feder von Clair Lynch oder "Soulphone" mit vierstimmigem Satzgesang.

Nach einem grandiosen Finale aller Musiker, bei dem Valerie Smith ein lockeres Tänzchen wagte, ging das Festival kurz nach Mitternacht zu Ende, nicht ohne das Versprechen von Walter Fuchs, dass es 2007 eine Fortsetzung im Bürgerhaus geben wird. Das fünfte Bühler Bluegrass Festival steigt am 05.05.2007 mit fünf (!) Bands. Hierauf darf man sich jetzt schon freuen. Hoffentlich wird die Kunde vom tollen Festival 2006 in die Fachwelt und restliche Welt verbreitet, Infos hierzu und zu den Veranstaltungen im Schütte-Keller Bühl gibt es jedenfalls von Rüdiger Schmitt jederzeit über die e-mail-Adresse kleinkunst.im.schuette-keller@web.de . Auch Bluegrass ist regelmäßig angesagt im schönen Gewölbekeller in Bühl, der seit 25. August 1999 Kleinkunst und Konzerte ganz groß herausbringt. (Friedrich Hog)