Paul Overstreet glänzt vor voll besetztem Four Corners
Der
Name Paul Overstreet ist spätestens seit 1982 den Fachkreisen ein Begriff,
damals hatte er erstmals einen Hit als Songschreiber landen können und zwar mit
„Same Ole Me", einer Position 5 in den Country Charts für George Jones. Am
Samstag, den 19. August war es Marianne und Bill gelungen, mit Paul Overstreet
einen der erfolgreichsten Singer-Songschreiber der Musikgeschichte in’s Four
Corners nach Untermeitingen zu holen. Es versteht sich von selbst, dass das
gemütliche Honky Tonk restlos ausverkauft war. Paul Overstreet überzeugte durch
seine angenehme Stimme, seine Natürlichkeit und seine großen Hits, die er
naturgemäß gar nicht alle spielen konnte.
Der sensationelle Auftritt im Four Corners wurde durch Doug Adkins eröffnet, der seine Band Stars’n‘Bars für die Tour mit Paul Overstreet zur Verfügung gestellt hat. Neben einigen ganz neuen Liedern stellte Doug Adkins die Titel aus seiner sehr schönen aktuellen CD „Whiskey Salesman" vor, z.B. „Window Shopping", „You Got To Be Strong" oder den Titelsong. „One More Mile To Go" war ein flotter Truck Driving Song, der sehr gut ankam. „Take It To The Rodeo" machte viel Power, aber auf gutem Niveau, alle Achtung, das macht Laune. Der „Honky Tonk Guitar Boogie Man" war Klasse, er verband musikalisch Nashville mit Memphis. Sehr gelungen auch „At 95", das ist das Alter, in dem Doug’s Großvater kürzlich verstarb. Ganz in der Tradition von Johnny Cash spielte Doug Adkins den „Folsom Prison Blues", den er mit Merle Haggard’s „Workin‘ Man Blues" verband. Natürlich war das Publikum beim „Orange Blossom Special" ganz aus dem Häuschen, Doug Adkins konnte einmal mehr mit seiner Stimme und seinem Auftreten überzeugen und das Publikum für sich gewinnen, auch wenn er diesmal gar nicht die Hauptfigur des Abends war. Ernest Ray Everett setzte mit einem kleinen Set den Abend fort, „Choises" von Billy Yates war gleich ein Highlight, George Jones hatte es zum Hit gemacht. Die Eigenkomposition „Desire" kam sehr gut an und Bon Jovi’s „I Wanna Lay You Down In A Bed Of Roses" war die Zugabe.
Nach
einer kleinen Umbaupause betrat der Star des Abends die Bühne, Paul Overstreet.
Obwohl er einer der erfolgreichsten Songschreiber der Musikgeschichte ist, in
den Jahren 1987 bis 1991 wurde er jeweils zum BMI-Songwriter des Jahres gewählt,
war seine Natürlichkeit von Anfang an sehr deutlich zu spüren. Er steht über den
Dingen und braucht keine Starallüren. Seine klare Tenorstimme und seine
Herzlichkeit ließen rasch das Gefühl aufkommen, da steht einer vom alten Schlag
auf der Bühne, dem ein guter Song mit Inhalt mehr bedeutet als heute allzu
häufig von No-Names praktizierte Effekthascherei. Jedes Lied ein Hit, er konnte
bei weitem nicht alle Lieder spielen, die er selbst als Sänger hoch in die
Hitparade gebracht hat oder die andere Künstler übernommen und zu Hits gemacht
haben. Mit „All The Fun", einer eigenen Position 5 von 1989 begann sein Programm
im Four Corners. Es folgte sein größter eigener Hit „Daddy’s Come Around", Platz
1 der Billboard Country Hitparade am 02. Februar 1991. „On The Other Hand" war
1986 der erste Nummer-1-Hit für Randy Travis. Sehr schön auch sein „I’m Seeing
My Father In Me". „When You Say Nothing At All" wird natürlich immer mit Paul
Overstreet in Verbindung gebracht, es durfte nicht fehlen und verfehlte seine
Wirkung nicht. Gefühle und die feinen Töne standen absolut im Vordergrund, wie
es bei guter Country Music stets der Fall ist. Keith Whitley hatte damit zur
Jahreswende 1988/1989 seinen größten Nummer-1-Hit landen können, Alison Krauss
und Ronan Keating konnten mit späteren Coverversionen unabhängig voneinander
nochmals massive Hits landen. „It Takes A Whole Lot Of Liquor To Love Her" wurde
von Hank Williams jr. aufgenommen, „She Thinks My Tractor’s Sexy" war ein früher
Kenny-Chesney-Hit, Platz 11. Der kürzliche Nummer-1-Hit von Blake Shelton „Some
Beach" stammt auch aus der Feder von Paul Overstreet, der mit seiner Version
voll überzeugen konnte. Sehr gut gefallen konnte auch „I Won’t Take Less Than
Your Love", das Paul Overstreet gemeinsam mit Paul Davis und Tanya Tucker am 27.
Februar 1988 auf Platz 1 der Country Charts hochtrugen. Leider mussten ein paar
Quatschköpfe selbst bei solch einer Sternstunde ihren Schnabel zum Quaken
aufsperren, das empfand der weitaus größte Teil des Publikums zu Recht als
unpassend.
Gigantisch schön und herrlich rhythmisch hat Paul Overstreet auch sein „Diggin‘ Up Bones" gespielt, das Mel Tillis aufgenommen hatte und das in der späteren Version von Randy Travis 1986 dessen zweiter Toperfolg wurde. Insbesondere kam der zweite Teil des Liedes sehr gut an, den Paul Overstreet im Stil eines B.B. King sang und spielte, also mit einem Touch von Blues, was dem Lied durchaus auch inhaltlich entspricht. „Proud Mary" von CCR und „House Of The Rising Sun" von den Animals spielte Paul Overstreet in Verbeugung vor seinen Vorbildern John Fogerty und Eric Burdon. Mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern spielte Paul Overstreet „I Think She Only Loves Me For My Willie", das er erst kürzlich als Single aus seiner jüngsten CD ausgekoppelt hat. Die Willie-Nelson-Plattensammlung ist für den Gag des Liedes lediglich der Aufhänger und der geneigte Zuhörer weiß die Story bis zu ihrer vollständigen Bedeutung zu verfolgen. 10 nach 12 folgten die Zugaben „Billy Can’t Read", ein Lied, in dem Paul Overstreet Analphabetismus behandelt und die Möglichkeiten, ihn zu bekämpfen, 1992 landete Paul damit auf Platz 57 der Country Hitparade. Da die Band das Lied nicht geprobt hatte, sang Paul es solo und leider nur auszugsweise. Der wunderbare dreiwöchige Randy-Travis-Nummer-1-Hit „Forever And Ever Amen" war weiteres Pflichtprogramm, neben „When You Say Nothing At All" der zweite Signaturesong von Paul Overstreet, der mit dem Football-Song „Never Gonna Feel Like That Again", das Kenny Chesney übernommen hat, seinen mehr als gelungenen Auftritt beendete.
Die Band, in der der Nashville-Top-Bassist Mike Chapman spielte, der für Boxcar Willie, Garth Brooks und Paul Overstreet selbst bei Schallplattenaufnahmen den Bass zupfte, hatte sich für die Europatour bestens warmgespielt, acht Leute auf der Bühne, Ernest Ray Everett am Keyboard, Matt Wegener an der elektrischen Gitarre, Ann K. Schmehling und Scarlett an den akustischen Gitarren und Gesang, Paul Overstreet ebenfalls an der akustischen Gitarre, dazu Steel Guitar und Dobro, sowie Schlagzeug. Paul Overstreet, der am 17. März 1956 in Newton, Mississippi geboren wurde und jetzt auf einer Farm mit Pferden und Ziegen lebt, hinterließ ein durchweg glückliches Publikum, das noch lange damit beschäftigt war, von Paul nach dem Auftritt Autogramme zu erhalten. Die Wünsche nach Unterschriften und Fotos hat er alle sehr gerne erfüllt und anschließend hat er Günter Diebel von Radio Riverside und mir noch für ein ausführliches Interview zur Verfügung gestanden, bevor er sein Nachtessen einnahm. Ein sehr gelungener musikalischer Abend ging mit Scarlett zu Ende, die Lieder von Gretchen Wilson, Dixie Chicks und anderen aktuellen Künstlern der Szene sang. (Friedrich Hog)