41. Pfingstfestival in Neusüdende am 03. & 04. Juni 2006

Am Pfingstsamstag und Pfingstsonntag 2006 war bei Klaus Grotelüschen wieder das zweitägige Pfingstfestival angesagt, das mit sechs hervorragenden Bands der großen Zahl an Besuchern ein in jeder Hinsicht vergnügliches Wochenende beschert hat. Auch der Wettergott spielte mit, sonnig bis wolkig, nicht sehr warm, aber kein Regen.

Der Lindenhof in Neusüdende war wie immer Austragungsort des Festivals, das am Pfingstsamstag um 11 Uhr mit der Plattenbörse eröffnet wurde. Leichte Renovierungsarbeiten an Decke und Wand gaben dem Ambiente neuen Anstrich, was die Atmosphäre des Festivals im Zusammenwirken mit dem nunmehr geltenden Rauchverbot im Saal angenehm verbesserte. Musikalisch ging’s um 16 Uhr los, Mike Bella & The Blue Boy‘s eröffneten das Festival. Der Amerikaner Mike Bella hat eine bunte Mischung aus Eigenkompositionen und alten Buck-Owens-Titeln wie „Under Your Spell Again" oder „Love’s Gonna Live Here Again" präsentiert, insgesamt sehr an Buck Owens angelehnt, wenngleich weit weniger rauh, es gab bei Mike Bella auch nur eine elektrische Gitarre. Dafür stand sie Steel Guitar weit im Vordergrund, was heute nur noch sehr selten der Fall ist. Das machte aus dem Auftritt von Mike Bella eine richtige Country-Performance im Honky Tonk Stil, die durch den differenzierten Sound im Saal und die klare Stimme von Mike Bella ganz Klasse rüberkam.

Hawkeye And Hoe setzten den Nachmittag fort. An diesem gemischt britisch-dänischen Trio mit Kontrabass, Minimalschlagzeug und akustischer Gitarre schieden sich die Geister, die einen wandten sich ob der einfach gestrickten Musik ab, die anderen hatten viel Spaß mit der bunten Mixtur aus Old Time und Rockabilly. Die Formation spielt nicht nur nach, sondern macht etwas Neues aus den alten Stücken, man fand auch nach jedem Lied einen speziellen Anlass, gemeinsam einen Schluck aus der Bierflasche einzuwerfen. Von Bob Wills hatten sie „Take Me Back To Tulsa" mitgebracht, der Folk-Klassiker „Freight Train" oder „Yonder Comes A Sucker" von Jim Reeves fanden Eingang in’s Repertoire und „I Won’t Go Huntin‘ With You Jake" brachte auch viel Spaß. Mit einfachen Mitteln erzielte die Band eine große Wirkung, dabei muss nicht alles kompliziert sein, wie die drei jungen Musiker eindrucksvoll bewiesen. Der stets gut gefüllte Auftrittskalender unterstreicht dies.

Die dritte Formation des Nachmittags waren Prickly Pair aus Wyoming um das Ehepaar Les und Locke Hamilton. Sie halten die musikalische Tradition ihres Heimatstaats am Leben, das hat viel mit Cowboy Musik zu tun. Auch die Nahrungskette wurde in einer lustigen Verquickung dargestellt, „Big Foodchain Of Life". Anlass: Die Wiedereinwanderung von Wölfen hat die Schafzüchter auf die Palme gebracht, uns fällt parallel natürlich derzeit Stoi-bärs Problembär hierzu ein. Der enorme irische Einfluss der Cowboy-Musik wurde in zwei Liedern dokumentiert. „When The Cactus Is In Bloom" und „In The Jailhouse Now" kamen von Jimmie Rodgers und „Diamond Joe" beschrieb die Unarten eines schlechten Chefs. Die Mundharmonika leitete „Shenandoah" ein und Patsy Montana’s Millionseller „I Wanna Be A Cowboy’s Sweetheart" durfte ebenfalls nicht fehlen. „Wayfaring Stranger" reicht wohl bis in’s 16. Jahrhundert zurück, ein Mountain Man hat es der Legende nach aus Angst in die ewigen Jagdgründe geschickt zu werden gesungen, als er sich von Indianern umzingelt fühlte, doch andere Mountain Men haben ihn gerettet. Die Zugabe „So Long To The Red River Valley" kam aus dem Fundus der Sons Of The Pioneers. Das von Dan Seely am Bass verstärkte Team war exklusiv nur für das Pfingstfestival nach Neusüdende gekommen.

Nach der Pause setzten Hawkeye & Hoe fort und sorgten für Stimmung mit Drinkin‘ Songs wie „Cigareetes, Whusky & Wild Wild Women". Das obligatorische Stämmen der Bierflasche blieb erhalten und so hatte die Frische der Musik und die Energie der Musiker auch im zweiten Set für viel Freude gesorgt. Prickly Pair brachten ein gelungenes Medley aus „Cindy", „Old Joe Clark" und „Shady Grove". Aus der Feder von Smiley Burnette stammte „Riding Down The Trail", das Gene Autry bekannt gemacht hat. „I Ride An Old Paint", „Leaving Cheyenne", „Rendevouz With The Moon" aus der Feder von Locke Hamilton und das lustige „Whiskey Before Breakfast" ließen das Trio gut beim Publikum ankommen. „The Lights Of Cheyenne" und „Riders In The Sky" forderten Zugaben ohne Ende heraus, die schließlich bei „Night Rider’s Lament" doch enden mussten. Den Abschluss des ersten Festivaltags besorgten Mike Bella & The Blue Boy’s. Sie brachten nochmals Buck Owens auf die Bühne mit „Act Naturally" und „Big In Vegas", nach dem sie sogar ihre 2. CD benannt haben. Die Formation kann aufgrund der guten Musiker und des authentischen Country Sounds für jedes Country Festival wärmstens empfohlen werden.

Die COUNTRY & WESTERN FRIENDS KÖTZ waren diesmal mit rund zwei Dutzend Leuten anwesend, wobei man wieder zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Richtungen angereist war, denn das Treffen bei Klaus hat immer einen hohen Stellenwert und wird mit einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm ergänzt, wie Besuch von Varel am Jadebusen mit Einkauf im Bahlsen Fabrikverkauf, Besichtigung des friesischen Brauhauses zu Jever mit Umdrunk, lecker Fischessen, Besuch am Meer und am Bad Zwischenahner Meer mit Flohmarkt und amüsanter Entenfütterung. Im Radio konnte man unterwegs regelmäßig dem „Flitzerblitzer" lauschen.

Am Sonntag galt um 14 Uhr das traditionelle Motto in Neusüdende, drei Bands sind verpflichtet, eine ist auch schon da. Das waren die Bluegrass Boogiemen aus Holland, die mit Arnold Lasseur einen Sänger haben, der schon alleine dadurch lustig ist, dass er deutsch redet – danke bitte. Oldtime kam bei „Sorry I’m Out Of Business" rein, ansonsten spielt die Band energischen Bluegrass mit hohem Unterhaltungswert, insbesondere bei der Instrumentenbeherrschung ist die Formation weltklasse. Buck Owens war auch hier vertreten, „Down To The River", „Old Slewfoot", ein weiterer Bär durfte sein Unwesen treiben und „Move It On Over" kam von Hank Williams. Drei Fiddles spielten „Boile‘m Cabbage Down" und „I’ll Be There". Gospelklänge ertönten bei „When God Comes And Gathers His Jewels". Von Jimmy Martin, The King Of Bluegrass, war „Hold What You Got" dabei. Country-Stücke sind immer wieder vertreten bei den Boogiemen, „There Stands The Glass" kommt von Webb Pierce. Dem rasanten „Orange Blossom Special" folgen noch einige Zugaben. Das Entertainment gehört dazu bei den Boogiemen und mit einem Gospel-Medley verabschiedeten sie sich aus Neusüdende.

Die anderen Formationen waren inzwischen ebenfalls eingetroffen und so setzten die Moonlighters aus New York den Nachmittag fort. Blues und Jazz lassen sie gekonnt einfließen in ihren „Hawaiian Sound from New York", der auf inzwischen vier CD’s zu haben ist. Vor vier Jahren waren die Moonlighters erstmals in Neusüdende und sie haben nichts von ihrer Faszination verloren. Miss Bliss Blood hat inzwischen eine Resonator-Ukulele, den Prototyp des blutroten Instruments. Ihre Musik ist romantisch, kann düster und tragisch sein, sie ist in jedem Fall sexy, auch die Optik der Band ist mehr als glücklich gewählt mit der schwarzhaarigen Carla Murray an Gesang und Gitarre, die die rotblonde Bliss Blood unauffällig, aber wirkungsvoll ergänzt. „My Blackbirds Are Bluebirds Now" hieß eines ihrer Lieder, Tango mit gestrichenem Kontrabass von Gründungsmitglied Andrew Hall kam hervorragend an. Marlene Dietrich war aus dem blauen Engel vertreten mit der Suche nach dem richtigen Mann. Wunderbar der „Honolulu March", gespielt von Mike Neer, einem Virtuosen auf der im Sitzen gespielten Hawaiian Steel Guitar. „Mission To Moscow" brachte etwas Western Swing auf die Bühne, Django Reinhardt durfte auf einer europäischen Bühne bei einer von Jazz beeinflussten Band auch nicht fehlen. So verflog die Zeit viel zu schnell bei dieser herrlich der hektischen Zeit entgegenwirkenden Musik der Moonlighters, denen man Stunden, Tage, Wochen ununterbrochen zuhören könnte.

Am Ende des Festivals standen Randy Waller & The Country Gentlemen. Randy Waller ist der Sohn des legendären Gründers der Country Gentlemen Charlie Waller, der am 18. August 2004 überraschend gestorben war. Am 04. Juli 2007 feiert die Formation ihr 50-jähriges Bestehen. Zunächst musste die Band einen ausführlichen Soundcheck machen, dann ging’s bei viel Hall und weiteren Soundproblemen los, was sich aber nach zwei, drei Stücken eingependelt hatte. Randy Waller erinnert äußerlich durchaus an seinen Vater, auch stimmlich kann man Charlie Waller heraushören, wenngleich Randy Waller nicht die klare kraftvolle Stimme des Vaters in ihrer vollen Ausprägung geerbt hat. Mark Delaney bediente das Banjo, Gary Creed den Kontrabass und David Kirk die Mandoline. Bei „Travelling Kind" aus der Feder von Steve Young gelang der Formation eine herausragende Adaption des Originals der Country Gentlemen. Auch „Two Little Boys" und „The Legend Of The Rebel Soldier" waren sehr schön. Randy Waller spielt ja bereits seit 2003 bei den Country Gentlemen und bringt inzwischen neues Material in die Formation ein wie „Oh Mexico" aus der Feder von Tad Marks, mit dem Randy Waller befreundet ist; remember „Der Hund ist Frolic"? „Crying In The Chapel" hatte Randy Waller noch mit seinem Vater aufgenommen für die CD „Songs Of The American Spirit", die 2004 veröffentlicht wurde und bei der SPGMA beste CD des Jahres 2004 war. Die Nackenhaare haben sich gestellt bei „Bringing Mary Home", und „Matterhorn" ist die tragische Geschichte einer tödlich endenden Besteigung des so benannten Berges in der Schweiz. Auf ihrer Tour durch Europa war Randy Waller aufgefallen, dass die europäischen Bluegrass Bands über die amerikanischen Berge gesungen haben, „Matterhorn" ist der Beweis, dass es auch umgekehrt ging. Schon kamen „Fox On The Run" und „House Of The Rising Sun" und ein denkwürdiger Auftritt ging viel zu schnell zu Ende, auch wenn man etwas über die vorgesehene Endzeit 19 Uhr hinaus überzogen hatte. Die Country Gentlemen sind auch in der aktuellen Besetzung jederzeit den Besuch eines Konzerts Wert.

Wie Klaus Grotelüschen kurze Zeit nach dem Festival verlauten ließ, soll dieses Festival sein letztes Pfingstfestival gewesen sein. Soweit dies das „Aus" für Neusüdende bedeutet, wird eine riesige Lücke in die ohnehin gebeutelte bis kaum mehr erkennbare Szene gerissen. Die große Belastung, die der jeweilige Alleingang bedeutet, in Verbindung mit der einen oder anderen Frustration und dem familiären Problem mit dem betagten Vater haben Klaus zu dem Schritt bewogen. 2006 wird es in jedem Fall am Samstag, den 21. Oktober noch ein Herbstfestival geben, Albert & Gage und die Crooked Jades haben schon zugesagt. Bei dieser Gelegenheit haben alle Country Fans beste Gelegenheit, Klaus für seine tolle Leistung als langjähriger Festivalorganisator zu danken. Hillbillie Guesthouse als CD-Versand wird es weiterhin geben, Klaus bietet viele einzigartige Scheiben exklusiv an, auch das dürfte ein Anreiz für alle, die einmal in Neusüdende waren, das kommende Herbstfestival zu besuchen. (Friedrich Hog)