Joan Baez, leise, aber intensiv

Für Donnerstag, den 30. März 2006 waren in Stuttgart gleich zwei hochkarätige Konzerte vorgesehen, die beide so nicht stattgefunden haben. Holly Williams, Tochter von Hank Williams jr. musste ihre geplante Europatournee aufgrund eines Handgelenkbruchs und diverser Schürfwunden und Prellungen absagen, die sie wenige Wochen zuvor bei einem schweren Autounfall erlitten hatte. Joan Baez sollte in der Liederhalle spielen, diese war jedoch in kurzer Zeit ausverkauft, was den Veranstalter dazu bewegte, das Konzert in die größere Schleyerhalle zu legen. Nun weiß man, dass in der Liederhalle beste akustische Verhältnisse herrschen und ging mit einer gewissen Befürchtung in die Schleyerhalle, dahingehend, dass eventuell die Klangverhältnisse und die Nähe unter der Größe der Halle leiden könnten. Aber, das war eindeutig nicht der Fall. Ein Kompliment an die Tontechniker, die eine wunderbare und differenzierte Beschallung bewerkstelligt haben, die dem Ereignis absolut gerecht wurde. Man muss einfach verhindern, dass unterschiedliche Frequenzen über das gleich Mikrophon oder den gleichen Lautsprecher transportiert werden, schon hat man einen klaren Sound.

Joan Baez hatte zwei Musiker mitgebracht, Graham Maby an akustischer Gitarre und dezentem E-Bass und Erik Della Penna an Lap Steel, Dobro und Mandoline. Joan Baez selbst spielte zeitweise die akustische Gitarre. Das Schlagzeug war nicht besetzt und auch nicht vorhanden, nachdem ihr Schlagzeuger und musikalischer Direktor George Javori am 10. Dezember 2005 plötzlich verstorben war. Obwohl die riesige Schleyerhalle recht gut besetzt war, kam ein intimes Gefühl auf, fast wie im Wohnzimmer, Joan Baez selbst benutzte hierfür das deutsche Wort "gemütlich". Dem Publikum ist ein großes Kompliment zu machen, zwei Stunden volle Aufmerksamkeit, man konnte die berühmte Stecknadel fallen hören. Akustische Musik kann doch die größten Hallen füllen und auch ausfüllen, ohne in irgendeiner Weise unterzugehen. Joan Baez hat es mit einer großartigen Leistung bewiesen.

Aufgrund der Verlegung in die Schleyerhalle hatte man erst um 20.30 Uhr begonnen, um allen die Möglichkeit zu geben, von der Liederhalle rüberzuwechseln, die die Verlegung nicht mitbekommen haben. "The Night They Drove Old Dixie Down" von Robbie Robertson war ihr erstes Lied, Millionseller von 1970 und so etwas wie ein Markenzeichen von Joan Baez. Als ob sie allen sagen wollte, hey, das bin ich. Erschreckend, wie wenig junge Leute heute Joan Baez überhaupt kennen, und ähnlich war auch das Publikum strukturiert, eine "Ü-30-Party". Joan Baez hatte das Lied gegenüber ihrer Hit-Version etwas umarrangiert, deutlich in Richtung der Interpretation von Steve Young, es war das einzige Lied, bei dem Erik Duettvocals beisteuern konnte. Überhaupt darf man der inzwischen im Rentenalter angekommenen Joan Baez ein großes Kompliment machen, sie macht immer noch eine sehr gute Figur und auch stimmlich hat sie nichts von ihrer Ausstrahlung verloren, auch wenn ihr Sopran vielleicht nicht mehr in allen Passagen ganz so frisch glänzt wie Ende der 50-er Jahre, als ihre großartige Karriere begonnen hatte.

Wie es bei Joan Baez dazugehört, hat sie bei etlichen Liedern etliche Dinge zurecht gerückt, "The Red Tide" von Elvis Costello fordert z.B. George W. Bush auf, zuzugeben, dass er falsch lag, gelogen hat und dass er die Jungs endlich zurückholt aus dem Irak. Auch die Songs der 60-er Jahre sind - leider- wieder sehr aktuell geworden, "With God On Our Side" als bestes Beispiel: "wenn Gott auf unserer Seite ist, beendet bzw. verhindert er den nächsten Krieg" und marschiert nicht mit. Die Lap Steel untermalte wunderschön dieses Lied. Bei einigen alten Folk Songs konnte die Mandoline punkten. "Long Black Veil" hatte Joan Baez bei Johnny Cash gelernt, zu einer Zeit, als der noch jung und hübsch war und der Polizei eine Menge Ärger eingebracht hat, wie sie für ihren "Glaubensbruder" formulierte. Ob "Stand By Me" unbedingt typisch Joan Baez ist, möchte ich gerne zur Diskussion stellen, ein schönes Lied ist es allemal. Aus der Feder von Steve Earle kam "Christmas In Washington" über einen jungen Songwriter, der in den Fußstapfen von Woody Guthrie wandelt und sich ihn herbeisehnt, "Come Back Woody Guthrie". Übrigens, dessen Sohn Arlo Guthrie ist am 16. September 2006 im Stuttgarter Theaterhaus angesagt. Für die Studenten in Russland sang Joan Baez "Joe Hill", ein Lied über Mut, auch den Mut und die Kunst, etwas zu organisieren, wenn so etwas notwendig ist: "Nein, ich bin nicht tot, sagt Joe Hill".

Bob Dylan’s "It’s All Over Now Baby Blue" ist auch einer der Klassiker, die gleich Anfangsbeifall ernteten. Schön war auch Leonard Cohen’s "Suzanne", wenngleich es ein sehr trauriges Lied ist, die Melodie verzaubert, die Intensität ist beeindruckend. Überhaupt wirkte Joan Baez aufgrund ihrer filigranen Darbietung sehr intensiv, sie hatte es in keiner Passage nötig, durch Lärm etwas zu überdecken, was bei den meisten Hallenkonzerten oft zu bemängeln ist. Das in Deutschland vor langer Zeit entstandene "For Sasha" war auch wieder schön, es war schon hell geworden am Morgen nach einem Tourneeauftritt von Joan vor vielen Jahren, als sie diese Gedanken eingefangen hatte. Toll brachte sie das vor 47 Jahren einstudierte "Lilly Of The West" rüber, immer noch gesanglich in Hochform. "Farewell Angelina" von Bob Dylan, "Sagt Mir Wo Die Blumen Sind" von Pete Seeger, "Gracias a la Vida", "Donna Donna", "So kleine Hände" von Bettina Wegener, das Publikum wollte sie gar nicht gehen lassen und so kam eine halbe Stunde mit Zugaben zustande, zwei Stunden Konzert insgesamt, darunter immer wieder Lieder gänzlich ohne die Musiker und sogar auch akapella.

Die große Dame der Folk Music, die Ikone der politischen Folksongs ist nach wie vor eine Größe auf jeder Bühne und solch schöne Auftritte sind gut für Seele und Nerven! Möge sie uns noch lange erhalten bleiben und weiterhin sich selbst treu bleiben, Prädikat "äußerst wertvoll". (Friedrich Hog)