Ein Wochenende mit Niall Toner und John Shreve 

Niall TonerMit dem Gewinn des deutschen Vorentscheids zum 50. Grand Prix in Athen hatte die Hamburger Gruppe „Texas Lightning“ am Donnerstag, den 09. März 2006 für einen gelungenen Start in’s verlängerte Country Music Wochenende gesorgt. Der Folgetag, also Freitag, 10. März brachte für Niall Toner und Clem O’Brien aus Irland ein volles Haus bei den Illertal Cowboys. Restlos ausverkauft war dann am Samstag, den 11. März auch die 10. Bluegrass- und Country Night anlässlich des St. Patrick’s Day in Ehingen (Donau) mit Niall Toner und John Shreve. Sonntag, der 12. März brachte ein wunderbares Konzert um die Mittagszeit in Dany’s Club in Neu-Ulm mit den herrlichen Liedern von John Shreve und special guest Niall Toner. Den Abend verbrachten einige Kötzer Country Friends im Rattlesnake Saloon in München, wo die Good Brothers aus Kanada wieder einmal zu Gast waren. Der Unterzeichner war in München nicht dabei, da er ja 2 Stunden AMERICANA bei Radio free FM präsentierte. Den Montag konnte man zum relaxen nutzen, denn Dienstag, der 14. März war mit der Bluegrass-Formation „Special Consensus“ aus den USA in Vöhringen-Illerberg, „Two Tons Of Steel“ aus Texas im Four Corners in Untermeitingen und Billy Yates aus Missouri im Albisgüetli in Zürich wieder bestens bestückt, und man konnte nur eines dieser drei Highlights wahrnehmen. Jedenfalls geht eine Menge ab in der Country Szene, und das soll uns alle freuen.  

Niall Toner aus der Gegend von Dublin und John Shreve, in Berlin lebender Amerikaner, hatten zuvor noch nie etwas voneinander gehört. Ihre Zusammenkunft war einer äußerst seltenen kosmischen Konstellation zu verdanken, die wie folgt zusammengefasst werden kann: Bei der Country Music Messe 2005 in Berlin entdeckte COUNTRY TIMES-Redakteur Werner Ost den amerikanischen Sänger John Shreve, der durch seine authentischen Lieder aus dem amerikanischen Westen den gestandenen Redakteur in’s Schwärmen brachte. Illertal-Cowboys-Präsident Herbert Schildhammer war 2005 für Radio free FM beim Country Festival im dänischen Silkeborg, wo er die Niall Toner Band kennenlernte und für den St. Patrick’s Day in Ehingen in’s Gespräch brachte. Völlig unabhängig davon hatte der Unterzeichner Niall Toner in Nashville kennen gelernt, bei einer Jam Session im Haus von Barry und Holly Tashian. Als er nach seiner Rückkehr aus den USA für die Volkshochschule Ehingen die Bands für St. Patrick’s Day aussuchte, waren die Karten rasch im Sinne von John Shreve und Niall Toner gemischt. Beide Formationen kamen exklusiv für den Ehinger St. Patrick’s Day nach Süddeutschland und konnten je bei einem zusätzlichen Auftritt bewundert werden.  

Glem O'BrienDen Anfang machte insoweit Niall Toner, natürlich bei Herbert Schildhammer’s Illertal Cowboys im restlos gefüllten Alten Sportheim Vöhringen-Illerberg. Niall Toner (Mandoline, Gitarre) hatte Clem O’Brien mitgebracht, der seit dreieinhalb Jahren in seiner Band Gitarre und Mandoline spielt. Clem O’Brien ist einer der wichtigsten irischen Musiker, sprang schon bei „Special Consensus“ und den „Chieftains“ ein. Niall Toner und Clem O‘Brien singen solo, aber auch im Duett, jeweils mit klaren Stimmen, und so war ihre dynamische Musik sofort beim Publikum gut angekommen. Wie Brüderduette in den 30-er, 40-er und 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts können sie klingen, die Einflüsse von Bill Monroe sind unüberhörbar. Der wiederum hatte sich häufig beim Blues bedient, ebenfalls eine Quelle für Niall Toner. Insoweit reichte sein Repertoire zurück bis Jimmie Rodgers, dem Vater der Country Music. Jimmie Rodgers war ein stilprägender Künstler, ebenso wie Johnny Cash, dessen „Hey Porter“ zu hören war. Wunderschön ist „The Promise“, das Niall Toner gemeinsam mit Barry und Holly Tashian geschrieben hat. „The Black Coalmine“ kam von Roscoe Holcomb aus Kentucky, der in den dortigen Kohlebergwerken selbst als Bergmann gearbeitet hatte und als Banjo-Spieler im alten Clawhammer-Stil bekannt geworden war. Überflüssig zu erwähnen, dass er an Staublunge und Asthma gestorben ist, dies war 1981. „The Master’s Resting Place“ handelte natürlich von der Grabstätte von Bill Monroe, dem Vater des Bluegrass. „Just Because“ ist eine rasante Nummer, die gut abgeht und „Cross The Brazos At Waco“ war für Billy Walker 1964 eine Position 2 in den Country Charts. Auch schöne Train Songs wie „Railroad Dreams“ fanden den Weg in’s Clubheim der Illertal Cowboys und mit dem Titelsong der aktuellen Niall-Toner-CD „Mood Swing“ und dem Klassiker „Will The Circle Be Unbroken“ endete der dritte Set zu vorgerückter Stunde, aber dennoch viel zu früh.  

Damit hatten Niall Toner & Clem O’Brien sich bestens empfohlen für den großen Auftritt am Folgetag in Ehingen. Dort hatte die Volkshochschule mit Unterstützung der Country & Western Friends Kötz bereits zum 10. Mal die Bluegrass & Country Night anlässlich des St. Patrick’s Day gefeiert, und ähnlich wie am 17. März 1997 bei der Erstausgabe mit Bluegrass Etc. und Shady Mix mussten nachträglich noch Stühle aufgestellt werden, bis der Saal voll war, der diesmal gar nicht allen Gästen Platz bot, die zur Lindenhalle gekommen waren. Für alle, die Einlass bekommen hatten, war die angenehme Atmosphäre im Saal natürlich prägend, obgleich die herrschende Enge nicht jedermann’s Sache war. John Shreve (Gesang, akustische Gitarre, Banjo) eröffnete mit einem sehr ruhigen Set den Abend, begleitet wurde er von Stefanie Zill am Gesang und diversen Rhythmus-Instrumenten, Axel Rosenbauer an der Resonatorgitarre, der Cajun Quetsch’n und der akustischen Gitarre und Erhardt Rothe an der akustischen Gitarre. Zwei dynamische Sets von Niall Toner und Clem O’Brien folgten, bevor John Shreve mit seinen Begleitern den abschließenden Set spielte. Einige von allen sechs Musikern gemeinsam gesungene Lieder ließen den Zeiger auf nach halb eins vorrücken. Die 11. Ausgabe der Bluegrass- und Country Night ist schon in Planung und man hat den 10. oder 24. März 2007 in’s Auge gefasst.  

Stefanie ZillFür alle Musikfans brachten John Shreve und seine Begleiter ihre herrliche Western Musik am Sonntag, den 12. März in Dany’s Club in Neu-Ulm beim Atlantis Erlebnisbad nochmals zu Gehör, so richtig zum genießen. Montana ist neben Berlin die eigentlich erste Wahlheimat von John Shreve, viele seiner Geschichten spielen in diesem noch heute recht ursprünglichen Bundesstaat. Mit „Wild Montana Skies“ von John Denver und Emmylou Harris und „Montana Backroads“ über einen Cowboy, der alt geworden ist und nicht mehr Losreiten kann, eröffnete John Shreve seinen morgendlichen Auftritt. Die Musik wirkte hier in Dany’s Club angenehm kraftvoll, John erläuterte seine Lieder, das machte das Zuhören einfacher und eröffnete den Zugang zu einer Welt, die den Ballast allzu modernen Lebens bewusst hinter sich lässt. Die Cowboys hatten manchmal einen 24-Stunden-Tag, einige mussten sogar bis zu 36 Stunden am Stück im Sattel verbringen. Das war harte Arbeit für die Männer im meist jungen Alter von ca. 17 bis 20 Jahren und bevorzugt kleiner, schlanker Statur, die diesen Job ausübten. Die härtesten Einsätze hatten sie, wenn es hieß „Stampede“, wenn also die Rinderherde außer Kontrolle geraten war und davonlief. Hiervon handelte „Crossing The Pecos“. Das von John und Stefanie im Duett gesungene „Power In The Wind“ spielt im Reservat der Comanche um das Jahr 1870, als die Büffelherden bereits weitgehend verschwunden und die Indianer in Reservate deportiert waren. Ein Häuptling versuchte auszubrechen, um das Verhungern seiner Leute zu verhindern. Sehr schön auch jedes Mal wieder Stefanie’s „White Women’s Clothes“ über eine weiße Frau, die mit 11 Jahren von den Indianern gekidnappt worden war und 25 Jahre ihres Lebens mit ihnen verbracht hatte. Als sie von weißen Soldaten entführt und dem Leben der Weißen „zurückgeführt“ wurde, starb sie bald schon aufgrund der Enge, die in der Welt der Weißen herrscht. Natalie Maines hatte das Lied ursprünglich gesungen, bevor sie als Leadsängerin der Dixie Chicks den großen Durchbruch geschafft hatte.  

John’s Eltern lebten am Rio Grande, an der Grenze von Texas zu Mexiko, wo oft Mexikaner über den Fluss nach Texas kamen, die manchmal von den Schleppern im Stich gelassen wurden, „Los Estados Unidos“. Von Guy Clark stammte „Desperados Waiting For A Train“, der texanische Songschreiber lebt inzwischen in Nashville. „Cold Missouri Waters“ handelt von Waldbränden in Montana, die im trockenen Land dort nicht selten sind und der Natur eine gute Chance zur Neuentfaltung bieten. 1949 kannte man diese Zusammenhänge noch nicht, daher ließ man Weltkriegsveteranen, also Fallschirmjäger per Fallschirm abspringen, um das Feuer zu bekämpfen. 13 von ihnen wurden vom Feuer eingekesselt und sind umgekommen. Nach „Red River Valley“ spielten Niall Toner und Clem O’Brien als special guests noch ein paar Songs, bevor sie ihre Heimreise antraten. Clem glänzte bei „The Cheating Side Of Town“, „The Promise“ durfte nicht fehlen und „There’s A Better Way“ natürlich auch nicht. Mit „Mood Swing“, das Niall Toner George Strait zum Aufnehmen angeboten hat, verabschiedeten sich die beiden Iren.  

John ShreveJohn Shreve setzte fort mit „Diamond Joe“: Ob’s ihn als Person wirklich gegeben hat, oder ob nur der Name für den Charakter des „fiesen Chefs“ schlechthin steht, weiß man nicht genau. Das alte irische Lied „The Unfortunate Rake“ wurde in Amerika zu „The Cowboy’s Lament“, so spielte es John Shreve, es ist auch als „Streets Of Laredo“ bekannt. Von Tom Russell kam „Blue Wing“, quasi die Geschichte eines Mannes auf der Verliererseite, der immer an seinem Traum festgehalten hatte. Gemeinsames Vorbild von Tom Russell und John Shreve ist Woody Guthrie, aus seiner Feder kam „Jack Hammer Blues“, ein Lied, das Guthrie geschrieben hatte, während er an einem Staudammprojekt mitarbeitete. Ob das der richtige Umgang mit der Natur ist, sei dahingestellt, jedenfalls war es zum damaligen Zeitpunkt die einzige Geldquelle für Guthrie.  

Mit Axel Rosenbauer war der Akkordeonspieler der Cajun-Band Colinda anwesend, John spielte daher „den einzigen Cajun-Song, den er singen kann“, „Allons à Lafayette“. Stefanie Zill bediente dabei die Triangel, sie ist ansonsten auch im Damen-Trio Grandma’s Advice zu hören und singt dort herrliche alte Folk Songs. „Magpie“, das Lied von der Elster stammt aus der Feder von Ian Tyson, John bewundert die Durchsetzungskraft dieses nicht immer freundlich gestimmten schwarzweiß gefiederten Vogels. Tom Russell hat auch „Manzanar“ geschrieben, ein Lied über ein Konzentrationslager in den USA, genauer gesagt im östlichen Kalifornien gelegen, in einem vor Durchleitung der Energieversorgung schönem grünen Tal. An jenem Ort wurden 10.000 US-Bürger japanischer Herkunft interniert, als Rache für Pearl Harbour. Man sieht, verbrecherische Regierungen gab es in Amerika auch schon vor unserer Zeit und nach der Zeit der Entwurzelung der Native People. Tom Russell beschreibt in dem Lied das Schicksal eines Mannes, der sich ein kleines Geschäft aufgebaut hatte, und willkürlich enteignet und eingesperrt wurde, obwohl er alles andere als ein Spion war. Aus dem spanischen übersetzt heißt Manzanar Apfelwiese, aber in der Enge des Konzentrationslagers gab es keine Apfelwiese mehr. „The Banks Of The Musselshell“ wurde von Tom Russell und Ian Tyson gemeinsam geschrieben über einen Cowboy, der in England geboren wurde, wie übrigens viele seiner Kollegen. 20 % der Cowboys waren allerdings Farbige, eine Tatsache, die in Hollywood-Filmen regelmäßig nicht zur Geltung kommt.  

Axel RosenbauerÜber John Shreve kann man jede Menge Geschichten aus dem wahren Amerika erfahren, seine website www.john-shreve.de enthält sie, ferner die Texte der Lieder und etliche Biographien. John Shreve hat die Geschichte des alten Westens studiert, ihn kann man schon mal in einer Bibliothek beobachten, wie er ein ansonsten vergriffenes Buch kopiert um es zu Hause zu studieren. Sein Leben hat er der Erforschung des Westens gewidmet, seine Musik und sein Unterricht an 2 Volkshochschulen ernähren ihn. Das mag nicht das konventionelle Leben sein, aber es ist, so wage ich zu formulieren, ein erfüllteres Leben. Townes Van Zandt, der „Pancho & Lefty“ geschrieben hatte, das John Shreve auch sang, hatte noch wesentlich unkonventioneller gelebt, zeitweise ohne festen Wohnsitz, einfach in den Bergen, und Woody Guthrie war ebenfalls durch’s Land gezogen und wurde zur Legende. Herrlich zum Abschluss „Roll On Owyhee“ von Ian Tyson, über ein Land, das in Idaho liegt und schöne Wildpferde beheimatet, hoffentlich noch lange.  

Niall Toner und John Shreve waren echte Entdeckungen, bleibt zu hoffen, dass man sie auch anderswo bald wieder live erleben kann, bei uns sind sie jedenfalls gerne willkommen mit ihrer Musik, die gleichermaßen alternativ und schön ist. Ein Wochenende mit solch großartigen Künstlern hinterlässt das Gefühl, dass die authentische Musik wieder im Kommen ist. Möge diesen Exklusivkonzerten eine Reihe weiterer Auftritte folgen, damit möglichst viele Leute diese Erfahrung teilen können. (Friedrich Hog)