Clay Walker & Cornell Hurd: Texas erfreut Gstaad
Die 18.
Country Night im schweizerischen Gstaad fand am 08. & 09. September 2006 statt.
Der New Yorker Geiger Yehudi Menuhin hatte ja einige Jahre in Gstaad gelebt.
Bereits 1957 hatte er im nahe gelegenen Saanen zwei Konzerte in der Kirche
gegeben. Inzwischen ist sein Festival auf mehrere Kirchen und das Zelt der
Alpengala verteilt, rund 40 Anlässe innerhalb von rund 6 Wochen bieten sich den
jeweils 15.000 Klassik-Fans jedes Jahr. Menuhin selbst lebt natürlich nicht
mehr, er ist aber Ehrenbürger von Gstaad. Und sein Festival gab 1989 auch den
Startschuss für die jährlich stattfindende Country Night. Loretta Lynn, Conway
Twitty, die Forester Sisters, Stella Parton, Vernon Oxford und J.G. Duke hatten
das Zelt für das Samstagskonzert damals so schnell ausverkauft, dass man am
Freitag zuvor gleich einen Zusatztermin anberaumen musste. Damit ist die Country
Night Gstaad von Anfang an ein zweitätiges Festival mit identischem Programm an
beiden Abenden.
Buck Owens, die Nitty Gritty Dirt Band, Emmylou Harris, Dwight Yoakam, LeAnn
Rimes, Joe Nichols, George Jones, Tammy Wynette und viele viele anderee
Superstars haben inzwischen dort gespielt.
Wie
jedes Jahr war die Besetzung an beiden Abenden auch diesmal identisch. Das Zelt
der Alpengala war an beiden Abenden wohl ausverkauft, der Samstag ist jeweils
sehr rasch ausverkauft, auch am Freitag waren nur wenige leere Sitze auszumachen.
Das Publikum ist meist erholter am Samstag und es kommt dann in der Regel mehr
Stimmung auf, als dies am Freitag der Fall ist. Den Anfang machte die
zehnköpfige Cornell Hurd Band aus Texas.
Cornell Hurd stammt ursprünglich aus Kalifornien, aufgewachsen ist er im
dortigen San Jose. Die Universität hat er auch dort besucht, 1974 begann er
Musik zu machen. Ähnlich wie Bob Wills geht seine Musik in Richtung Western
Swing, im Gegensatz zu Bob Wills, der von Texas nach Kalifornien ging, zog
Cornell Hurd von Kalifornien nach Texas. In Austin ist der inzwischen 55-jährige
Unternehmensberater längst ein fester Bestansteil der Musikszene. Seine Band ist
vergleichbar mit Asleep At The Wheel, wie sie vor 20 oder 30 Jahren geklungen
haben. Steel Guitar, Fiddle, diverse Gitarren, ein Waschbrett und ein Saxophon,
gespielt vom 74-jährigen Del Puschert. Der hat schon mit Charline Arthur und
Hank Thompson gespielt, 1954 bereits traf er in Texarkana Elvis Presley, Scotty
Moore und Bill Black, was zu gemeinsamen Auftritten führte. Bei ihm war der alte
Rock'n'Roll Rhythmus am stärksten zu spüren. Am Schlagzeug sitzt bei der Cornell
Hurd Band die junge und gutaussehende Lisa Pankratz, die vor Jahren schon mit
Roger Wallace in Europa unterwegs war. Bei ihm hilft sie derzeit noch ab und zu
aus, wenn sein jetziger Schlagzeuger nicht verfügbar ist, ansonsten, so Lisa
Pankratz, spielt Roger leider viel zu wenig.
Musikalisch ging's gleich in Richtung Ray Price, sein "City Lights" erklang im
Honky Tonk Stil und der "10 Gallon Boogie" war astrein und authentisch. Mit
südlichen Rhythmen unterlegt kam "Viva Las Vegas" daher, dass es eine wahre
Freude war. Western Swing wurde bei "I've Got A Woman In San Angelo" angestimmt,
schön auch das Zusammenwirken von Fiddle und Sax. Aus der vorletzten CD der Band
kam ganz treffend "Party Time" und eher traurig und getragen war das sehr schöne
"I Drink Too Much". Die Instrumente konnte man da besonders differenziert hören,
aber auch ansonsten darf man der Technik dieses Jahr ein großes Lob aussprechen,
da hat alles gepasst. Die Zugabe hieß "You Only Kiss Me When You Say Goodbye",
aber diese Band darf man getrost während ihres gesamten Auftritts auf Händen
tragen, sie waren der Start und das erste Highlight in Gstaad.
Rhett
Akins
aus Georgia, Jahrgang 1969 stand sodann auf dem Programm. Bevor er jedoch die
Bühne betrat, gab er der jungen Songschreiberin Morgane Hayes die Gelegenheit,
drei Lieder zu singen, begleitet von seiner Band. Morgane kommt ebenfalls aus
Georgia, lebt jetzt aber in Nashville und hat dort einen Vertrag als
Songschreiberin und inzwischen auch einen eigenen Plattenvertrag. Das mag daran
liegen, dass Carrie Underwood ihre Komposition "Don't Forget To Remember Me" am
05. August diesen Jahres auf Platz 2 der Billboard Country Charts getragen hat,
bei R&R erreichte das Lied sogar Platz 1. Mit inzwichen 3,5 Millionen verkaufter
Einheiten wirft auch die CD von Carrie Underwood, "Some Hearts", auf der das
Lied enthalten ist, für die Songschreiberin angenehme Tantiemen ab. Leider sang
Morgane nicht ihren großen Hit, sondern im ganz traditionellen Stil drei
Klassiker wie "Swinging Doors" und "Tonight The Bottle Let Me Down". Da sie
bisher vor höchstens 100 Leuten im Bluebird Café in Nashville gesungen hat, war
es für Morgane Hayes eine echte Herausforderung, vor 3.000 Leuten zu singen. Im
Anschluss betrat Rhett Akins mit viel Dynamik die Bühne. Er hatte Mitte der
90-er Jahre als junger Sänger im Fahrwasser von Garth Brooks einige Hits landen
können, ohne je dessen Niveau erreicht zu haben. Rasch war er wieder in der
Versenkung verschwunden und musste auf einem unabhängigen Label eine CD
herausbringen. Jetzt ist er wieder bei einer großen Plattenfirma untergekommen,
2007 soll eine neue CD von ihm erscheinen. Seine Band bestand aus zwei
elektrischen Gitarren, einem E-Bass und einem Schlagzeug. Die akustische Gitarre
steuerte er zeitweise selbst bei. Diese Band war gut eingespielt und könnte auch
jeden Rockstar begleiten. Sein Hit "I Brake For Brunettes" eröffnete mir viel
Elan seinen Auftritt. Klasse war sein selbst geschriebener Nummer 1-Hit "Don't
Get Me Started" auf die Bühne gezaubert, er hat eine gute und klare Stimme,
freilich ohne größeren Wiedererkennungswert. Wunderschön war seine neue
Eigenkomposition "If Heavan Weren't So Far Away", eine Ballade, die auf der
nächsten CD enthalten sein wird. Wenn der Himmel nicht so weit weg wäre, könnten
sich Großvater und Enkelin treffen und er könnte mit Hank Williams und Janis
Joplin reden. Der Eddie-Rabbitt-Klassiker "Driving My Life Away" klang auch bei
Rhett Akins sehr gut, er hatte das Lied zu einem Meatloaf-Film beigesteuert, bei
dem auch Randy Travis mitspielte. Der "Rambling Man" kam von Waylon Jennings,
Kompliment den Gitarristen für ihr gekonntes Zusammenspiel. "I Love Women My
Mama Can't Stand" war etwas origineller, "That Ain't My Truck" war wieder aus
der eigenen Hitkiste von Rhett Akins. Bei "Kiss My Country Ass" scheiden sich
verständlicherweise die Geister, das Lied hat er dieses Jahr als Single
herausgebracht, ohne dass das Radio in Amerika darauf eingestiegen wäre. Das ist
auch verständlich. Er hat das Lied so gedacht, dass es gegen die Hochnäsigkeit
einiger Leute gerichtet sei, die Leute seiner Herkunft von oben herab behandeln.
Aus dem Thema könnte man sicherlich besseres machen, das dem Phänomen wirksamer
entgegenwirken könnte, um das mal so zu formulieren. Die Zugabe bei ihm kam von
Hank Williams jr., "If Heaven Ain't A Lot Like Dixie". Am Samstag kam Rhett
Akins besser rüber als am Freitag, insgesamt hat das Publikum seine Auftritte
recht gut angenommen und wie gut die 200.000 Dollar angelegt sind, die seine
Plattenfirma in seine neue CD investiert hat, wird sich 2007 zeigen.
Ronan
Keating
aus Irland stand als dritter Künstler auf dem Programm. Mit 16 Jahren hatte er
in Dublin einen großen Auftritt von Garth Brooks erlebt. Garth hatte seinen
selbstverfassten Nummer-1-Hit "If Tomorrow Never Comes" nur zur eigenen
akustischen Gitarre gesungen und Ronan war so beeindruckt, dass er sich
vorgenommen hat, dieses Lied auch einmal aufzunehmen. Bis dahin verbrachte er
allerdings sechs Jahre mit Boyzone, seiner Boygroup, mit der er bekannt geworden
ist. Seit der Trennung dieser Formation hat er sich schon in Nashville
aufgehalten und Songs geschrieben mit dortigen Songschreibern. "The Long
Goodbye" trug bereits Früchte, Brooks & Dunn hatten es am 23. März 2002 auf
Platz 1 der Country Charts getragen. Mit zwei Keyboards ausgestattet legte er
los unter dem Motto “a bit of Pop, a bit of Country, a bit of Rock”. Er hat sein
Programm entsprechend gestaltet, “Iris” durfte natürlich nicht fehlen und neu
war das sehr schöne “Friends In Time”. Seine Country Songs waren aber alle
vertreten, auch “The Last Thing On My Mind”, das er zwei Jahre zuvor mit LeAnn
Rimes im Duett gesungen hatte. Da er bereits zwei Wochen mit Heiserkeit zu
kämpfen hatte, viel ihm das Sprechen manchmal etwas schwer, insbesondere am
Freitag. Am Samstag war’s kaum noch zu vernehmen, der Gesang hatte letztlich
nicht darunter gelitten. “In This Life” war 1992 eine Position 1 für Collin
Raye in den Country Charts. Nachdem Collin Raye das Lied in Gstaad auch schon
gesungen hat, darf man dessen Version klar den Vorzug geben, vor allem
gesanglich und emotional. Entsprechend zurückhaltend gestaltete sich in der
ersten Hälfte des Auftritts der Applaus. Für viele war Ronan Keating ohnehin
gewöhnungsbedürftig, aber sein Auftritt hat bestimmt ebenso viele Fans angezogen,
die ansonsten nicht auf eine Country Night gekommen wären. Klasse natürlich “I
Hope You Dance”, der riesige Nummer-1-Hit von Lee Ann Womack. “This I Promise
You” wird schon heute auf vielen Hochzeiten gesungen. “We’ve Got Tonight” kennen
wir von Kenny Rogers & Sheena Easton, war am 09. April 1983 Platz 1 der Cpuntry
Hitparade. Ronan Keating teilte es sich mit seiner wundervollen
Backgroundsängerin. Die Stimmung war da schon am Höhepunkt angekommen und mit
“If Tomorrow Never Comes” natürlich noch weiter gestiegen. Das hielt bei der
flotten Version von “Brown Eyed Girl” natürlich an und ermöglichte die Zugaben:
“When You Say Nothing At All” aus der Feder von Paul Overstreet & Don Schlitz
und “The Long Goodbye”, das Ronan Keating für Brooks & Dunn geschrieben hatte.
Ronan Keating hat sich sichtlich gefreut, in Gstaad auftreten zu dürfen und auch
über die Akzeptanz, die ihm entgegengebracht wurde. Insbesondere am Samstag
lieferte er perfektes Entertainment ab.
Nachdem
Clay Walker
bereits vor vier Jahren als Headliner die Country Night beenden durfte, war ihm
dieses Vergnügen auch 2006 vergönnt. Acht Mann auf der Bühne, Fiddle, Steel
Guitar, da war echt etwas geboten und Clay Walker erwies sich als würdiger
Rückkehrer nach Gstaad. Etwas längere Locken, aber unverändert hochklassig war
seine Show, die besonders am Freitag von treffenden und lustigen Ansagen
bereichert war. “If I Could Make A Living”, “Rumor Has It”, “You’re Beginning To
Get To Me”, das ist klassischer Clay Walker, wie ihn das Publikum liebt. 2007
wird es auch von ihm eine neue CD geben, seine wunderschöne balladeske
Eigenkomposition “She Likes It In The Morning” kann man dort dann wiederhören.
Wiederhören konnte man auch seinen selbst verfassten ersten Nummer-1-Hit “Live
Until I Die”. Wiederhören wird man wohl nicht mehr Freddy Fender, der
mittlerweile neunundsechzigjährig an 11 Lungentumoren leidet. Für die neue
Clay-Walker-CD hat er mit Clay seinen Toperfolg und Millionseller “Before The
Next Teardrop Falls” neu aufgenommen. Clay Walker brachte auch die spanischen
Teile. Gut ging “Dreaming With My Eyes Wide Open” ab, ein weiterer Nummer-1-Hit
von Clay Walker. “Fall” im Sinne von Fallen wird in wenigen Wochen seine neue
Single sein. Toll wie immer sein Hit “Live, Laugh, Love” der Lebensfreude pur
ausstrahlt. Neu wiederum “Where Do You Go When It Rains In Mexico”, das Clay
Walker geschrieben hat, als er auf dem Weg nach Kuba war, um dort ein Video zu
drehen. Um dem Make-Up zu entgehen, hatte er sich rechtzeitig auf den Weg
gemacht, denn in Mexico wollte er schön braun werden. Anstelle der sonst
obligatorischen Sonne erwarteten ihn etliche Regentage und allenfalls Margeritas.
Aber was soll’s, “Then What” und “What’s It To You”, so hießen jedenfalls zwei
weitere seiner Hits, die er prompt folgen ließ. Das führte verdientermaßen zu
Zugaben, wobei er am Samstag das Programm geringfügig umstellte auf Party.
Mit der Ausgabe 2006 hatte die Country Night Gstaad einen großen Bogen von Texas nach Irland gespannt, von authentischem Western Swing und Honky Tonk zum jüngsten Pop-Country-Crossover-Superstar. Bleibt zu hoffen, dass weiterhin Raum für originelle und authentische Country Klänge auf dieser prestigeträchtigen Veranstaltung bleibt, die weit über die Grenzen der Schweiz hinaus große Bedeutung hat. Ansonsten wäre Identitätsverlust vorprogrammiert, der in den USA ohnehin nicht mehr zu verbergen ist, den man in Europa aber nicht so gerne sieht bzw. hört und daher auch nicht fördern muss. 2007 finden die Konzerte der Country Night am 21. & 22. September statt. (Friedrich Hog)