Chely Wright zwischen New York und Nashville in Deutschland

Busy Schedule nennt man das, eine Woche zuvor spielte sie in New York, in der Folgewoche schon in der Grand Ole Opry in Nashville, aber am Sonntag, den 01. Oktober 2006 war Chely Wright im Four Corners in Untermeitingen live zu erleben, nachdem sie am Tag zuvor bereits in Erfurt in der zweistündigen Live-TV-Show mit Uwe Hübner „C’est La Vie“ gesungen hatte. Es war die Verleihung der Awards der German American Country Music Federation, in der sie neben Lynn Anderson, Joe Sun, Rattlesnake Annie und Billy Swan Stargast war. Das Four Corners war restlos gefüllt und pünktlich kurz nach halb 9 begann ihr Auftritt.

Begleitet nur von Jeff Middleton an der akustischen Gitarre und ein wenig eigener akustischer Gitarre brachte Chely Wright einen Überblick über ihre großen Hitparadenerfolge und einige ganz neue Lieder. Seit sie 1994 erstmals mit „He’s A Good Ole Boy“ die Hitparade erreichen konnte, nachdem sie schon mit 17 nach Nashville gezogen war, ist sie immer wieder in den Charts vertreten, 1999 hatte sie mit „Single White Female“, ihrem ersten Nummer-1-Hit, ihren bisher größten Erfolg landen können. Ihre erste CD war relativ traditionell, später mischten sich viele zeitgenössische Klänge in ihren Sound, wobei Connie Smith und Loretta Lynn ihre Hauptvorbilder sind. im Four Corners hatte sie alle Lieder akustisch dargebracht. Vom People Magazine wurde sie übrigens einmal in die Liste der 50 schönsten Menschen der Welt aufgenommen.

„Shut Up And Drive“ war ihr Einstieg, das Publikum hat tatsächlich durchweg relativ gut zugehört, Kompliment. Aufgrund ihrer Kommunikationsfähigkeit stellte Chely Wright rasch den Kontakt zum Publikum her, weshalb „Single White Female“ aufgrund Wunsches aus dem Publikum gleich als zweites Lied folgte. Ihr dezenter Hinweis, dass sie allergisch sei auf Zigarettenrauch, wurde nicht von allen Zuhörern ernst genommen, zumal Chely erzählt hat, dass ihre Mutter zweieinhalb Schachteln pro Tag rauche. Auf Chely’s Frage, wie sie reagiere, wenn Rauchen gänzlich verboten würde, hat die Mutter geantwortet: „Dann rauche ich im Gefängnis“.

Wenige Wochen vor ihrem Auftritt in Untermeitingen war Chely Wright ja in Hamburg aufgetreten, wo ihr alles ein wenig unbekannt vorkam, Schilder konnte sie nicht lesen und sogar das Geld war ihr naturgemäß fremd. Daher schrieb sie „Hamburg“ und beschreibt in diesem Lied den Regen, der sie dauernd begleitet hat und die Schwierigkeiten mit den vielen Unbekannten. Offenbar tun sich die Amerikaner im Schreiben eines Liedes leichter als im Kennenlernen der Fremdwährung. Da sie im Winter eine Trennung durchgemacht hat, sind ihre neuen Lieder eher traurig. Die Lieder hat sie jeweils zuhause aufgenommen und per e-mail als Demoversion an ihre Plattenfirma geschickt. Nach ungefähr dem zehnten Lied in dieser Art hat die Plattenfirma wohl bei ihr angerufen und gemeint, das neue Lied sei zwar recht schön, aber es wäre auch sehr schön, wenn sie für die neue CD noch etwas positives und hoffnungsvolleres einreichen würde. Gesagt, getan, lautete ihre erste Zeile im Notebook plakativ „Something Positive And Hopeful“. Das Ergebnis war dann doch wieder ein trauriges Lied, mit besonderer Unterstreichung wünscht sie ihm alles schlechte und hofft, dass er sein Fett abbekommt, alles mit einem Augenzwinkern dargeboten. Seelenvoll ihr „She Went Out For Cigarettes“. Große Hits wie „It Was“ aus der Feder von Gary Burr und „Jezebel“, das sie in der Tradition von „You Ain’t Woman Enough“ von ihrer Freundin Loretta Lynn sieht, durften nicht fehlen.

Als sie vor zwei Jahren in Frankreich aufgetreten war, hatte man ihr geraten „Bumper Of My S.U.V.“ nicht zu singen, da es hierin um ein Auto geht, auf dem ein Aufkleber zur Unterstützung der Soldaten drauf war. Das hat nichts damit zu tun, dass Franzosen Amerikaner oder Amerika nicht mögen, es hat vielmehr damit zu tun, dass die Soldaten im Auftrag ihrer Regierung Tätigkeiten verrichten, die für die Heranzüchtung einer ganz neuen Generation von Terroristen verantwortlich sind. Vor wenigen Tagen erst wurden die Berichte der amerikanischen Geheimdienste veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die Sicherheitslage in der Welt sich durch den vom US-Präsidenten angezettelten Irakkrieg dramatisch verschlechtert hat. In Deutschland und Frankreich war das allen bereits bei Beginn des Krieges klar, in den USA hatte es die Regierung geschafft, den Menschen zu suggerieren, sie führe um des Friends Willen Krieg und beschränke die Freiheit, um sie zu schützen. Daher ist es überhaupt nur erklärlich, dass solche Aufkleber entstehen konnten, die dann zu Unrecht auch noch in der Tradition der Soldaten des 2. Weltkriegs gesehen wurden, zu denen Chely’s Großvater auch gehört hatte. Auch wenn es in dem Lied heißt, „ich bin weder Republikaner noch Demokrat, nur einfach Mensch“, muss man die Unterstützung der entsprechend eingesetzten amerikanischen Soldaten derzeit gleichsetzen mit der Förderung des Terrorismus, weshalb die Benutzung entsprechender Aufkleber nicht angebracht ist. Wen wundert’s, dass der Aufkleber auf Widerstand gestoßen ist bei der Frau, die in dem Lied erwähnt ist. Da hilft es auch nicht, dass Chely den Aufkleber von ihrem Bruder geschenkt bekommen hat, der bei den Marines arbeitet.

Auf Wunsch aus dem Publikum versuchte Chely Wright „Emma Jean’s Guitar“ zu singen, unter dem Motto, „ich weiß noch die beiden Jungs, die das Lied geschrieben haben, aber wie war verflixt nochmal der Text?“ gab‘s zumindest ein Drittel des Liedes. Erfreulicher war dann die Fortsetzung mit „The River“, das eine dramatische und tödliche Begebenheit beschreibt, wie sie im täglichen Leben einfach vorkommen kann, das alles verbunden mit entsprechenden Metaphern, bewegend und künstlerisch wertvoll.

Offenbar fühlte sich Chely Wright recht wohl in ihrer derzeitigen Rolle etwas außerhalb des für bekannte Künstler im zarten Alter von 35 Jahren „notwendigen“ Chartlebens, das Emmylou Harris einmal mit einem Pferderennen verglichen hatte oder das man gut auch mit dem berühmten Hamster im Rad gleichsetzen kann. Sie war sehr locker und natürlich drauf, schlagfertig und ging jeweils aktuell auf ihr Publikum ein, was natürlich entsprechend gut ankam. Man konnte den Abend ein wenig vergleichen mit dem, was im Bluebird Café in Nashville stets zu erleben ist, wo sich die Songschreiber die Klinke in die Hand geben und sich so manche hochklassige Jam-Session auf der Bühne entwickelt hat. Erst eine Woche zuvor hatte Chely Wright in New York eine ähnliche Situation erlebt, obwohl es dort nicht einmal eine Country-Radiostation gibt. Die Kritiker waren dennoch begeistert. Das gilt sicherlich auch für ihren Auftritt im Four Corners, der mit dem Hinzutreten von Scott Shipley, der im Frühjahr mit Todd Fritsch an gleicher Stele aufgetreten war, eine elektrifizierte Fortsetzung nahm. „C’est La Vie“ von Chuck Berry, das Chely Wright von Emmylou Harris gelernt hatte, bildete insoweit den Auftakt. Es erhielt durch die elektrische Gitarre den nötigen Drive, der manchen Zuhörern vielleicht eine Weile lang gefehlt haben mag. Durch das Vervollständigen der Band „Snake Oil“ mit u.a. Dietmar Wächtler an der Steel Guitar waren die Zugaben geprägt von Klassikern wie „Singing The Blues“ (u.a. Marty Robbins), „Your Cheating Heart“ (Hank Williams), „The Way I Am“ von Merle Haggard und „Crazy Arms“ (Ray Price). Um 22.40 Uhr übernahm die Band alleine, Chely widmete sich bis weit nach Mitternacht dem Schreiben von Autogrammen und stand für Fotos zur Verfügung.

Die Nähe zu den Künstlern und die Transparenz akustischer Musik hat sich mit Chely Wright im Four Corners bestens bewährt. „Oans, zwoa, gsuffa“ hatte Chely Wright rasch gelernt und ein Gläschen Bier in Ehren konnten Marianne und Bill ihr selbstredend nicht verwehren. Das sind einmalige Erlebnisse, die einen sinnvollen Gegenpol zu manchmal anonym dargebotenen und von übermäßiger Lautstärke geprägten Konzerten dieser Tage bilden.

Ausblick:

Am 08. November gibt’s an gleicher Stelle mit Joan Enguita aus Kalifornien & Karen Hatch aus Kanada eine ähnliche Konstellation, was man auf keinen Fall verpassen sollte. (hog)