Bianca De Leon, The real thing aus Austin, Texas
Die
lebendigste musikalische Szene der Welt befindet sich in der texanischen
Universitätsstadt Austin. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl weist die Stadt
die weltweit größte spezifische Dichte an Live-Musik-Clubs, Musik-Kneipen und
Musik-Theatern auf. Am Samstag, den 08. April 2006 ist es den Country & Western
Friends Kötz gelungen, erstmals die Singer-Songschreiberin und Gitarristin
Bianca De Leon in die Region zu holen, die in Corpus Christi, Texas geboren und
aufgewachsen ist, längst aber fester Bestandteil dieser großartigen
musikalischen Szene von Austin ist, die bis in die 60-er und 70-er Jahre
zurückreicht mit Namen wie Willie Nelson, Waylon Jennings, Ray Wylie Hubbard,
Jerry Jeff Walker, Townes Van Zandt.
Stop. Hier müssen wir einhaken, denn Bianca war um 1970 die Freundin des damals aufstrebenden Songschreiber-Genies Townes Van Zandt. Dessen Witwe schiebt heute noch einen Hass auf Bianca und versucht, sie aus der Literatur um und über Townes fernzuhalten, was schlicht an der gleichgelagerten Authentizität beider Künstler liegt, oder nennen wir es der Einfachheit halber „intensive Seelenverwandtschaft". Solche Beziehungen sterben nie, nicht einmal mit dem Tod eines der beiden, man möge es mit Emmylou Harris und Gram Parsons vergleichen, Bianca und Townes gehen aber noch tiefer. Das hat man nicht nur an der Zugabe „Waiting Around To Die" gespürt, ein Lied, das entstanden ist in jener Zeit, wo Bianca alles hautnah miterleben konnte, was Townes bewegt hat.
Die Musik von Bianca funktioniert ähnlich wie jene von Townes, beide führen ein intensives Leben und verarbeiten das Erlebte in ihrer Musik. Townes hatte den Begriff „Sky-Songs" geprägt, Lieder, die ihm so zugeflogen sind, bei denen er nur den Stift bewegen musste und nach wenigen Minuten stand das fertige Lied auf dem Papier. Bianca geht es ähnlich, länger als fünf Minuten braucht sie meist nicht für ein Lied. Häufig träumt sie ihre Lieder und schreibt sie rasch auf, nachdem sie aufgewacht ist. Eines ihrer Lieder wäre fast verloren gegangen, sie hatte am nächsten Morgen einen Zettel gefunden und gedacht, das müsse doch ihre Handschrift sein. Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie in der Nacht aufgewacht war und das Geträumte niedergeschrieben hatte. Aber es war da und das Lied war gerettet. Wer vom Träumen etwas versteht, weiß vielleicht auch, dass Menschen häufig in der Nacht aufwachen. Wenn die Wachphase weniger als ca. 3 Minuten betragen hat, so erinnert man sich am nächsten Tag nicht mehr daran, sondern glaubt, man habe durchgeschlafen. Hieran erkennt man, wie rasch und treffend Bianca ihre Gedanken zu Papier bringen kann.
Die
Lieder von Townes Van Zandt sind oft sehr düster, dem Blues zugeneigt. Bianca
hat weniger Blueseinflüsse, aber ihre Lieder folgen häufig ähnlichen Inhalten,
der Tod ist ständiger Begleiter ihrer Erlebnisse und Aufzeichnungen. Probleme
hatte sie schon als sechsjähriges Mädchen genügend am Hals, ihre Mutter hatte
sie nicht gut behandelt und ihre Tante, bei der sie viel Zeit verbracht hatte,
war häufig nach Mexiko gefahren, hatte Bianca mitgenommen und Alkoholflaschen in
ihrem Rock versteckt, die sie am Zoll vorbei nach Texas schmuggelten. „Du darfst
dich an der Grenze nicht bewegen, nicht einmal husten, damit nichts unter deinem
Rock klappert."
Überhaupt spielen Grenzerfahrungen eine wesentliche Rolle im Leben von Bianca, eine Grenze, die für Amerikaner einfach zu überschreiten ist, für Mexikaner aber nur mit Visa. Grenzerlebnisse sind jedoch auch bildlich zu verstehen, Bianca hat an vielen Orten gelebt und vieles erlebt, sie hat viele Straßen und andere Verbindungen kennengelernt und beschrieben. Einmal hat sie sogar geheiratet, nur wenige Wochen später wurde ihr Mann in den Bergen von einer Lawine erfasst und fortgerissen. Bis heute hat man ihn nicht gefunden und Bianca lebt alleine in Austin, Texas in einem großen Haus. Bittersüße Melancholie aus erster Hand, intensiver kann man Lieder um unerfüllte Wünsche, echte Einsamkeit nicht komponieren und nicht singen, Hank Williams konnte es vielleicht ähnlich treffend, aufgrund seiner Phrasierung mehr einsam noch, dafür manchmal etwas weniger schwermütig vielleicht.
Konzertbeginn im Pfleghofsaal in Langenau bei Ulm war viertel nach 8, Mandy führte zum Einstieg vor, wie sich seine Musik inzwischen weiterentwickelt hat. Im Sun Studio, Memphis, Tennessee hat er 11 Aufnahmen für seine in Bälde erscheinende neue CD eingespielt, und so trug er zum Johnny-Cash-Flair des Abends bei, das seiner Stimme entsprang und der Tatsache, dass er sich beim Aufnehmen im legendären Sun Studio beobachtet fühlte, von all den Größen, die dort gearbeitet hatten und als Fotos an der Wand hängen, Johnny Cash, Elvis Presley, Carl Perkins ...
Mandy versteht es längst, sein Publikum mit den entsprechenden Ansagen, sowie vor allem seinem versierten gesanglichen und instrumentalen Vortrag zu fesseln.
Bianca De Leon setzte eine Stunde später den Singer-Songwriter-Abend mit ihrem ersten Set fort. Sie hatte den filigranen Fiddler Don Raby mitgebracht, ebenfalls fester Bestandteil der Austin-Szene. Mit Chris Wall, Michael Ballew und zuletzt Dale Watson war er auf Tour, auch schon öfters in Europa. Nachdem Dale Watson kürzlich seine Band aufgelöst hatte, ergab sich für Don die Möglichkeit, Bianca zu begleiten. Allerdings hat Dale Watson seine Band soeben wiederbelebt, Don gehört damit wieder der Dale-Watson-Band an. Auf der neuen Single von Dale Watson, „Whiskey Or God" ist er zu hören. Er begleitete Bianca unauffällig aber wirkungsvoll, trug die Melodie gekonnt mit. Bianca bediente kompetent die akustische Gitarre und konnte auch stimmlich erfreuen, das hat sie Townes Van Zandt fast ein wenig voraus. „I’d Rather Miss Texas" steht nicht nur am Anfang ihrer ersten CD von 2001, „Outlaws And Lovers", sondern eignet sich auch als guter Konzert-Opener. Ihre zweite CD hieß 2002 „Live: From Hell To Helsinki" und ihre aktuelle dritte CD trägt den Titel „The Long Slow Decline Of Carmelita". Die Lieder von Bianca gehen unter die Haut, „Merle" zum Beispiel ist die traurige Geschichte des verstorbenen Bassisten, den Guy Clark bereits 1975 in seinem Lied „LA Freeway" als „Skinny Dennis" besungen hatte, wo er meinte, er sei der einzige, den er vermissen würde, wenn er mal aussteigt. Bianca hatte ihn natürlich gut gekannt. Er spielte mit großer Hingabe Kontrabass und brachte damit und mit seinem Rhythmus seine Band zum swingen, wie es kaum jemandem gelingt, eine einmalige Gabe. Er war ein ganz normaler Typ eigentlich, mit Familie, nur dass er Boots und Hut trug und einen Pick-Up-Truck fuhr.
Überhaupt
fällt bei Bianca auf, dass die mit genialen Melodien versehenen Geschichten eine
gewisse Vorkenntnis erfordern, Bianca hat ihren CD’s daher zur Erleichterung des
Einstiegs die Texte beigefügt. Wenn man sich ein wenig damit beschäftigt hat,
eröffnet sich ein Kaleidoskop amerikanischer Schicksale und Tragödien, die alle
im direkten Umfeld von Bianca De Leon stattgefunden haben, aber für mehr
Menschen typisch sind, als man gemeinhin wahrhaben will. Sie ist bestimmt nicht
der Unglücksrabe, eher doch diejenige, die auch heute noch guten Gewissens einen
Rotwein trinken darf, ohne gesundheitliche Folgen befürchten zu müssen. Viele
ihrer großartigen Kollegen haben diese Kurve nicht bekommen oder mussten dem
Genuss gänzlich abschwören, um nicht unter die Räder zu gelangen.
Bianca genoss sichtlich den Abend, und hinter der Bühne meinte sie während Mandy’s zweitem Set, wenn sie nicht sicher wüsste, dass Johnny Cash tot ist, würde sie schwören, dass sie ihn jetzt auf der Bühne singen hört.
Bianca und Don brachten noch herrliche Lieder, die fröhliche Liebeserklärung an Bianca‘s Instrument „Guitarra Mia" oder „High & Lonesome", echte Perlen, die der Kenner sicherlich nach dem Hören der CD’s mehr und mehr schätzen wird. Das ruft nach einem weiteren Konzertbesuch, und der scheint dieses Jahr durchaus noch möglich zu sein. Zwar endete mit dem Auftritt in Langenau die Frühlingstournee, die am 28. Februar begonnen hatte, aber aufgrund mehrerer Auftrittsangebote für den Herbst ist schon eine Nachfolgetour in Planung, ich sage mal ganz vorsichtig, Oktober, der 21. in Ehingen, wo Fred Heyden bereits zugesagt hat. Lassen wir uns überraschen, ob es sich einrichten lässt.
Wer die herrlichen CD’s von Bianca noch nicht haben sollte, kann sie über Hillbillie Guesthouse in Oldenburg besorgen, die e-mail Adresse von Klaus Grotelüschen lautet
hillbillie-guesthouse@t-online.de. Bianca De Leon hat mit ihrem Auftritt bewiesen, dass Musik nicht an oberflächlichen Texten leiden muss, sondern Tiefgang haben kann und das ist der feine Unterschied zwischen Unterhaltungsindustrie und wahrer Kunst. Schön, wenn es gelingt, solche Künstler auch im deutschsprachigen Raum auf die Bühne zu bringen. Die sehr gute Zusammenarbeit der Country & Western Friends Kötz und der Stadt Langenau hat einmal mehr ein Highlight hervorgebracht, das unvergesslich bleiben wird. (Friedrich Hog)