Kellie Pickler: 100 Proof

(VÖ: 20. Januar 2012; 19 Recordings/BNA Records/Sony Music)

Trackliste:

1. Where´s Tammy Wynette, 2. Unlock That Honky Tonk, 3. Stop Cheatin´ On Me, 4. Long As I Never See You Again, 5. Tough, 6. Turn On The Radio And Dance, 7. Mother´s Day, 8. Rockaway (The Rockin´ Chair Song), 9. Little House On The Highway, 10. 100 Proof, 11. The Letter (To Daddy) 

Kerniger, erdiger Honky Tonk. Kellie Pickler ist erwachsen geworden. Vorbei sind die rosaroten Teen-Country-Zeiten des Vorgängers. Die 25jährige Kellie Pickler, die mit 19 Jahren im Jahr 2005 aus der Castingshow „American Idol“, dem US-amerikanischen Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“, hervorging, hat sich mit ihrem mittlerweile dritten Album „100 Proof“ gewaltig weiterentwickelt. Mitproduziert wurde das Album von Frank Liddell, der sich als Produzent auch für die Alben von Miranda Lambert verantwortlich zeichnet.  

„Where´s Tammy Wynette“ handelt von einer starken Frau, die vor der Entscheidung steht, ob sie ihren Mann aufgrund dessen Verhalten umbringen soll oder ihn vielleicht doch liebt. Eine Entscheidungshilfe würde sie sich in dieser Situation gerne von Tammy Wynette erwarten. Der Song selbst erinnert musikalisch und inhaltlich sehr stark an das Repertoire einer Loretta Lynn oder eben einer Tammy Wynette. Beim Hören des von Kellie Pickler mitverfassten bluesigen Songs „Unlock That Honky Tonk“ kommt hier sofort der Vergleich mit Gretchen Wilson auf. Akustik-Gitarre und die Steel Guitar dominieren „Stop Cheatin´ On Me“ mit seinem klassischen Countrymusik-Thema von der vom Mann betrogenen Frau. Während Countrysängerinnen wie Carrie Underwood, Taylor Swift oder aber auch Miranda Lambert sich immer mehr dem Country-Pop annähern, besinnt sich Kellie Pickler den Vorbildern in der traditionellen Countrymusik. „Long As I Never See You Again“ ist eine wunderschöne Ballade über das Ende einer Liebe. Traurig schön, wie hier die Steel Guitar von Herzschmerz nur so wimmert. Kellie Pickler zeichnet sich bei den meisten Songs des Albums als Co-Writerin mitverantwortlich – so auch hier. „Tough“ wurde bereits vorab als Single veröffentlicht. Wenn man sich Kellie Picklers Biographie ansieht, so erhält die Zeile „But Life Came Hard To My Front Door“ eine andere Bedeutung. Die Mutter hat, als Kellie zwei Jahre alt war, auf das Sorgerecht verzichtet. Der Vater, Alkoholiker und drogensüchtig, kommt des öfteren mit dem Gesetz in Konflikt und Kellie wächst bei den Großeltern auf. Es gibt nichts Verkehrtes an einer Frau mit einem gewissen Rückgrat, so die Aussage des Songs. „Turn On The Radio And Dance“ ist ein Song, der beim Hörer etwas Zeit braucht, bis er seine faszinierende Wirkung zeigt. „Mother´s Day“ hat Kellie Pickler zusammen mit ihrem Ehemann, dem Songwriter Kyle Jacobs, geschrieben. Dieser im Angesicht der persönlichen Biographie Picklers sehr bewegende Song ist große Songwriterkunst. Wie geht man mit dem Thema Muttertag um, wenn die Mutter einen bereits als Kind verlassen hat? Sicherlich wäre man froh, wenn es möglich wäre, diesen Tag zu überspringen. Man darf gespannt sein, welche Songjuwelen in der Zusammenarbeit des Ehepaars Pickler/Jacobs in Zukunft noch entstehen werden. „Rockaway“ entfaltet einen richtig schönen melodischen Klangteppich, dessen Refrain bei mehrmaligem Hören richtig ins Ohr geht. In dem sehr flotten „Little House On The Highway“ nimmt uns Kellie Pickler mit auf einen Roadtrip. Dabei kann man es sich so richtig vorstellen, mit einem Wohnmobil auf den amerikanischen Highways unterwegs zu sein. „100 Proof“, der Titelsong des Albums, wurde wie viele Titel des Albums von Leslie Satcher mitgeschrieben, die auch schon einige Songs für George Strait, Martina McBride, Gretchen Wilson oder Vince Gill verfasst hat. Persönlich und fast schon intim – nur mit Akustik-Gitarre und der Stimme Kellie Picklers - endet das Album. In „The Letter“, einem Brief an ihren Vater, setzt sich Kellie Pickler erneut sehr bewegend mit dem Verhältnis zu ihrem Vater auseinander. 

Kellie Pickler hat mit „100 Proof“ ein großartiges und abwechslungsreiches Album geschaffen, das sie in die Riege der großen Countrysängerinnen Loretta Lynn, Tammy Wynette oder ihres Idols Dolly Parton hineinkatapultiert. Eine unbedingte Kaufempfehlung. 

Andreas Hilgart (country.andy@gmx.net)