Cripple Creek Band: Still Alive And Kickin´ (VÖ: 4. Juli 2011; Rockwerk Records)

16. Juli 2011 

Trackliste:

1. Too Hot To Handle, 2. Alive And Kickin´ , 3. Forgot To Forget, 4. Blue Water, 5. Wild Lady, 6. Who, What, When, 7. Good Looking Woman, 8. Glass Heart, 9. Sortso Gab, 10. Straight Whiskey Woman, 11. Star Of Mine, 12. Happy Hours In Heaven, 13. Hallelujah, 14. Bad Case Of Lovin´ You 

Die Besprechung der CD beginnt zunächst mit einem Geständnis: Ich, der erst seit kurzer Zeit in der deutschen, vornehmlich der bayerischen, oberpfälzerischen Countryszene unterwegs ist, kannte die Cripple Creek Band, kurz CCB, nur vom Hörensagen, obwohl sie zu einer festen Größe der deutschen Countryszene zu zählen ist. Nein, ich hatte bisher noch kein einziges Konzert der Band besucht und ich kannte kein einziges Album.

Nun gut, dachte ich, als Ralf mir den Vorschlag unterbreitete, ich könnte ja mal bei der Band nach einem Review-Album nachfragen, was ich auch tat. Heute kam nun der Silberling zusammen mit einem Autogramm der Band an. Und was soll ich sagen, die CD läuft bereits den ganzen Tag und es geht mir im Moment genauso wie beim Hören meiner ersten Eagles-CD, durch die ich meine Liebe zum Westcoast-Sound entdeckte, oder wie beim Hören meiner ersten CDs von Sugarland und Brad Paisley, die bei mir eine Sucht nach Country Musik hervorriefen. Genau wie die genannten CDs musste ich auch das neue Album der CCB mehrmals hören, um überhaupt festzustellen, was für ein herrliches und abwechslungsreiches Werk ich da vor mir hatte. Die vielschichtigen Eindrücke müssen bei einem derartigen Album für eine Rezension erst einmal sortiert werden. Natürlich ist man aufgrund der musikalischen Qualitäten irgendwann so euphorisch, so überschwänglich, dass man eventuell nicht mehr fähig ist, die nötige Sachlichkeit für eine Besprechung walten zu lassen. Aber egal! 

Zunächst also kurz etwas zur Bandgeschichte für diejenigen, die mit CCB ebenfalls noch nicht in Berührung gekommen sind. Die Band gibt es seit fast 20 Jahren und dürfte mit zu den erfolgreichsten Acts in der deutschen Country-Szene zählen; sie gehörten zu den Pionieren des New Country in Deutschland, deren Wurzeln im Blues und im Rock stecken. 1996 traten die vier Musiker als bisher einzige deutsche Band in den heiligen Countryhallen in Nashville, in der Grand Ole Opry, auf und tourten anschließend noch durch einige namhafte Clubs in den USA. Es gab eine Flut von Nominierungen und Auszeichnungen. Doch liegt das letzte Studioalbum „Forbidden Love“ aus dem Jahr 2004 schon einige Zeit zurück. Es wurde still um die Band, die sich vom Management und ihrem bisherigen Plattenlabel trennte.

Aber sie feiern 2011 mit ihrem neuen Album „Still Alive And Kickin´“ – einen passenderen Titel hätte es nicht geben können - ihr Comeback. Mehrheitlich wurden die Songs von den Bandmitgliedern, Helmut Limbeck, Mike Gerst, Erhard Hügel und Bernd Paptistella zusammen mit dem amerikanischen Texter Michael Max McGee selbst komponiert. Dafür zogen sie sich auch in die Abgeschiedenheit nach Dänemark zurück.

CCB sind wie die meisten Countrymusiker – und das verbindet sie mit den oben genannten amerikanischen Musikern – gute Geschichtenerzähler. In den meisten Songs des CCB-Albums geht es um irgendeine Frau oder um das Thema Liebe an sich. 

Zunächst beschreibt Mike im ersten Song eine wirklich heiße Frau, die kaum zu zähmen ist („Too Hot To Handle“). Der Titel beginnt rockig, zunehmend kommen, wenn Helmut mit der Fiddle einsteigt, irische Einflüsse zum Tragen. Auch im anschließenden Song, der dem Album den Namen gab, übernimmt Mike die Lead Vocals. Man ist in einem gewissen Alter vielleicht körperlich etwas langsamer geworden, aber immer noch gesund und munter. Eine sehr lustige Geschichte erzählt Helmut in „I Forgot To Forget“. Der Protagonist des Songs wacht nach einer mit Tequila durchzechten Nacht völlig verkatert am nächsten Morgen auf und muss sich fragen, wie die absolut hässliche Frau neben ihm in sein Bett kam. Ein Drinkin´ Song der einmal das Danach beschreibt. „Blue Water“ handelt vom Verlassenwerden und gehört vor allem aufgrund des Eagles-Westcoast-Stils zu einem meiner Favorits auf dem Album. Erhards Stimme und der Backgroundgesang der Band verleihen dem Zuhörer aufgrund der darin liegenden Traurigkeit eine gewisse Gänsehaut. Mit irischer Fröhlichkeit geht es im nächsten Lied, „Wild Lady“, um eine Traumfrau, die gewisse Sehnsüchte weckt. Dieselbe Thematik findet sich dann ebenfalls in den zwei nachfolgenden Titeln. „Who, What, When,…“ sind wohl die W-Fragen, die durch den Kopf spuken, wenn einem die Traumfrau gegenübersteht. Rockige E-Gitarrenklänge wechseln sich mit akustischen Bluegrass-Elementen in dem von Helmut gesungenen Song ab. Rockig wird im Anschluss eine „Good Looking Woman“ beschrieben. Aber wie sieht sie eigentlich aus, die Traumfrau? Natürlich: blonde Haare und blaue Augen, und Beine, die den Boden zum Schmelzen bringen. Das klingt nach Klischeedenken, doch der Song enthält noch eine kleine Pointe. Im Dreivierteltakt, irisch angehaucht, geht es in „Glass Heart“ anscheinend um die Schwierigkeit sich jemanden zu nähern, der sich verschließt: „Your Heart Is A Window/You Always Keep Shut“. Wenn das Herz aber brechen sollte, ist der Protagonist des Songs da, um die Scherben aufzuheben. Poetisch schön und dazu passend der irische Touch. Irische Anklänge finden sich ebenso im Instrumental „Sortso Gab“. „Straight Whiskey Woman“ handelt von einer taffen Frau, die ihren eigenen Kopf hat und neben ihrem anscheinend tollen Körper auch Autos reparieren kann, die Männer im Poker schlägt und sie noch unter den Tisch säuft. Dazu passt dann der musikalische Stil des Songs, ganz in der Southern-Rock-Tradition. Die Vielseitigkeit der Cripple Creek Band zeigt sich aber vor allem bei „Star Of Mine“, das funkig-rockig beginnt und im Refrain in einen traditionellen Country-Stil wechselt. Das ist abwechslungsreich, das ist musikalisch spannend. „Happy Hours in Heaven“ macht deutlich, dass es im Himmel auch recht lustig zugehen muss, dort wo Wasser zu Wein verwandelt wird. Die Fröhlichkeit zieht sich weiter in den nächsten Song, „Hallelujah, I Made It To The Weekend“. Jeder, der die Woche über hart arbeiten geht, wird sich in dem im Cajun-Sound von Erhard vorgetragenen Song wiederfinden und die Freude auf das Wochenende nachvollziehen können. Marcus Stadler spielt als Gastmusiker das Akkordeon. Zum Abschluss präsentieren CCB ihre Version von „Bad Case Of Lovin´ You“, im Original von Robert Palmer und hier in einer Fassung, die Linedance-Freunde und Fans des Southern Rock gleichermaßen begeistern wird. 

CCB sind bodenständig und ehrlich. Das Album, das von Jason Garner in Nashville abgemischt wurde, macht gute Laune, ist vielseitig, abwechslungsreich und daher spannend zu hören. Das Album kann wirklich jedem gefallen, auch jenen, die sonst keine Country Musik hören.

Und ich frage mich zum Schluss, weshalb ich erst jetzt mit der Musik der Cripple Creek Band in Kontakt gekommen bin. Ein Konzertbesuch wird wohl letztendlich die Konsequenz meiner Begeisterung für das Album sein müssen. 

Andreas Hilgart (country.andy@gmx.net)