Johnny Cash – The Man In Black Is Back in Amberg

Amberg hatte in der Theatersaison 2010/11 schon wie jedes Jahr einige Highlights im Stadttheater erlebt, u. a. das Musical „Jekyll & Hyde“, Horst Janson in einer Curth-Flatow-Komödie oder Désirée Nick als schlechteste Opernsängerin Florence Foster Jenkins. Für Country-Fans sollte der Höhepunkt der Theatersaison aber am 10. und 11. Mai kommen: Johnny Cash – The Man In Black. Das Musical, das vor fast zwei Jahren in Amberg Premiere feiern konnte, kehrte zurück.

In dem Stück wird die Lebensgeschichte des Country-Sängers erzählt. Cash (Nils-Holger Bock) tritt hier als Erzähler auf, der sich kurz vor seinem Tod im Jahr 2003, nachdem am 15. Mai seine zweite Frau, June Carter (Bianca Karsten), gestorben war, an sein Leben zurückerinnert. Zu Beginn steht er auf einem verlassenen Güterbahnhof und es ist noch nicht klar, ob er in die Hölle oder in den Himmel kommen wird. Die Stunde des Todes bringt ihn zum Nachdenken und die Sehnsucht nach Vergebung erweckt einen Dämonen, der in der Gestalt des Eisenbahnbremsers (Roland Heinrich) ihn auf eine Fahrt durch sein Leben nimmt. Die Reise, die zu einem Kampf um die Seele Cashs wird, findet mit der Eisenbahn statt, die das Boom Chicka Boom seiner Songs vorgibt. Dabei kämpft der von Cash heraufbeschworene Dämon, der in verschiedenen Rollen auftritt, mit den weiblichen Figuren, die das Gute verkörpern. Es beginnt mit der entbehrungsreichen Kindheit auf den Baumwollfeldern in Arkansas. Ein erstes einschneidendes Erlebnis für Cash ist, als im Elternhaus ein Radiogerät angeschafft wird. Hier hört er zum ersten Mal Jimmy Rodgers „Hoboe Bill´s Last Ride“ oder die Carter Family. Seine Begeisterung für die Musik wächst. Dabei spielen im Leben des Sängers von Anfang an religiöse Motive eine wichtige Rolle und es wird daran auch die Vielschichtigkeit der Person Cashs deutlich. Das zentrale Motiv in Johnny Cashs Leben bezieht sich auf die Parabel über die Talente aus dem Lukas-Evangelium: Wer besondere Fähigkeiten hat, der hat besondere Verantwortung und muss die Talente zu guten Taten nutzen. Die puritanisch-calvinistische Sichtweise Nordamerikas von der Auserwähltheit, man müsse sich seiner Talente würdig erweisen, wird vor allem in der Aussage von Cashs Mutter (Arzu Ermen) deutlich, die ihren Sohn maßregelt, seine Stimme als Geschenk Gottes zu sehen, für die er nur der Träger ist. An dieser Anforderung scheint Cash immer wieder zu zerbrechen, beginnend mit dem Unfalltod des zwei Jahre älteren Bruders Jack, wo der Vater (Andreas Goebel) sagt, es sei wohl der falsche Sohn gestorben, oder als sich bei der Beerdigung der Dämon, dieses Mal in Gestalt des Predigers auf das Matthäus Evangelium bezieht: „Ihr sollt nicht sammeln Schätze auf Erden, sondern sammelt Euch Schätze im Himmel“.  

Johnny Cash geht zur Air Force, die er nicht mag, und wird in Landsberg/Lech stationiert. Nach der Rückkehr heiratet er Vivian Cash (Julia Leinweber) und erhält schließlich nach einer erfolglosen Zeit als Kühlschrankvertreter einen Plattenvertrag bei Sam Phillips. Die Tochter Rosanne wird geboren, aber die Vorzeichen, dass seine Ehe zerbrechen wird, sind bereits da. Da lernt Cash June Carter kennen, die er schon seit der Zeit verehrt, als er die Carter Family zum ersten Mal im Radio gehört hat. Doch der Dämon verführt Cash erneut und der Sänger gerät in die Drogensucht. Cash durchschreitet jetzt ein „Tal der Tränen“ – sehr eindrucksvoll und düster gespielt, als Cash im Drogendelirium am Boden liegt und Nils-Holger Bock als Johnny Cash zusammen mit dem Ensemble „Rusty Cage/I Got Stripes“ gibt. Doch er kann von June Carter gerettet werden. Am Ende findet er bei den Personen, die sein Leben geprägt haben, Vergebung und kann seiner geliebten Frau June, die hier als Frau in Weiss auftritt, durch den Kreis des Lebens nachfolgen.

Was sich zunächst als schwere Kost anhört - man konnte es auch an einigen Gesichtern von Theaterbesuchern ablesen, die bei der sehr guten Einführung durch den musikalischen und künstlerischen Leiter, Roland Heinrich, dabei waren - entpuppt sich gleichzeitig als leichtes und flottes Jukebox-Musical. Das ist sicherlich den vielen Songs und den sehr guten und charismatischen Darstellern zu verdanken, Angefangen von den ideal besetzten und sehr sympathischen Schauspielern Nils-Holger Bock, Bianca Karsten oder Roland Heinrich.

Nils-Holger Bock als nachdenklicher, aber auch agierender Johnny Cash wirkt durch seinen markanten Bassbariton und seinem Aussehen bereits sehr authentisch. Als er nach dem Tod von June Carter sagt: „Ich habe sie geliebt“, verdrückt der ein oder andere Theaterbesucher sicherlich eine Träne.

Bianca Karsten bringt die Leichtigkeit, Unbeschwertheit, auch ein bisschen Überdrehtheit June Carters gut herüber. Mit ihrer Erfahrung, nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Sängerin, ist es ein Genuss Bianca Karsten zuzuhören.

Roland Heinrich, der als Dämon in verschiedene Rollen (Jimmy Rodgers, Prediger, Bremser, Dealer, Luther Perkins) schlüpft und darin versucht Johnny Cash vom rechten Weg abzubringen, spielt seine Rolle nicht nur „dämonisch“ gut, sondern verursacht als hervorragender, wandelbarer und immer etwas näselnder Sänger in seinen Rollen stellenweise Gänsehaut bei den Zuschauern. Ich hatte vor der Aufführung das Glück, mich mit ihm zu unterhalten und erhielt von dem Mann, der den Blues und die Country Musik lebt, eine neue und interessante, auch philosophische Sichtweise. Roland Heinrich konnte mir die kulturhistorischen Bezüge, die hinter der Musik v. a. des Südens stecken, verdeutlichen. Für ihn liege die Faszination Cashs in seiner Widersprüchlichkeit. Cash wäre seiner Meinung nach immer seiner Zeit voraus gewesen, Lichtjahre entfernt. Er habe sich aus dem Vergangenen, sei es aus dem Irischen oder aus dem Bereich des Gospel, bedient und habe etwas Neues geschaffen.

Neben den genannten Mitwirkenden darf man aber nicht die Leistung von Andreas Goebel als Cashs Vater oder Sam Phillips, Arzu Ermen als Cashs Mutter oder Julia Leinweber u. a. als Vivian Cash vergessen, die ebenfalls mit schauspielerischem und gesanglichem Können überzeugen. Die Musiker Heiko Ahrend, Michael Deak, Benny Glass und Wolfram Csupkay sind auf der Bühne in das Geschehen integriert und begeistern durch musikalisches Können und Spielfreude.

Diese Begeisterung spiegelt sich auch beim Publikum im fast ausverkauften Stadttheater wieder: Tosender Applaus, Mitklatschen und Begeisterungsrufe.

Es war für den Intellektuellen, für den Blues-/Country- oder auch Musical-Fan, als auch für den normalen Theaterbesucher etwas dabei. Die Cash-Fans konnten sich natürlich darauf verlassen, dass sie an dem Abend auch sehr viele Songs ihres Idols hören durften. So vielschichtig wie die Person Johnny Cash war, so vielschichtig ist auch diese Homage an ihn. Dabei geht das Stück wesentlich tiefer als der Film, der im Übrigen zeitlich erst nach diesem Stück entstand.

Poetisch, philosophisch tiefgründig, aber gleichzeitig unterhaltend und Gänsehaut erzeugend, indem die Darsteller, allen voran Nils-Holger Bock oder Bianca Karsten, die Zuschauer mitleiden ließen.

Empfehlenswert ist auch die zum Musical produzierte CD, die über die Konzertagentur Landgraf (www.landgraf.de) zu erhalten ist. Neben den Cash Titeln wie „Ring Of Fire“, „Folsom Prison Blues“ oder „If I Were A Carpenter“, findet sich dort so mancher Gospelsong, den das Ensemble in einer sehr professionellen Produktion aufgenommen hat.

Leider ist die Tournee nun mit den letzten Gastspielen in Essen zu Ende, aber zum einen ist das Musical an andere Theater verkauft worden und zum anderen scheint es ab Herbst noch die ein oder andere Aufführung zu geben. Also: Reingehen!

Andreas Hilgart