In eigener Sache von Andrea, dem Bücherwurm…..

Letzten Donnerstag hatte ich frei. Zu viele Überstunden. Also nahm ich mir für das Frühstück viel Zeit. Genug, ein Heft durchzusehen. Und siehe da. Unter den Buchtipps fand ich das Werk ‚Or Glory: 21st Century Rockers‘ von Horst A. Friedrichs. Hierbei handelt sich um eine Fotodokumentation eines Deutschen, der mit seiner Familie in London lebt. www.amazon.de offeriert die Arbeit für EUR 29,95.
Das Buch ist in Englisch verfasst und besteht aus
176 Seiten, vorwiegend aus Lichtbildern. Es beginnt mit einem Interview von Leuten aus der Szene, am Ende findet sich die obligate Danksagung. Doch das Zwischendrin ist das, was zählt: Die Fotos.
Nun ja. Als ‚Altrockerin‘ musste ich das Literaturwerk einfach haben. Zumal ich am Nachmittag (nach dem langen Waschmorgen) ohnehin in die Stadt wollte. Und siehe da. Nach langem Suchen fand ich den Einband unter den Biografien von Musikern. Ehrlich gesagt: Ich konnte nicht bis nach Hause warten. Unterwegs, d.h. noch auf dem Bahnsteig, riss ich die Plastikhülle auf und begann das Buch durchzugehen bzw. durchzusehen. Zuerst war ich enttäuscht. Komisch, was manche Leute unter ‚Rockern‘ verstehen, sagte ich mir. Denn Rocker bestehen nun mal nicht ‚nur‘ aus Motorrädern und, zumal für mich, vorwiegend aus Tollen. Die ersten paar Seiten zeigten dessen ungeachtet vorwiegend Liebhaber von Norton Maschinen, zwar in Leder gekleidet, aber….die Tolle fehlt.
Irgendwann stimmte es für mich schliesslich (vor der Hälfte der 176 Seiten). Glücklicherweise. Und ich kam aus dem Staunen nicht raus. Zuerst möchte ich festhalten, dass es sich um schwarz/weiss Aufnahmen handelt. Die mir bedeutend lieber sind, ehrlich gesagt. Vor allem Gesichter kriegen so einen Ausdruck, der farbigen Aufnahmen abgeht. Beim Umblättern staunte ich über die Detailverliebtheit des Autors. Manchmal zeigen die Bilder kreative Tätowierungen, manchmal einfach nur ein Motorrad, ab und an Musikbands, dann wieder das Ace-Cafe. Das übrigens 2001 offiziell wiedereröffnet wurde. (Eine Tatsache, die ich nicht mal kleingedruckt mitbekam – Schande über mich).

Was auch beachtet werden sollte ist, dass sich der Fotograf nicht unbedingt an die junge Generation hält. Denn: Teddies in England gibt’s schon lange. Und die ‚Alten‘ geben in der Szene von Grossbritannien den Ton an. Dessen scheint sich Horst A. Friedrichs bewusst zu sein. So hat er’s irgendwie geschafft, gerade die Liebe der älteren Generation zur Musik, zu bestimmten Idolen oder einfach zu Symbolen der 50er Jahre, zu verdeutlichen. Ohne sie einfach ‚nur alt‘ aussehen zu lassen. Jedes Foto strotzt voll Überzeugung, voll Kraft. Das Rebellentum ist offensichtlich. Die Lichtbilder stehen alle dafür, dass sich Rocker nicht drein reden lassen und oft auch die heutige Welt ‚nicht brauchen‘. Dabei wollen sie niemanden beeinflussen, überreden oder besser sein als andere. Meine Mutter bezeichnet es als ‚Flucht‘. Ein paar Freunde meinten spöttisch, ich hätte ja damals noch gar nicht gelebt. Was würde ich dafür geben! Und was, bitteschön, kann ich dafür? Könnte (und dürfte ich) die heutigen Motorräder gegen Nortons, Harley, Triumphs, Indians, BMW‘s und wie sie alle hiessen – eintauschen, das wär‘ himmlisch! Und all die heutigen gleich aussehenden Fahrzeuge gegen Chevy’s, Studebakers, Cadillacs, etc. von damals! Wenn ich all die Leggings, Hosen, die sich der Schwerkraft beugen, selbst die knappen Minis in Bleistift-Jupes, Petticoats oder Jeans verwandeln könnte – ich würd’s umgehend tun…..

Dafür brauchen ‚wir‘ auch kein Silikon (das haben wir von Natur aus ‚drin). Unser Schönheitsidol sind rote Lippen, betonte Augen, makelloses Make-Up. Dafür stehen einige von uns schon ‚mal stundenlang vor dem Spiegel (sorry Mädels, da habe ich irgendwie quergeschlagen – mir fehlt halt auch Euer Aussehen).
Trotzdem sind ‚Rocker‘ frei von Modemagazinen (den heutigen zumindest) und von Massen-Manipulierungen. Ne, wir stehen NICHT auf Michael Jackson. Auch nicht auf Robbie Williams. Nicht mal auf Garth Brooks. Und nicht alle Teddies ziehen Elvis sämtlichen Interpreten der 50er Jahre vor.

Okay.  Mit MAC’s und Windows haben wir uns angefreundet. Auch wir benutzen Facebook, Twitter, You Tube, My Space, etc. (wenigstens einige von uns). Doch sie dienen mehr als Mittel zum Zweck. Denn unsere Gemeinde, zumindest hier bei uns in der Schweiz, ist extrem klein geworden. Man hat geheiratet, Kinderchen gekriegt, die Tolle war plötzlich nicht mal mehr zweitranging, zu stressig war der Job als Banker. Dann begann man, in andere Musik reinzuhören, da die eigenen Teenies sich über die 50er Jahre lustig machen (tja, damals brauchte man noch echte Schlagzeuger und versuchte sich nicht an Synthezisern).

Kommunizieren tun die wenigen ‚Überlebenden‘ höchstens noch an den wenigen Konzerten, die einfach alle besuchen. Oder eben mittels Facebook & Co. Wir sind halt nicht in England.

Bleibt zu sagen, dass ich Horst A. Friedrichs für sein Buch extrem dankbar bin. Nicht nur, weil mich die eigene Szene interessiert. Ich finde Randgruppen allgemein interessant. Einfach, weil sie sich von der Masse abheben. Ohne das beabsichtigt zu haben. Und so gut hat uns ehrlich gesagt, kaum einer dargestellt.

Chapeaux vor Horst A. Friedrichs. Übrigens hat Amazon Deutschland nur noch 8 Bücher auf Lager. Wenigstens war’s letzte Woche so. 

 
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