Las Vegas, Samstag, 23. April 2011 Teil 6

Heute nehmen wir’s etwas gemütlicher. Es ist 7 Uhr und wir sind noch immer auf unseren Zimmern, ungeduscht, unvorbereitet, doch mit Lust auf das, was heute kommen mag. Die grossen Blasters. Und noch einmal die Lustre Kings.

Zuerst ärgern wir uns allerdings mit dem unhöflichen Service-Personal beim Frühstück ‘rum. Die Tassen wurden so unsanft auf unseren Tisch gesetzt, dass es ein Wunder war, dass sie heil dort standen…… ich habe mich beschwert, so sauer war ich. Vorgestern hatte ich dort ein Haar im Essen. Und wollte eigentlich nicht mehr hin. Doch meinem Begleiter hat das Morgenessen geschmeckt. Also nachgeben und durch……. (es gibt noch 3 weitere Verpflegungsmöglichkeiten im Hotel).

Wir bewegen uns hernach Richtung Autoshows. Und siehe da: Viele Verkaufsbuden sind hinzugekommen, deren Angebot sich sehen lassen kann. Da könnte man ein Vermögen liegen lassen, ganz ehrlich…………
Den Anfang der Shows machen die Lustre Kings. Grossartig, was sie auch im Freien zu bieten haben, obwohl nun das Schlagzeug zu laut ist, ja der ganze Sound unter der Lautstärke leidet. Die Jungs zeigen sich spielfreudig und besitzen alle ihre Stärken als Musiker. So ist denn der Sänger, Mr. Gamsjager, ein ausgezeichneter Gitarrist, der Bassist scheint Lee Rocker als Vorbild zu haben und über meinen Lieblingsschlagzeuger gibt’s ohnehin nur Gutes zu berichten.

Nachdem uns die Sonne den Pelz verbrannt hat, gehen wir gerne wieder ins kühle Casino. Bei uns stand Cash O’Riley und seine Truppe auf dem Programm. Na ja. Was sagt man zu Psychobilly im Cowboyhut? Die Jungs waren für Ladies ein Hingucker, doch damit hatte es sich denn auch. Es ist wie mit den Chicks bei den Männern. So sehr das starke Geschlecht die Strapse, zum Teil mehr als waghalsigen Stöckelschuhe und das wunderschöne, porzellanartige Make-Up bewundern …ich denke, beim Warten auf diese Meisterleistung  (dafür dürften die Ladies mehrere Stunden benötigen) vergeht wahrscheinlich jedem Kerl die Geduld. Und vielleicht auch die Liebe.
Fazit: Was nützen gutaussehende Typen, wenn sie schlichtweg nicht singen können und ihr Psychobilly so grässlich ist, dass die Ohren schmerzen? Ich denke, ca. 3 Titel hörten wir uns an, dann verließen wir fluchtartig den Saal. Ich habe übrigens noch immer nicht rausgefunden (und heute ist der letzte Tag), wo jene Leute ‘rumhängen, die auf Hillbilly oder traditionellen Rockabilly stehen. Wahrscheinlich sind es diejenigen, die tagtäglich und des Nachts an der Bar (aus Frust) untergehen.

Nach Cash O’Riley verzogen wir uns aufs Zimmer. Eigentlich müsste es Therapeuten für Psychobilly-Schocks geben. Wenigstens hier, am VLV. Denn 2011 steht diese Musik im Vordergrund.

Weiter ging’s mit den Blasters. Phil, Anführer der altgedienten Band, grinste die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd. Das ging mir auf den Keks. Nicht genug, dass die Truppe extra für ihren Gig anreiste (und auch gleich wieder ab). Sie hob sich auch sonst vom üblichen ab. Der Sound der Blasters ist für mich Mainstream. Die Tatsache, dass viele verschiedene Bands ihr ‘Marie, Marie’, kopierten, spricht für meine These. Wie ich’s ehrlich gesagt erwartete (ab und an fungiere ich als Wahrsagerin) hechtete Phil dem Takt ab und an davon. Das ist lästig. Und eigentlich eine Krankheit junger, wenig erfahrener Bands oder jener, die nicht viele Auftritte haben. Vielleicht laufen die Blasters ja unter dieser Kategorie. Phil versuchte, mit der Masse (ich denke, für seine Gruppe fanden sich die meisten Fans zusammen) zu kommunizieren. Doch es schien, es würden sich nur wenige für die Tatsache, dass sich sein Bruder in Italien aufhält und dort Ferien macht, interessieren. Auch dass er besser Französisch spricht, als Dave, machte wenig Eindruck. Ich persönlich konnte mir allerdings gut vorstellen, wie der Streit zwischen den Brüdern einst so eskalierte, dass es zum Bruch zwischen ihnen kam. Auch wenn Phil wahrscheinlich darauf aufmerksam, machen wollte, dass sie inzwischen wieder kommunizieren, drückte er doch eher aus, welch Ego sich hinter SEINEM Charakter verbirgt.

Ein bisschen Stimmung kam bei “Marie, Marie” auf. Auch 2 weitere Hits der Blasters gab Phil noch zum Besten. Von Harmonien war nichts viel zu hören. Der Schlag-zeuger…na ja….Jetzt haben wir sie gesehen. Die Blasters sind keine Band, für die ich eine weite Reise auf mich nehmen würde. Kämen sie in die Schweiz, wäre ich da. Und würde auf Dave hoffen.

Die Band “El Dedo” guckten wir uns im Brendan’s Pub an. Sie spielten gerade mal 30 Minuten, denn anschließend sollte Jerry Lee Lewis auftreten. Und dann war das Casino praktisch leer. Auch hier handelte es ich sich um eine Psychobilly-Truppe, deren Frontmann mir von einer anderen Band bekannt vorkam. Für Psychobilly klang die Band gut, vor allem der Kontrabassist tat sich hervor. Die Jungs brachten Stray Cats Stücke und Titel, die ähnlich klangen, dann rannten sie ans JLL (im Freien, an der Autoshow, wie die Blasters).

Ich habe Jerry Lee Lewis Xmal gesehen. Ungewollt, immer wieder. An jenen Festivals. Mal kam er. Mal nicht. Mittlerweile ist er aber nicht nur im Kopf, sondern auch gesundheitlich so angeschlagen, dass seine Shows für ihn eine Qual sein müssen. Und für sein Publikum. Zumal für mich. Ich mag keine Stars, die man im hohen Alter noch auf die Bühne zerrt und vor der Masse lächerlich macht. Ich denke, auch der loyalste Fan ist nicht fähig, den Johnny Cash von früher in dem Monster da auf der Bühne zu sehen, der kaum das Maul aufmachen kann und nur noch von sich hinbrabbelt. Ich mag “meine” Stars so, wie sie in der Blüte ihrer Jahre waren. Später bin ich einfach nur noch froh, dass sie da sind und wünsche ihnen ruhige Jahre inmitten ihrer - hoffentlich - gescheffelten Millionen. Sie haben ihren Teil geleistet und sind mir nichts schuldig.

Etwas vom Besten, was VLV zu bieten hat, ist Deke Dickerson’s Gitarrenshowroom. Hier geben sich die Stars die Klinke in die Hand. Der Saal war gross, mit roten, bequemen Sesseln ausgestattet, die zum Schlafen einluden (leider, meinte mein Begleiter). Dank Deke sahen wir dort ein Mitglied von Wildefire Willie, die Lustre Kings noch einmal (immer noch die Besten) und kriegten einen Happen der Hillbilly Hellcats mit. Im Saal spielten sie Country. Dazwischen gab Deke sein Wissen um Gitarren, Steel-Gitarren, etc. ans Publikum weiter. Er hat als Musiker nicht nur ‘was drauf, er ist auch ein absoluter Kenner der Szene. Und er zeigte sich für einmal gesprächig.
Lustig war seine Geschichte über Kid Rock, den er als ‘Rapper’ bezeichnete. So begann er damit, dass er zufälligerweise auf den Musiker stieß. Dieser meinte, er möge seinen Sound. Er sei an diesem interessiert. Ein paar Wochen vergingen und Deke’s Agentur nahm mit ihm Kontakt auf, um dem verblüfften Jungen mitzuteilen, Kid Rock wolle ihn für seine Kid Rock Cruise engagieren. Deke meinte, er habe mit 2’600 Kid Rock Fans das Schiff geteilt. Dies sei eines seiner erschreckendsten Erlebnisse gewesen. Normalerweise käme er gerne ans VLV, doch kaum zu Hause angekommen und nun schon wieder an eine andere ‘Party’ zu müssen, sei etwas viel für ihn gewesen. Und niemand könne sich vorstellen, was auf einem Kid Rock Schiff so abginge.

Als nächstes folgten die Hillbilly Hellcats. Ja, ich gebe zu, ich habe sie auf meinem Programm angestrichen. Wieso, weiss ich selber nicht mehr. Sie machen nämlich ebenfalls Psychobilly. Und laut. Sehr laut. In Denver, wo die Jungs herkommen, haben sicher alle ein Problem mit dem Gehör. Wenigstens jetzt, wo die Knaben dort wirken. Der Bassist war irre, der Sänger erinnerte mich vom Typ her an George Thorogood. Doch das war’s dann auch schon mit der Ähnlichkeit. Die Bass-Solis rissen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin und ich denke, nur noch die Buzzards verkauften mehr CD’s.

Später kriegten wir noch kurz etwas von Gizzelle’s Auftritt mit. Sie ist ein etwas rundliches Mädchen mit einer starken, beeindruckenden Stimme und einem einfachen, anziehenden Wesen. Sie gab R&B der 50er Jahre zum Besten, z.B. das fantastische “Sugar Coated Love”, einen Titel, den wir an diesem Festival von verschiedenen Ensembles zu hören kriegten. Ihrer Version war viel abzugewinnen. Das Mädchen hat’s drauf. Unterstützt wurde sie an der Gitarre von Mr. Sanchez. Dieser hat normalerweise eine eigene Rockabilly-Band. Eine gute.

Johnny Burnette. Johnny Burnette ist ein Star der 50er Jahre. Auch er tritt an vielen, zu vielen Festivals auf. Und auch ihn haben wir x-mal gesehen. Ich mag Johnny als Person. Er ist ruhig, wirkt gesetzt und unterhält sich gerne mit dem Publikum. Allerdings kommt meiner Sympathie seiner Musik in die Quere. Heute klingt er wie die Comets, wenn die live auftreten. Was er um sich scharrt, muss man schon beinahe ein Orchester nennen. Klar, dass Sax dabei ist (hatte er aber meines Wissen nach in den 50er Jahren nicht). Dagegen spricht nichts. Aber….der Sound ist einfach hässlich. Mainstream Rock’n’Roll, der sich nach den 60ern entwickelte, zugeschnitten auf eine Masse, die nichts von dem Genre versteht. Das kann der gute Mann Rockabillies nicht verkaufen. Und das hat man gespürt. Doch ich bin nicht die einzige, die dem Mann (der übrigens seine gute Stimme auch verloren hat) immer wieder eine Chance gibt. So trat er denn im grossen Saal vor relativ grossem Publikum auf.

Das Roy Kay Trio, am Schluss des Tages, erwies sich schlechter, als es auf CD ist. Der Grund lag im fehlenden Sound-Check. Schade. Auf die hatte ich mich gefreut. Sie hätten den Abend im Guten beendet. So fand er schneller ein Ende, als mir lieb war.

Mittlerweile haben wir Sonntag. Den grössten Teil des Festivals liegt hinter uns.
Und wir sind müde. Rockabilly-müde können wir allerdings nicht sein.
Denn der hat sich rar gemacht.