Austin, 3. Mai 2011 Teil 15 und 16

Heute war kein besonders guter Tag.
Auf dem Weg zum Lake Travis baute ich einen kleinen Unfall (hoffentlich bin ich voll versichert). Obschon ich nachher nicht mehr gerne weiterfuhr, sahen wir die vielen teuren Villen, die sich um den Lake Travis ’rum verteilen, Kostenpunkt: Zwischen $500’000 und $1’000’000.  Anschliessend fand ich im riesigen Sheplers Store nicht ‘mal ein Paar Stiefel, die mir gefielen und schließlich, am Abend, wollten wir was Gutes tun und Nick Curran, der an Krebs erkrankt ist, unterstützen. Also besuchten wir das Benefiz-Konzert, das Austiner Künstler ihm zuliebe im Antones’ gaben.
Antones’ ist der wohl bekannteste Blues Schuppen Austin’s. Beim Gebäude handelt es sich um einen Saal, der aussieht wie eine umgebaute Fabrikhalle. Hier traten so grosse Künstler wie Jimmy Reed, Pinetop Perkins, aber auch Omar & The Howlers auf.
Heute abend war die einzige Band, die einmal mehr gut war, die Horton Brothers. Leider spielte jedes Ensemble nur knapp 30 Minuten. Jimmie Vaughan kam diesmal bei mir besser an. Mir gefiel dernun hinzugefügten Kontrabass, obwohl der kaum zu hören war. Das Schlagzeug war einmal mehr zu laut. Seine Starallüren hat Mr. Vaughan jedoch nicht abgelegt. Texaner sind so selbstbewusst, dass es mir übel wird. Das beste Beispiel hierfür war der gestrige Künstler. Tja - wer solche Komplexe hat, wie ich, kann wohl nur schwer mit einer anderen Einstellung umgehen. Tempi. Singen konnte Jimmie Vaughan heute bei gut eingestelltem PA besser, als ich glaubte. Dennoch ist sein Blues nicht meiner. Ellenlange Gitarrensoli sind mir nach wie vor suspekt und viel zu kompliziert. Wenn schon, schwärme ich für Merle Travis, Doc Watson oder Chet Atkins, um nur die bekanntesten Gitarristen aufzuzählen, die mir zusagen.
Ich bin momentan ziemlich müde von Austin, dem vielen Herumfahren. Hierhin, dorthin, wobei Kilometer, Zeit und oft auch die Geduld draufgehen. Ist wohl auch den vielen Baustellen zu verdanken, mit denen die Stadt gegenwärtig zugepflastert ist. Die Polizei hingegen ist allzeit präsent, dafür sehr nett, wie ich heute ‘rausfand (wieso sah der Polizist bloß nicht wie der Mexikaner in ‘Chips’ aus?).
Morgen sehen wir Steve Earle. Er gibt eine Autogrammstunde inkl. Konzert im Waterloo Records Shop Downtown. Auch wieder ein Künstler, von dem ich mir nicht mehr viel verspreche.
Der mich aber auch nicht mehr enttäuschen kann.

Austin, 4. Mai 2011

Heute hatten wir ein entspanntes Programm. Um 17 Uhr würde Steve Earle im Waterloo Record Laden auftreten. Also um ca. 11 Uhr in die Stadt, das Auto gratis im Food Market abstellen, kurz eine Kleinigkeit einnehmen und ab in den Waterloo Record Laden. Dort kauften wir erneut 10 CD’s, darunter die neueste von Mr. Earle. Ich habe um die Ecke noch den Antrophology Laden entdeckt, eine tolle Boutique, die leider in die Schweiz nicht liefert. Nach Deutschland schon. Ihr gehört ja zur EU. Hier ist der Link: http://www.anthropologie.com/anthro/

Die Firma führt tolle Kleidung, einfach, aber raffiniert. Und ziemlich teuer. So habe ich bei meinem dritten Besuch (ich konnte mich nicht entscheiden) CHF 250.00 liegen lassen.
Doch zurück zur Country Musik.
Kurz nach 16.45 Uhr trafen wir wieder bei Waterloo Records ein. (Dank meiner Boutique etwas spät). Mein Begleiter hatte noch Durst, also ins 24, gleich nebenan und Lone Star Bier bestellt.
Als wir kurz nach 17 Uhr ‘rauskamen, lief die Schlange bereits in den Plattenladen. Sie war extrem lang und ich konnte mir nicht vorstellen, wie sich die Menge zwischen den engen Regalen verteilen sollte. Es ging.
Steve traf erst nach 17.15 Uhr ein. Im Nikolaus-Look (mit langem Bart und beinahe ohne Haare). Er meinte später, er habe das Baseball-Spiel noch sehen wollen. Der Plattenladen-Besitzer meinte im Vorfeld, das Waterloo-Record-Publikum sei das Beste. Und da hat er nicht unbedingt gelogen. Als Mr. Earle seine Nummern vortrug, hätte man eine Stecknadel falle lassen können. Wenn ich auch die Einzige gewesen sein  mag, die aus Sentimentalität (und wahrscheinlich auch vor Erschöpfung und aus Sentimentalität) heulte. Zwischen den einzelnen Songs, die Mr. Earle zuerst auf einer Balalajka vortrug (er meinte, mit dem Instrument käme er mühsamer durch den Zoll), erzählte er etwas aus seinem Privatleben. Was mir persönlich gefiel, war nicht nur das akustische Set (Steve Earle ist IMMER gut, wenn er akustisch auftritt und IMMER schlecht, wenn er die elektronische Ausrüstung bevorzugt), sondern auch die politischen Statements. Lange erzählte er von New Orleans und der dortigen Musikszene. Keine Ahnung, wieso er daran einen Narren gefressen hat.
Später meinte er, nachdem tagtäglich im Fernsehen hier gezeigt wird, wie die Menge den Tod Osama Bin Ladens bejubelt, sei er  froh, nicht in New York gewesen zu sein, um die Menge “USA, USA” schreien zu hören. Das imponierte mir. Die Meinung des Publikums war aber gemischt. Wodurch sein Mut unbedingt zu bewundern ist.
Mr. Earle scheint wieder zu seinen Wurzeln zurückgefunden haben.
Viele seiner neuen Nummern klingen wie die alten, z.B. wie “The Rain Came Down”. Unbedingt empfehlenswert ist der Titel “This City” (of Immigrants). Das Stück fährt ein, ehrlich gesagt. Vielleicht hat sich Mr. ZZTop  selber auch daran erinnert, trug er doch zu meiner Freunde mein Lieblingslied, “Copperhead Road” noch getoppt von Townes Van Zandt’s “Pancho & Lefty” vor. In der Mitte des Sets wechselte Steve Earle die Balalajka gegen eine Mandoline aus. Und klang noch immer gut. In der Autogrammschlange anschließend meinten einige, er sei alt geworden. Habe aber noch immer Biss. Das stimmt. Er war und ist noch immer ein Individuum. Und einer, den man gleich erkennt, hört man ihn singen. Dafür mag ich Steve Earle, auch wenn er als Mensch versagen mag (die Autogrammstunde war lächerlich)
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