Andrea Weber: In eigener Sache

Es ist am der Zeit, meine Frustration loszuwerden. Ich hab' mich wieder mal über einen Veranstalter geärgert.

Im Oktober sollte in Zaandam (Holland) ein grosses Rockabilly-Festival stattfinden. Lucky Tubb stand neben Charlie Gracie auf dem Programm. Also schnell Hotel und Flug buchen (mir stank es, für 9 Stunden Autofahrt eine Karre zu mieten und kaputt in einem Vorort von Amsterdam anzukommen). Obschon: Mir kam's komisch vor, dass auf der Web-Seite des Veranstaltungsortes so ganz und gar nichts stand. Dann, heute Morgen, auf erneuter Suche, stand da - und ich glaubte es kaum - dass das Konzert abgesagt sei. Die Meldung kam von einem Insider. Ansonsten ist nur auf den Web-Seiten der einzelnen Bands ein Vermerk zu finden. Auf der Web-Seite des Veranstaltungsortes steht gar nichts. Doch es kommt noch besser: Lucky tritt nun gemäss Programm in Texas auf - natürlich ohne Charlie Gracie. Und ich zweifle ehrlich gesagt daran, dass mir der Veranstalter die Umbuchung (Flug Zürich-Texas statt Zürich-Amsterdam) bezahlt. Oder dass ich vom Geschäft aus eine Woche frei nehmen kann.

Ergo werden wir wohl ein verlängertes Wochenende in Amsterdam OHNE Musik verbringen. D.h. wenn wir Glück haben, ist wenigstens im Cruise Inn was los. So. Hab das gerade abgeklärt. Die Rock'n'Roll Dance Night entspricht mir nicht. Ist "nur" ein DJ. Wo ich ohnehin schon ein schlechtes Gewissen von wegen Fliegen hatte, verstärkt sich das jetzt auch noch …nur um zu Shoppen nach Amsterdam?

Ehrlich gesagt: Ich ärgere mich schon seit einiger Zeit über Veranstalter - aus unterschiedlichen Gründen.


So werden plötzlich Konzerte unter der Woche festgesetzt. Dazu führte ich an: 1. Es gibt wirklich Leute, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, sprich: KEIN eigenes Vehikel haben!. 2. Es gibt welche, die 100% arbeiten, also am nächsten Tag zur Arbeit müssen. Um das alles noch besser zu machen, steigern sich die Ticketpreise ins Masslose (lohnt es sich, für einen Chris Isaak CHF 100.00 im Volkshaus Zürich zu bezahlen?)  und Veranstaltungsorte werden ohne weiteren Kommentar 'verlegt' . So geschehen bei Brian Setzer in Zürich.
D.h. für mich: Will ich die Bluegrass Boogiemen im El Lokal in Zürich sehen, muss ich Donnerstagabends um 20.30 Uhr vor Ort sein und am Freitag entweder völlig unausgeschlafen zur Arbeit taumeln oder aber frei nehmen (die Kollegin war schneller, also wird daraus schon mal nichts). Ach ja: Und mit einer Sitzgelegenheit (ich bin nun mal nicht mehr 17, denn das kann man, so sang man(n) mal, nicht immer sein) darf ich schon gar nicht rechnen. Konsum verlangt man selbstredend ebenfalls - bei horrenden Preisen. Früher war's so, dass entweder der Eintrittspreis hoch war, dafür die Getränke günstig oder umgekehrt. Und ich möchte am Konzert nun mal nicht essen, sondern mich vollends auf die Musik konzentrieren. Ich wäre respektlos, würde ich mich mit Freunden treffen und das Konzert zum Gelage umfunktionieren würde. Heutzutage ist oftmals beides teuer - Eintritt wie Konsum - egal, ob Selbstbedienung oder nicht. Und dann sagt auch noch ein Wolfgang Niedecken in einem CH-er Fernsehinterview, keiner würde Musiker so schlecht bezahlen, wie Schweizer Veranstalter. Wohin geht denn mein hart verdientes Geld, bitteschön?????


Nein, ich bin auch nicht dafür, dass man Bands wie den Eagles so viel Kohle in den Hintern stopft, dass man per Web-Seite ihr eigens von einer Hollywood Designerin eingerichtetes Haus besichtigen kann. Doch gewisse Musiker, z.B. gerade die Boogiemen (aus Holland) oder auch Herr Niedecken haben einen Zustupf verdient. Weil sie einfach gut sind.

Ich denke, in Deutschland habt Ihr noch ein wenig mehr Glück i.S. Konzerte. Hier gibt es momentan (mit wenigen Ausnahmen) nur noch Veranstalter, die auf den Nashville Sound setzen. James Intveld, Guy Clark oder John Prine hatten schon lange keine eigene Show mehr in der Schweiz (James kam 2010 mit John Fogerty nach Zürich). Geschweige denn Wayne Hancock. Der findet die Schweiz auf der Weltkarte anscheinend nicht mehr. Selbst Montreux, das einmal einen zaghaften Versuch wagte, Country Musik ins Jazz-Festival einzubinden (damals habe ich Buck Owens gesehen) scheint nicht an Americana interessiert zu sein. Zudem ist das Festival ja auch unter der Woche. Zugegebenermassen nicht alle Konzerte, aber viele.
Hinsichtlich Bluegrass gibt's vorwiegend Konzerte mit einheimischen Musikern. Die zwar nicht schlecht sind (zum Teil), doch oft 'Hobby-Musiker'. Was offensichtlich ist. Die Wilders, die letztes Jahr ankündigten, sie kämen dieses Jahr wieder, haben irgendwie auch den Weg zu uns verloren.

Nun kann man sagen: Dann handle doch. Aber Leute, die sich für unkommerzielle Musikrichtungen interessieren, haben oft zu wenig Geld (ich eingenommen), um ein eigenes Konzert oder gar Festival zu organisieren. Zumal die Meldungen, dass wieder ein Veranstalter pleite gegangen ist, zunehmen. Daneben sind in der Schweiz die Winterthurer Musikfestwochen, das Frauenfelder und das St. Galler Festival Tummelplätze für Rap- oder Pop-Fans geworden. 'Outlaws' sind dort unerwünscht. Mit denen kann man ja auch kein Geld machen (gab's aber schon mal - war das nicht in den 60er und 70er Jahren?). Heisst: Nicht mal die Leningrad Cowboys lassen uns Schweizer einen erstaunten Blick auf ihre Frisuren werfen.

Der Einzige, der kürzlich hier war, war John Hiatt. Und wie ich nachlesen konnte, gab der keine Zugabe. Schande über ihn.

Dass Imelda May ihr Konzert verschob, hat mich ebenfalls geärgert. Wenigstens stand die Verschiebung auf der Web-Seite des Veranstaltungsortes. Und das zweite Mal kam sie dann tatsächlich. Und war sehr gut, wenn auch nicht mein Stil.

Und was ist die Moral von der G'schicht?
Wenn ich mich auf den Kurs Gewaltfreie Kommunikation besinne und mein Innerstes nach der wahren Ursache meines Missmutes umkehre, komme ich zu folgendem Schluss: Mich verstimmt extrem, dass ich mich anscheinend nicht mal mehr auf das ferne Ausland verlassen kann, das bisher meinem Musikgeschmack mittels Konzerten entsprach. Die weite Anreise war spätestens beim tollen Angebot eines Festivals völlig vergessen. Auch die Suche nach dem Hotel. (Wenn ich überhaupt eines hatte. Oft fuhr ich nachher zurück). Und die unfreundliche Bedienung konnte mich schon gar nicht ärgern. Oder das ganze Geld, das mein Vergnügen kostete. Wenn nun aber auch 'andere' unzuverlässig werden und ich ob meinem hohen Alter Reisen in den Norden nicht unbedingt noch auf mich nehmen möchte - was bleibt dann? Wirklich nur noch CD's oder Schallplatten? Genügt mir das? Muss ich wie Cat Stevens konvertieren? Oder nur noch Jools Holland auf ZDF kultur gucken? Oder meinen Musikgeschmack ändern? Soll ich mal ein Britney Spears Konzert besuchen? Das wäre eine 'Alternative'.
Doch bei meinem Glück wohl besser nicht. Sie könnte ja noch auftreten.