Weihnachten - in eigener Sache   von Andrea Weber

Und - wie geht's Euch zu Weihnachten? Gut, wie immer? Schlechter als üblich?

Wenigstens nicht so, wie dem Typen, von dem mir gestern jemand erzählte. Der kriegt jedes Jahr um den 22. Dezember 'rum ein Schreiben seiner Firma. Darin findet sich regelmässig der zarte Hinweis, dass die Druckerei, bei der der heute 58-jährige angestellt ist, nicht weiss, ob sie nächstes Jahr noch auf seine Mithilfe zählen möchte.

Heute Morgen war mir ein wenig nach Gesellschaft. Ergo schaltete ich (um 6 Uhr!) die Flimmerkiste ein. Und wen erblickten da meine vorweihnachtlichen, übermüdeten, gestressten Guckerchen? Die Bellamy Brothers along with 'unserem' CH-er Sänger Gölä auf der Bühne. Na, toll. Das Publikum fand's jedenfalls gut. Die Stimmung war irre.
Nur meine, im Wohnzimmer, liess zu wünschen übrig. Mich fröstelte.
Zugegebenermassen war ich mit zarten 18 Jahren (na ja - zart ist ein bisschen übertrieben) auch 'mal von den beiden angetan. Ergo kaufte ich auf einem Flohmarkt eine wohl mittlerweile seltene LP. Die ist echt gut. Und ich mag den gemalten Kitsch auf der Vorderseite. Sehr romantisch. Und das sind sie heute noch, die Brüder. Bis zum geht nicht mehr.

Im Erwachsenenalter sah ich dann 'mal eine Live-Aufnahme aus Deutschland.
Da liessen die Harmonien sehr zu wünschen übrig (kann auch sein, dass mein Geschmack etwas - nun - anspruchsvoller wurde). Mittelmässig wäre ein grosses Lob für das, was ich da sah. Seither bin ich ernüchtert.

Und auch heute, im Fernsehen, wirkte das Duo müde, lasch, stimmlich wie gesagt, mittelmässig und weit entfernt vom Nordpol. Besser gesagt: Vom Guten.
Der Gipfel (sprich: das Matterhorn) kam, als Gölä, wie gewohnt, Rocksongs anstimmte, dem die beiden käumlich folgen konnten/wollten. Die Gebrüder wirkten steif, routiniert und (wie viele andere auch) ermüdet von denselben Songs, denselben Hits, nach welchen das Publikum immer wieder verlangt.

Und plötzlich dachte ich bei mir: So sollte Weihnachten NICHT sein. Routiniert, steif, langweilig und ermattet.
Weihnachten, sagte ich mir, sollte so sein, wie ich John Denver an einem Weihnachtskonzert an der Opry sah: Feierlich, temperament- und würdevoll, überzeugend, wunderschön, kreativ und voll hinter dem stehend, wofür sie eintritt.

Weihnachten, so sagte ich mir, möchte ich mich nicht nur an John Denver erinnern, sondern auch an Gary Stewart, Webb Pierce, Waylon, Harlan Howard, Patsy Cline, Rose Maddox, Bill Monroe, Jimmy Martin, Jesse, Wynn Stewart, Buck Owens, Jimmy Reed, Jerry Reed, etc. etc……Ich möchte über den Feiertagen dafür dankbar sein, was ich dank diesen grossartigen Musikern geniessen durfte. Ich legte viele Meilen zurück, um sie zu sehen, entdeckte einige erst nach ihrem Tod und hätte im Nachhinein alles dafür gegeben, eines ihrer Konzerte erlebt zu haben.

Für gute Musik werde ich immer dankbar sein. Und Weihnachten, das Fest der Liebe, steht für mich für alles, wofür ich im Leben dankbar bin.

Kurz: Es gibt Geschenke, die kann man nicht in Weihnachtspapier verpacken. Man kann sie nicht sehen, aber fühlen. Und ich kann sie mir jederzeit unter den Weihnachtsbaum legen und von ihnen zehren. Ein ganzes Jahr lang. Zumindest bis zur nächsten Weihnacht.

 
 
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