Veranstalter, Werbung und der Tod der amerikanischen Bare
von Jim Pipkin

Amerikanische Bars sterben aus.
Verschwinden.
Und in vielen Fällen begehen sie Selbstmord. Sie sterben den Veranstaltungstod.

Ich bin in all den Jahren in ein paar Klubs aufgetreten. Manchmal für ein festes Entgelt, manchmal für einen Anteil an den Eintrittsgeldern, ab und an kriegte ich einen Teil der Vorverkäufe, oft nur das Trinkgeld oder die Einnahmen aus meinen CD-Verkäufen vor Ort.
Ich habe in schlechten und guten Bars gespielt, in netten Klubs und in Hinterhöfen, musste mit Klubbesitzern aller Arten verhandeln.
Einer hat mir sogar sein T-Shirt geschenkt. Echt. Andere waren…weniger freundlich. Doch über Jahre hinweg konnte ich eine Entwicklung beobachten. Meinen Eindruck möchte ich gerne mit der Leserschaft teilen.

Bitte lasst mich erklären.
Eine lokale Szene hat keine Überlebenschance ohne bestimmte Orte, wo junge Talente flügge werden, sich treffen und mit neuem Publikum in Kontakt kommen. An Orten wie Nashville, Austin, New York City und Washington DC folgten diese Plätze früher meist demselben Muster. Jenes sah folgendermassen aus: Professionelle erhielten ein kleines Entgelt. Sie sorgten ja umgekehrt auch für Fans. Die Interpreten durften ihre Gage jeweils wöchentlich, pro Nacht oder monatlich in Empfang nehmen. Und konnten zusätzlich auf Trinkgelder und dem Verkauf ihrer CD's hoffen.

Die Bewerbungsgespräche sind immer zäh. Klubbesitzer diskriminieren und das Publikum lernt schnell, einen bestimmten Ort mit guter Musik, gutem Essen, einer guten Zeit gleichzusetzen. Einst verliessen sich Klubs oft auf Studenten. Sie hatten das Geld und die Zeit, am Wochenende auf Party zu machen.

So sah das alte Schulmodel aus.
Nun stelle ich Euch das Neue, Schreckliche, vor. Ich nenne es 'The Treadmill of Death'
(= die Tretmühle des Todes).

Seit den Rauchereinschränkungen, den DUI Checkpoints (Alkoholkontrolle auf den Strassen) und dem generellen Absturz der amerikanischen Wirtschaft (1 von 10 ist auf Jobsuche), haben Musikszenen eine Veranstaltungskultur entwickelt, die ihnen am Ende nur schaden wird.

Stellt Euch vor: Ein Veranstalter bucht 5 bis 6 Bands für eine Nacht. Vorverkäufe und Trinkgelder sollen für die Bezahlung der Gruppen sorgen. Es wird automatisch vorausgesetzt, dass jede Bands dutzende Fans anzieht. Die Musiker sollen dafür besorgt sein, dass sich die Bar am Abend füllt. Selbstverständlich beteiligen sich auch Alkoholfirmen mittels Werbung am Geschäft.
Die Bands aber, von ihrem Veranstalter dazu gezwungen, geben die Mehrzahl der Billette weg. Dabei dürfen sie während eines Monats nur ein paar Nächte lang auftreten, denn selbst der treuste Fan möchte Abwechslung. Keine feste Anstellung also. Keine Möglichkeit, mit den anderen Musiker zusammen aufzutreten, sich mit ihnen abzusprechen. Was bleibt, ist die Tretmühle des Wettbewerbs, der Eigenwerbung, des Wettbewerbs, usw.

Das Resultat? Ein Veranstaltungsort, der mit Freunden und Verwandten der Band gefüllt ist. Sie haben keinen Bezug zum Klub. Und: Das Publikum kann sich von einer Nacht zur andern drastisch ändern. Wenn's schlimm kommt, von einer Stunde zur andern. Der Klub besitzt keine "Anhänger" und kommt somit einem Kaufhaus oder einer Mietgarage gleich. Die lokalen Bands, dazu gezwungen, für sich selbst die Werbetrommel zu rühren, lernen eine harte, ungewollte Lektion: Nicht der Auftrittsort ist wichtig, sondern die Menge. Wenn man also viele Zuschauer anziehen kann, kann man überall auftreten. Pasta.
So werden Wüstenwaschanlagen, Kaufhäuser und Mietgaragen zu den neuesten Klubhits und vertreiben unweigerlich die traditionellen Klubs. Hauskonzerte und Bierparties übernehmen jetzt die Rolle, die einst mittlere bis kleine Veranstaltungsorte inne hatten. Denn Fans mögen es nicht, wenn ihnen Veranstalter auf die Pelle rücken, die sich weit mehr für den Konsum interessieren, als für die Unterhaltung ihrer Gäste.

Wird dieses neue Modell zur Norm werden? In manchen Städten ist es bereits die Regel. Und obwohl nicht der einzige Grund für das Schliessen vieler Bars, so ist diese Norm sicher einer der Gründe dafür, wieso nur wenige Musiker vermisst werden, wenn sie nicht mehr da sind.

 

 
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