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NASHVILLE
SKYLINE: Wieso Bücher schaden…
Another Day,
Another Dollar, Workin' My Whole Life Away
Chet Flippo
(Anmerkung der Übersetzerin: Die amerikanische Version des Ladensterbens)
Another day, another dollar
Daylight comes, I'm on my way
Another day, another dollar
Workin' my whole life away
Wer zufälliger Weise den neuesten TV Spot von VW sieht, dem fällt auf,
dass der Sound nach Country Musik klingt.
Als ich die
Werbung zum ersten Mal sah, dachte ich bei mir: "Den Song kennst Du
doch!".
Nun. Kein Wunder.
Der
Titel ist tatsächlich Country. Es handelt sich um Wynn Stewart's 1962er
Aufnahme seiner Challenge Platte von "Another Day, Another Dollar."
Stewart war einer der grossen Westküsten Honky Tonk Pioniere.
Merle
Haggard
begann bei
ihm als Bassist. Wynn's Hinterlassenschaft ist eine Geschichte, die
ausführlich leider nie erzählt werden wird.
Also haben wir's hier wieder mit einem zu tun, der über die Werbung
vermarktet wird. Doch wenigstens kriegen die Leute Wynn Stewart zu hören
- selbst wenn sie keine Ahnung haben, wer er ist. Wynn starb übrigens
1985. Und: Er erklingt nun am Fernsehen, während ihn die Country
Radiostationen nicht spielen. Die halten sich lieber an den Sound von
heute.
Heutzutage schlagen neue kulturelle Überfälle nämlich entweder
unerwartet auf uns ein (wie oben), oder sie gehen sang- und klanglos
unter.
So sieht unser Alltag aus: Zeitschriften werden täglich eingestellt,
gute Zeitungen schliessen sich mit anderen zusammen, interessante
Web-Seiten verschwinden, qualitativ hoch stehende Plattenfirmen trocknen
aus, genau wie gute Sänger und Gruppen, die von keinem Unterstützung
kriegen. Auch geliebte Klubs und Honky Tonks schliessen ihre Tore. Gute
Radiosender ändern ihre Formate oder werden eingestellt, einschlägige
Plattengeschäfte aufgekauft, respektable Händler vertrieben, unabhängige
Kaffeegeschäfte durch StarMacs vom Platz verdrängt, etc. etc.
Nur iTunes
geht's gut.
Beatles
forever.
Weshalb dürfen Kleinkinder heute keine Limonade mehr in Seitenstrassen
anbieten, ohne von der Gesundheitskommission oder der IRS gebüsst zu
werden?
Es gibt Gründe dafür, weshalb es niemandem 'was ausmacht, dass eine
Buchhandlung in Nashville, die Teil einer kleinen Ladenkette war, ihre
Tore lautlos schliesst.
Dessen ungeachtet war dieser Laden viele Jahre lang eine
Kulturanlaufstelle gewesen. Hier wurde Musik gemacht, gelesen,
geschrieben und live aufgetreten. Der Betrieb war ein Kulturzentrum für
Nashville, ja den mittleren Süden. Denn: Sind gute Buchhandlungen nicht
die wichtigsten Anker für Kultur?
Wer sonst bietet noch gratis Auftritte lokaler Musiker an? Oder von
nationalen Künstlern?
Wo lesen
Autoren vor? National bekannte Schriftsteller?
Wo gibt's
heute eine grosse Auswahl von Programmen für Kinder?
Nashville's Davis-Kidd Buchhandlung stellte mir immer einen komfortablen
Sessel zur Verfügung. Ich konnte dort einen Snack, Lunch, Tee oder
Kaffee zu mir nehmen, während ich mir aus der ausgezeichneten Buch- und
Magazin-Sammlung das Gewünschte heraussuchte. Zum Angebot zählten viele
Musikhefte, eine wunderbare Kinderabteilung, ein intelligente Musik CD
Auswahl. Klar, der Laden war nicht billig. Aber ist es besser, zu Hause
zu sitzen und bei Amazon zu bestellen? Bei Davis-Kidd traf man Freunde,
sprach mit den kompetenten Angestellten über neue Bücher oder solche,
die erscheinen sollten……Ab und an traf man sogar Sänger oder
Komponisten.
Egal wenn einer was anderes behauptet:
Das wahre
Leben spielt sich nicht Online ab.
Der Punkt ist, dass Kultur, egal in welcher Form, heutzutage nicht mehr
wichtig zu sein scheint. Wandert man durch die Green Hills Mall, die
Davis-Kidd beherbergt, passiert man viele teure Geschäfte mit Dingen,
die man nicht braucht. Diese Shops kommen zwar gelegen und der Apple
Laden ist ja ebenfalls dort. Doch Kunden des Kaufhauses haben jeweils
den Buchladen ins Visier genommen.
Nun wird er geschlossen. Und im mittleren Tennessee gibt's keinen
Ersatz. Was sind wohl die Gründe für die Geschäftsschliessung? Die
Üblichen. Als unabhängiges Geschäft gegründet, kommt der Besitzer
plötzlich auf die Idee, es gelüste ihn nach 'was Anderem. Also verkauft
er seinen Laden an einen Aussenstehenden. Dieser geht Pleite und
schliesst in der Folge die Tore. Nun - der Verkauf von Büchern bringt
eben keinen Profit. Und sobald man das einsieht, muss man das Geschäft
wohl loswerden.
Ende
der Geschichte.
Daran gibt's nichts zu rütteln.
Aber wisst Ihr was?
Ich denke, für diese Art von Kaufhäusern gibt's eine Zukunft.
Wenn eine Boutique aufmachen würde, die Dienstleistungen in einem
Geschäft vor Ort anbietet, wäre ich sofort da. Und ich kenne viele, die
ebenfalls begeistert wären. Davis-Kidd war lokal das, was Apple
international ist: Ein qualitativ hochstehendes, spezielles Geschäft,
welches seinen Kunden Sorge trägt, ihnen zuhört und auf sie reagiert.
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