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Konzertbericht Rhythm & Blues Festival, De Oosterport, Groningen,
1. Mai 2010
Line-Up:
- Beth Hart
- Los Lobos
- Blizzards
- Cuby
- The Paladins **
- Jason & The Scorchers **
- Eli ‚Paper Boy‘ Reed & The True Lovers
- Bjorn Berge
- The California Honeydrops
- Dirty Sweet
- Imelda May
- Jason Isbell & The 400 Unit
- Po‘ Girl
- Telegraph Canyon
- Saint Jude
- Stefan Schill Band
- Tangerine Band & Friends **
- Eilen Jewell
- Chuck Mead & The Hillbilly Boogiemen **
* gesehen
Weshalb
fuhren wir hin?
Wieso
aus der Schweiz 10 Stunden Autofahrt nach Holland (mit einer gemieteten
Karre) auf sich nehmen?
Nun ja. Ein Grund war sicher Imelda May, die Irländerin. Deren Ehemann,
Darrel Higham, wir bereits in verschiedenen Formationen als
ausgezeichneter Gitarrist erleben durften.
Um’s kurz zu machen: Wäre sie der Hauptgrund gewesen, hätten wir
schlechte Karten gehabt. Sie sagte nämlich ab (aus unbekannten Gründen –
die waren in Holländisch aufgeführt). Auf die Los Lobos waren wir zwar
gespannt, doch glücklicherweise waren auch sie nicht der Auslöser für
die weite Reise. Was besser ist. Die Jungs sagten nämlich aus familiären
Gründen ab.
Die Türöffnung war um 19.00 Uhr, Festivalstart 20.00 Uhr. Wir trafen
etwas später ein und vermieden dadurch sicherlich den ersten Ansturm,
denn der Anlass zeigte sich ausverkauft.
Die erste Gruppe, die wir uns ansahen, waren Tangerine & Friends. Sie
begannen um 20 Uhr. Die beiden Sänger sahen von weitem aus wie der junge
Dylan. Also überraschte ihr Sound, etwas Bluegrass, etwas Folk, nicht
sehr. Mir gefiel die Band – eine relativ grosse Truppe, die einen
erstaunlich sanften, zarten Sound hinzaubern konnte. Für die
Festivalbesucher wohl etwas ZU sanft, denn viele verliessen nach einem
ersten Anhören den Saal. Obwohl ich dem Gesang nicht allzu viel
abgewinnen konnte (es waren Folk- keine Bluegrass-Stimmen), fand ich die
Texte und die Musik nicht übel. Mein Begleiter dachte anders darüber –
er ist eben kein Romantiker.
Eine lange Pause folgte. So setzten wir uns etwas hin. Von Weitem hörten
wir Telegraph Canyon (Texas), deren Sänger, Chris Johnson, eine raue,
gute Stimme besass. Aber das war’s für mich denn schon. Mich machten die
ständigen Taktwechsel und die Melodien, denen ich kaum folgen konnte,
extrem
nervös. Auch war die Band viel zu laut (wie alle anderen, die wir
sahen – mit Ausnahme von Tangerine).
Um 22.00 Uhr sollte Imelda May auftreten. Aber eben: Sollte. Leider war
die Absage in Holländisch verfasst, weshalb sie uns nicht auffiel. Also
ab in die Halle – um 21.30 Uhr. Uns fiel erst auf, dass wir
wahrscheinlich falsch lagen, als langhaarige Jungs die Bühne betraten.
Sie sahen wie Südstaaten-Rocker aus. Wir fürchteten, Imelda May zu
verpassen, also ‚raus aus der Halle und auf die Suche nach ihr. Nur –
die war aussichtslos. Zumal wir zuvor in der richtigen Halle waren und
schlichtweg die Absage nicht mitkriegten. Nebenbei gesagt: Die
Lückenfüller, Dirty Sweet, klangen nicht schlecht. Ganz in
Südstaaten-Manier hielten sie ihren Sound. Aber eben..wir waren ja auf
der Suche…. Bis wir den Flyer an der Scheibe entdeckten und ungern
dessen Inhalt kapierten. Also wieder ‚ne ungewollte Pause.
Als kam Chuck Mead mit den Hillbilly Boogiemen an die Reihe. Nun –
dieser Auftritt sollte uns nicht sehr überraschen.
Denn: Wir kennen die Hillbilly Boogiemen und wissen genau, dass wir uns
voll und ganz auf die hohe Qualität ihrer Musik verlassen können. Und
wir sollten uns nicht irren. Die einheimische Gruppe, die auch unter dem
Namen Bluegrass Boogiemen auftritt, machte unserer Meinung über sie alle
Ehre. Das Ensemble besteht aus Mandoline, Mundharmonika, Gitarre,
Schlagzeug bzw. Snaredrum, Banjo und Kontrabass. Chuck Mead konnte also
gar nicht versagen. Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass ich ihn
als Sänger voll und ganz akzeptiere, ja bewundere. Er erinnert mich wie
kein anderer heutzutage an Johnny Horton. Allerdings habe ich auch
geschrieben, dass ich von der Formation, mit der er in die Schweiz kam,
nichts halte und dass ich jenen Auftritt nicht goutieren konnte. Nun –
jeder verdient eine dritte Chance, nicht wahr? Und ehrlich gesagt, es
brauchte weder Mut, noch Überzeugung, um die Show anzusehen. Die
Hillbilly Boogiemen sind einfach ZU gut. Da konnte nichts schiefgehen.
Und genauso wenig beim Sänger – da musste schon Gott weiss was
passieren. Mit diesem Hintergrund gelangen die BR5-49 Songs tadellos.
Die Fiddle wurde zwar durch eine geniale Mundharmonika und eine
ebenso
tolle Mandoline ersetzt, doch manchmal ist etwas Neues besser, als wenn
man versucht, das Alte 1:1 zu kopieren. Und nicht nur die Hillbilly Boogiemen waren wie immer eins mit der Bühne und dem Publikum –Chuck
Mead schien sich ebenfalls wohl zu fühlen. Und sicher. Eine ganz, ganz
tolle Show – nur die Original-Band (BR549) kann die Hillbilly Boogiemen
übertreffen – und das bloss, weil es sich um das Original-Ensemble
handelt. Die Show dauerte– wie alle anderen – eine Stunde. Und länger.
Denn um Zugaben wurde gebeten und Zugaben gab’s. Unter den Songs, die
Mr. Mead während des Sets zum Besten gab, waren u.a. „Me ‚n‘ Opie“
sowie „Out Of Habit“. Die Show wurde, sofern ich mich erinnere,
mit „There Ain’t No Train To Memphis Anymore“ eröffnet.
Fazit: Ich rate Euch allen, wenn Chuck Mead mit den Hillbilly Boogiemen
irgendwo auftritt, die Show zu besuchen. Es lohnt sich.
Für Jason & The Scorchers um Mitternacht waren wir dank Mr. Mead etwas
spät dran. Als wir eintrafen, blendete uns zuerst Jason’s Äusseres. In
einem irren silbernen Westernhemd, dekoriert mit silbernen Fransen und
schwarzen Hosen, die an der Naht ebenfalls silberne Strass-Steinen
aufwiesen, machte Jason Cow Punk alle Ehre. Flugs fiel uns die
Lautstärke auf. Extrem, echt. Nachher hatte ich Mühe, normale Töne um
mich herum wahrzunehmen. Aber auch hier: Es hat sich gelohnt. Mr.
Ringenberg zeigte sich als der grosse Entertainer, der er ist. Obschon
er einen Notenständer benötigte, um die Lyriken abzulesen. Er ist halt
zu lange nicht mehr mit den Scorchers aufgetreten und wollte fairerweise
deren Hits bringen. Schwach an Stimme (meiner Meinung nach), macht er
alles mit seinem Charme, seinem Temperament (neben der Bühne ist er ein
ausgeglichener, ruhiger und äusserst intelligenter Junge) und den
Lyriken wett. Politisch engagiert zeigt er sich in den Liedern, auch
wenn er diese geschickt in Humor und Witz verpackt. Und Jason griff,
gleich seinem Vorgänger Chuck Mead, auf alte Scorchers Songs zurück –
mit dem Hinweis, dass viele Zuschauer noch nicht geboren waren, als die
Scorchers jene aufzeichneten bzw. vortrugen. Zu den gewählten Songs
gehörte u.a. „Absolutely Sweet Mary“. Nur „Hot
Nights In Georgia“, ausgerechnet das
Stück, das ich mit 18 Jahren zuerst zu hören kriegte und in das ich mich
hoffnungslos verliebte, ja verrannte, brachte Jason nicht. Doch wie
gesagt: Wir haben Mr. Ringenberg’s Auftritt nicht von Anfang an
mitgekriegt. Vielleicht brachte er den grössten Hit ja am Anfang?
Das Highlight hob Jason klever, wie er ist, bis zuletzt auf. Mir war
zwar vorher aufgefallen, dass Chuck Mead neben uns vor der Bühne stand,
doch ich nahm an, das war wie bei Dave Gonzalez von den Paladins. Der
hatte nämlich zuvor jeden Song von Chuck mit den Hillbilly Boogiemen
äusserst interessiert und begeistert verfolgt. Diesmal war wohl Chuck an
der Reihe, dachte ich mir. Aber weit gefehlt. Jason Ringenberg ist immer
für eine Überraschung gut. So rief er denn Chuck Mead auf die Bühne. Und
der liess sich nicht zweimal bitten. Ich denke, als er Jason
Ringenberg’s verrückten Stil nachäffte, („Lost Highway“) lachte keiner
mehr und lieber, als Jason. Dabei klang Chuck beinahe noch irrer, als
sein Nachäffungs-Objekt. Humor war bis dato etwas, das ich nicht
unbedingt mit Chuck Mead in Verbindung brachte. Aber weit gefehlt. Die
beiden Musiker hatten so viel Spass, dass sich dieser automatisch auf’s
Publikum übertrug. Und auch Jason durfte eine Zugabe geben.
Verdientermassen.
Web-Seite: www.jasonandthescorchers.com
Da die Los Lobos ebenfalls ausfielen, mussten wir für den Auftritt der
Paladins wiederum eine Stunde warten. Aber es lohnte sich. Dave
Gonzalez, den Sänger, haben wir zuletzt in Holland gesehen – mit den
Hacienda Brothers. Damals lebte sein Freund, Chris Gaffney, noch.
Nun sollte er mit seiner eigenen Truppe, den Paladins, auftreten. 30
Jahre lang gibt’s die Gruppe schon. Dave hat mit seinem
Klassenkameraden, Thomas Yearsley, das Ensemble einst gegründet. Und:
Dave ist, genau wie Jason Ringenberg, ein grosser Link Wray Fan.
Mittlerweile kehrte übrigens Brian Fahey als Schlagzeuger zu den
Paladins zurück.
Am Bass wirkt indes Joey Jazdzewski, einst Mitglied der James Harman
Band. Für mich erwies sich Joey als schwächstes Glied der Kette. Ich mag
die Art nicht, wie er Bass spielt. Meines Erachtens brachte er am
Festival den Takt des Trios durcheinander, da er sich selber ab und an
nicht daran hielt.
Dave Gonzalez wiederum ist bekannt als ausgezeichneter Gitarrist, was er
an diesem Abend einmal mehr bewies. Unterstützt hat ihn dabei Brian
Fahey. Dessen wahnwitziges Schlagzeugsolo am Showende zeigte einen
Stilsicheren, Rhythmus- und Taktsicheren Drummer, dem Wechsel aller Art
nichts anhaben können.
Auch die Paladins wurden am Festival um Zugaben gebeten – und dies,
obwohl sie bereits alles gegeben haben.
Übrigens konnten sie die Halle, trotz der frühen Morgenstunde (2 Uhr)
noch einmal füllen. Mit der Zeit verliessen zwar ein paar Zuschauer die
Halle, doch der ‚Kern‘ blieb den Paladins erhalten.
Nicht zuletzt ist dieser Erfolg der Fannähe der Gruppe aus San Diego zu
verdanken. Sie waren vor Ort präsent, sprachen mit den Fans, standen für
Fotos zur Verfügung und beobachteten die anderen Musiker anscheinend nur
allzu gerne.
Dave Gonzalez war es übrigens auch, der Becher, die die Zuhörer zuvor
achtlos zu Boden fallen liessen, vor der Bühne zusammenlas und sie
dorthin brachte, wo sie hingehörten: In den Abfalleimer.
Web-Seite: www.rockabilly.net/paladins/
Das Resümé betreffend Bluesfestival ist folgendes:
Einmal
mehr war es absolut gelungen. Zwar befremdeten die Absagen der Los Lobos
sowie Imelda May’s – aber was soll’s. Die übrigen Künstler haben ihren
Job mehr als gut gemacht.
Der Preis (37 Euro inkl. Servicekosten) war durchaus akzeptabel, die
Verpflegung vor Ort gut gelöst. Die Nähe zu den Künstlern, das Programm
und die freie Wahl desselben sprechen für sich. Die Brandbreite ist
gross, die Künstler treten gerne auf und werden vom Publikum begeistert
aufgenommen.
Es steckt viel Arbeit hinter der Organisation solcher Festivals. Schon
das Programm, auf dem nicht nur die Bands kurz erklärt sind, sondern
auch der Zeit- inklusive Saalplan nicht fehlt, spricht für die Liebe zur
Musik.
Ich hoffe, dass sich das Ganze auszahlt und das Festival noch lange Jahr
für Jahr stattfindet.
Web-Seite: www.rhythmbluesnight.nl/
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