Dank Botox kann Johnny Bush wieder singen
Der Taxi hat noch nicht richtig angehalten, als der Fahrer mich schon fragte, wohin er mich bringen soll. Zu Jovita's. Meinte ich. Wir waren bereits im Süden von Austin, also war's nicht allzu weit. Der Mann mag den Ort auch, also fragt er mich, wen ich mir ansehen wolle."

"Johnny Bush," antwortete ich.
"Johnny Bush!" ruft er. "Er schrieb: 'Whiskey River!' Und hatte einen grossen Hit mit diesem - vor  Willie Nelson!" In den nächsten paar Minuten, während wir die South Congress hinunterfahren, erzählt er mir von den kleinen Texas Labels, für welche Bush einst aufnahm. Oder von der Gürtelschnalle von Johnny Bush, die er besass und wieviele seiner Shows er besuchte.  Vor lauter Enthusiasmus überfährt er beinahe  Johnny Bush, der den Parkplatz vor Jovita's mit seinem Gitarrenkoffer überquert.
"Da ist er ja," sage ich, während ich meine Dollarnoten zähle. Der Fahrer lässt indes das Fenster hinunter und ruft: "Johnny!
Johnny!"
Bush winkt aus Distanz und nickt, während der Fahrer ein paar höfliche Worte an ihn richtet. Bush nickt erneut zustimmend und geht in den Klub hinein. Während er mir die Rechnung übergibt, meint der Fahrer, "Johnny Bush! Ich wünschte, ich hätte sein Autogramm!"
Selbstverständlich schreibt Bush, wie die meisten traditionellen Country-Künstler, sehr gerne Autogramme.
Man kann auch Fotos von ihm machen. Er meint, er würde sogar mit jemandem nach Hause laufen, würde derjenige das wünschen. Bush hat von den Besten gelernt.  Er arbeitete in  Ray Price's Band, später bei Willie Nelson.
Die ersten 3 Singles schrieb Bush für Nelson, inklusive seinen ersten Top 10 Hit, das 1968 erschienene "Undo the Right." Für Ray Price komponierte Johnny die nächste Nummer, gefolgt von  Marty Robbins' "You Gave Me a Mountain," 1969 ein Top 10 Hit. Diese Stücke wurden von vielen Texas Country-Sendern gespielt.
So dass Bush schliesslich ein gesuchter Mann im Honky Tonk Kreis wurde.
Der 72-jährige Bush erzählt: "Würden die Leute von heute wissen, was ein Honky Tonk war, käme niemand auf die Idee, etwas daran wär' chic oder glamourös. Die Honky Tonks meiner Zeit bestanden aus billigem Holz und verschlissenem Papier.  Die Bierdeckel, die man entfernte, wurden auf dem Parkplatz verteilt, wie Kies. Wenn es dort zu kämpfen kam, kriegten die Männern durch die Bierdeckel oft Stiche im Gesicht. Ein Honky Tonk war ein schrecklicher Ort."
Davon abgesehen, entwickelten sie sich zu etwas Besserem. Da Bush auf ein grosses Texas-Publikum zählen konnte, nahm ihn RCA Victor unter Vertrag.
Das Label bat ihn darum, einen Hit zu schreiben. Was er tat. Er komponierte "Whiskey River." Bis heute eröffnet Nelson jedes Konzert damit.
Als Bush jedoch 1972 die Single auf den Markt brachte, klang seine ausgezeichnete Stimme plötzlich fremd. Es gelang ihm nicht mehr mühelos, die gewünschte Note zu erreichen. (Sein Übername war "the Country Caruso.") Er dachte, Gott wolle ihn ob seinem ausschweifenden Lebenswandel bestrafen. So betrug er einmal seine Ehefrau UND seine Freundin, worauf beide Frauen Selbstmordversuche unternahmen.
"Ich dachte in der Tat, ich würde für meine Sünden bestraft," beteuert er. Denn, statt ihm Ruhm einzubringen, wurde "Whiskey River" zum Endpunkt. Er konnte nicht mehr singen. Er sprach, als würde ihm der Atem wegbleiben. So besuchte Johnny einen Psychiater und lernte Selbst-Hypnose. Dann kam die Diagnose.
"Als es zum ersten Mal geschah, vermied ich hernach Parties.
Ich wollte nicht mehr sprechen. Ich wollte keine Interviews mehr geben. Denn immer wieder fragte man mich nach meiner Stimme. Ich unterschrieb nicht mal mehr Autogramme. Ich rannte zum Bus, schloss die Türe und machte mich damit unbeliebt.
"Was ich machte, als man mir sagte, es sei nichts mit meiner Stimme, d.h. ich hätte keinen Krebs, keine Polypen, nichts - da begann ich zu denken: Eines morgens wache ich auf und alles ist weg.
Das hielt mich am Leben."
Und dieses Verhalten zahlte sich aus. Vor Kurzem fanden die Ärzte heraus, dass sich das Spasma mit Botox kontrollieren lässt. Also kriegt Johnny Injektionen in die Kehlmuskeln. Und jetzt, nach 3 Dekaden, in welcher er um seine Stimme kämpfte, hat er sie wieder.
Vor kurzem veröffentlichte Johnny Bush seine Audiobiografie Whiskey River (Take My Mind), geschrieben mit Rick Mitchell und veröffentlicht von der University of Texas Press. Darunter sind Geschichten von seinen Anfängen in den Honky Tonks, Berichte über das Treffen mit Country Musik Grössen jener Tage und das Abenteuer seiner Genesung. Eine passende CD, Kashmere Gardens Mud (Ice House Music), feiert seine Heimatstadt Houston. Der Titel kommt von der Gegend, in der er aufwuchs - und die er nicht schnell genug hinter sich lassen konnte.
Selbst heute hasst er Schlamm an den Stiefeln, erinnert er ihn doch an seine Kindheit. 

Wenn man ihn fragt, wo er heute stehe, antwortet Johnyn Bush prompt: "Ich bin auf meinem Höhepunkt. Gesünder denn je."
Bush hat in den vergangen Jahren eine Kirche in San Antonio gefunden. Hier darf er im Gottesdienst mitsingen. Der Priester verneinte übrigens Johnny's Annahme, der Stimmverlust sei eine Strafe Gottes. Jeden Tag läuft Johnny 2 Meilen. Er und seine Frau Lynda müssen nicht mehr Agenten kontaktieren. Diese rufen zuerst an. Seine Gage hat sich beinahe verdoppelt.
Und das Beste zuletzt: Johnny Bush kann wieder singen. Zwar in tieferen Tönen, aber die Resonanz klappt.
Und nach der Show wird er alles gewünschte unterschreiben.
 
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