Walk The Line  (Johnny Cash 1932 – 2003)

 

 Web-Site: www.walkthelinethemovie.com 

 Rollen:

-        Joaquin Phoenix           /  Johnny Cash
-        Reese Witherspoon      /  June Carter Cash
-        Ginnifer Goodwin          /  Vivian Liberto, 1. Ehefrau von J. Cash
-        Robert Patrick             /   Ray Cash, Vater

 Wo fange ich an? Bei den 3 Oscar-Nominierungen? Beim Film? Alles falsch. Bei Johnny Cash natürlich. Ich habe ihn 2 x gesehen, beide Male in der Schweiz. Einmal im Zürcher Hallenstadion anlässlich des Marlboro-Festivals, einmal in Basel. Dennoch bin ich KEIN Johnny Cash Fan. Ein Freund meinte einst ziemlich verächtlich, der würde ja gar nicht singen, sondern sprechen. Egal. Was immer er tat – Johnny Cash wirkte stets mächtig und immens stark. Dass er das nicht war, macht der Film überdeutlich. 

Es muss festgehalten werden, dass Joaquin Johnny Cash und seine Lebensgeschichte vorab genauestens studierte. Zudem hat sein Bruder, River Poenix, bereits im Streifen „Nashville“ mitgewirkt. Joaquin selber findet, es hätten sich geeignetere Darsteller als ihn gegeben. Was für Joaquin zählte war, dass The Man in Black mit dem, was er von den Dreharbeiten vor seinem Tode noch mitkriegte, einverstanden war. Geehrte fühlte sich Joaquin, als ihn J. Cash zum Essen einlud. Der Schauspieler hält fest das, was ihn damals am meisten berührt hätte, sei die Liebe gewesen, die er zwischen June + Johnny überdeutlich spürte.  

Aber nun zum Film. Das Kino fasste ca. 100 Plätze, der Eintritt kostete Fr. 13.- (hah! Montags ist es immer billiger) und wir waren ca. 20 Leute.  

Der Film fängt da an, wo er auch aufhört – im Gefängis. Die Musik war – wie zu erwarten – zu laut. Anfangs ging ja der Gesang Joaquin’s noch, d.h. er war besser als erwartet, aber Reese’s ......

Ein paar Namen klangen von Anfang an vertraut, etwa derjenige von Luther Perkins, dem Bassisten, der eigentlich für den Johnny Cash Sound verantwortlich war. Im Film wird auch klar gezeigt, wieso. Das gefällt. Dann ist da Sam Phillips, der Besitzer der Sun Studios von Memphis. Seine Rolle ist ebenfalls sympathisch. Dasselbe gilt leider nicht für J. Cash’s Vater. Wieso die Mutter und die Geschwister im ganzen Streifen eine winzige Nebenrolle spielen, bleibt unklar. Was auch gänzlich weggelassen wurde (wen wundert’s?) sind J. Cash’s indianische Wurzeln. Traurig und schockierend ist sicher der Tod von J. Cash’s Bruder. Die erste Tragödie im Leben des Jungen (neben seiner schwierigen Beziehung zum Vater).  

Dann geht alles sehr schnell. 2 Hauptthemen ziehen sich durch den Film wie ein roter Faden: Die Sucht und die Liebe. Wobei beide sehr eng miteinander verknüpft werden. Etwas zu eng, finde ich. Irgendwann feiert die Band bei einer Tournee ein überstandenes Konzert mit Alkohol – und Pillen. Die nächste Szene zeigt die gleichen Personen vor dem Konzert. Konsumiert wird erneut. Auch bei den Proben. Und irgendwie wird dann plötzlich alles vermischt:

Die Musik, der Stress, die abgewiesene Liebe (ob der Sucht), die Wut, die Enttäuschung, der Schmerz. Und der Versuch, entweder alles zu kitten (wie die Beziehung zum Vater) oder alles zu zerstören (u.a. das Hotelzimmer).  

Zu den Musikstücken zählen: Get Rhythm, I Walk The Line, das obligate Wildwood Flower, Lewis Boogie, Ring of Fire, Jackson, Cry Cry Cry, Folsom Prison Blues, That’s All Right, Juke Box Blues, It Ain’t Me Baby, Home Of The Blues, Cocaine Blues. 

Bei “Get Rhythm” fiel mir auf, dass das Gitarrenband extrem lang war. Ich weiss, dass J. Cash dieses Faible auch hatte, aber bei Joaquin wirkt’s irgendwie lächerlich. Was man dem Typen auch nicht abkauft, ist die Aggression.

Reese wiederum, die June spielt, wirkt eingebildet. Als stolze Besitzerin von Original-Videos aus der grossen Zeit der Opry, wo June mit ihrer Familie auftritt, bleibt mir nicht umhin, dies zu berichtigen. June ist alles, nur nicht stolz. Sie wirkt so natürlich wie die „Wildwood Flower“, die sie besingt. Reese nehme ich das nicht ab. Keinen Moment lang.  

Die Reise des Man in Black beginnt in Represa, Cal., führt 1943 nach Dyers, Arkansas, zieht den Künstler nach Memphis, Tennessee, später in die Stadt Texarcana, TX., (wo Jerry Lee Lewis in Erscheinung tritt – übrigens sehr gut dargestellt). Der Film zeigt 1965 den Tour Caravan, führt die Zuschauer weiter nach Wheeling, VA., dann in die Pause (natürlich im besten Moment – wie immer).  

Nach 30 Minuten beginnt die Reise wieder in Carita Springs (1964) und führt schliesslich – wie kann’s auch anders sein – nach Nashville. Hier möchte ich mich schnell aufhalten. Waylon Jennings ist mein Star. War’s immer schon, seit ich ihn in den 70er Jahren im Fernsehen sah und hernach das Vergnügen hatte, ihn 3 x Live zu erleben. Scooter Jennnings gegenüber war ich anfangs skeptisch, seine CD finde ich aber genial. Und nun das. Auch in 5 Minuten wirkt der Jüngling absolut lächerlich. Zumal völlig vollgedröhnt. Seine Rolle besteht zwar nur aus einem Satz, aber zumindest für mich widerspiegelt dieser Moment die Sucht genau so sehr wie der übrige Teil des Films. Ich hoffe inständig, meine Gefühle trügen.

Interessant ist dessenungeachtet, wie Johnny Cash auf die Idee mit dem Gefängnis, mit Folsom Prison, kommt........leider wird nicht erwähnt, dass der Briefschreiber, Glen Shirley, nach seiner Entlassung selber eine Songwriter Karriere anstrebte (unterstützt von Johnny), die aber kläglich im Sand verlief, obwohl es an Talent nicht fehlte.  

Schliesslich folgt dann der x-te Heiratsantrag. Diesmal auf der Bühne des Ryman-Auditoriums: June wird dabei beinahe dazu gezwungen, diesen anzunehmen, wird er doch vorm gesamten Publikum gemacht. 

Auch hier gilt wieder: Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass June an der Sucht J. Cash’s permanent die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Auch das Scheitern seiner ersten Ehe (Ginnifer ist übrigens selber aus Memphis, vielleicht wirkt sie deshalb überzeugend) hat zumal im Film sehr viel mit der Person June Carter zu tun. Meiner Meinung nach dringt ebenfalls zuwenig durch, wie der Man in Black seine Abhängigkeit schliesslich meisterte – nämlich durch den Glauben und auch mit Hilfe June’s (okay, eine kleine Szene gibt’s, da jagen June & Familie Johnny’s Kumpel vom Acker, die mit ihm „feiern“ wollen).  

Schade auch, dass Johnny’s extreme Verehrung, die er für die Carter Familie von Anfang an aufbrachte, ungenügend klar wird. Okay, der Junge hört im Radio die Carter Familie. Ist fasziniert. Der Mann Johnny Cash lädt Mutter Maybelle mit June zum Essen ein. Aber sonst? Hat nicht gerade die Carter Familie als willkommener Familienersatz gedient? Und ihm einen gewissen Halt gegeben? Und Johnny hat sich ja auch für die Erhaltung der Carter-Musik in späteren Jahren extrem stark gemacht. 

Wie auch immer. Der Film endet bald. Der Heiratsantrag wird angenommen und Johnny tritt in Folsom Prison auf, wo er gebührend empfangen und gefeiert wird.  

Ein echt amerikanisches Happy-End, nicht wahr? 

Versteht mich bitte nicht falsch. Der Film ist der Hammer. Aber nicht wegen Johnny Cash. Erinnert Ihr Euch noch an Christine F.? Den Berliner Film über Drogen? Mir kam der immer zu „lahm“, zu – nun – unrealistisch, zuwenig abschreckend vor. Mit „Walk The Line“ ist das ganz anders. Süchtigen wird die Sucht bewusst gemacht und jenen, die mit Süchtigen in irgendeiner Form zu tun haben, wird klar werden, dass es nur einen Weg da raus gibt: Durch eigenen Willen. Die Message des Film kommt also klar durch. Was ich mich frage ist, ob dabei der Künstler Johnny Cash nicht auf der Strecke bleibt. 

Nun noch etwas ganz anderes zum Schluss: Beim Abspann am Ende fiel mir auf, dass die musikalische Aufsicht einmal mehr T. Bone Burnett oblag. Ich möchte deshalb an dieser Stelle ein Wort für ihn einlegen. Als musikalischer Direktor hat er dafür gesorgt, dass Joaquin’s & Reese’s Auftritte als Johnny & June auf der Bühne einigermassen glaubhaft wirken. Wen wundert’s, dass er u.a. schon Jimmy Dale Gilmore produziert hat und auch für den Soundtrack zu „Oh Brother, where are thou“ verantwortlich war? Übrigens wirkten keine geringeren als Jamie Hartford (John Hartford’s Sohn), Norman Blake und Cowboy „Jack“ Clement bei den Sessionen zum Soundtrack von „Walk the Line“ mit. Was ob deren Herkunft ziemlich erstaunt (zumal bei Jamie und Norman).  

Beschliessen möchte ich die Kritik mit dem eindrücklichsten Satz des Films (von Sam Phillips gesprochen): 

„Es kommt nicht drauf an, ob Du an Gott glaubst. Wichtig ist, ob Du an Dich selber glaubst.“