Der
berühmte Gitarrist wünscht sich, auch andere "A Team" Mitglieder würden zusammen
mit ihm aufgenommen
(Vermerk
des Schreibers: Harold Bradley wird neben Sonny James und George Strait am 6.
November 2006
anlässlich der CMA Awards in die Country Music Hall of gewählt.)
Harold Bradley ist ein Team Player.
Nicht einmal die Aufnahme in die
Country Music Hall of Fame hält den 80-jährigen davon ab, sich zu wünschen, dass
neben ihm weitere Mitglieder des A-Teams ebenfalls dieselbe Ehre zuteil käme.
Jene Gruppe hat bei praktisch jedem Hit, der Ende der 40er Jahre bis gegen Ende
der 70er Jahre hinein in Nashville entstand, sprichwörtlich die Finger im Spiel
gehabt.
Natürlich erwartet man von einem Typen, der seit 15 Jahren die Nashville Abteilung der American Federation of Musicians (Musikervereinigung) führt, nichts anderes. Wenn er nicht gerade aufzeichnet, ist Bradley ständig damit beschäftigt, lokale Musiker zu organisieren und zuzusehen, dass sie genügend und fair bezahlt werden.
Jeder echte Country Musik Fan kennt Harold Bradley.
Wenn auch
nicht gerade seine Biografie, so doch sicherlich seine Hits, die er mittels
Gitarre schuf. Darunter Alan
Jackson's "Here in the Real World," Patsy Cline's "Crazy," "I Fall to
Pieces" und "Sweet Dreams," Lefty Frizzell's "Long Black Veil,"
Eddy Arnold's "Make the World Go Away," John Anderson's "Swingin',"
Loretta Lynn's "Coal Miner's Daughter" und Roy Orbison's "Crying,"
um nur wenige zu nennen.
Weitere wären: Burl Ives' "Holly Jolly Christmas," Hank Williams' "Rambling
Man," Elvis Presley's "Devil in Disguise," Roger Miller's "King of
the Road," Jim Ed Brown's "Pop a Top," Tammy Wynette's "Stand by
Your Man" und Conway Twitty's "Hello Darlin'."
In den vergangenen 60 Jahren
war Bradley stets am Arbeiten. Dadurch wurde er als "the most recorded session
musician in history" (der Session Musiker, der in der Geschichte am häufigsten
aufgezeichnet wurde") bekannt.
"Falls jemand denkt, er habe mehr als ich aufgenommen," meint er mit einem
Grinsen, während er an einem Tisch in der Union Hall sitzt, "Werde ich die
Hälfte und die anderen die Hälfte berappen, während jemand die Hits nachzählen
muss."
Selbst Harold
weiss nicht, wie viele Sessionen er bestritten hat, aber er nimmt an, es handle
sich um "Tausende".
Seit 1959 meint er, hat er in Session-Währung mehr als $2 Millionen gemacht. Und
es kommen noch immer welche hinzu. Kürzlich waren seine Klienten der
Gospel-Sänger Aaron Minick, die Hawaiianische Sängerin Melveen Leed und die
irische Künstlerin Sandy Kelly.
Bradley lernte selber das Gitarrenspiel, kam aber professionell durch seinen
älteren Bruder, Owen Bradley (11 Jahre älter) dazu. Obwohl er als Big Band
Musiker begann, wurde Owen Bradley zum erfolgreichsten Produzenten innerhalb der
Country Musik. 1974 kam Owen
in die Country Music Hall of Fame.
"[Gitarrist] Billy Byrd
begann, ein Mädchen zu treffen, das in meiner Strasse wohnte, als ich 12 Jahre
war", erinnert sich Bradley. "Er kopierte den Stil von Charlie Christian, der
erste bekannte elektrische Gitarrist. Billy wollte jenes Mädchen treffen und
trug die Rhythmus-Gitarre mit sich, eine elektrische Gitarre und einen
Verstärker. Ich übernahm die Rhythmus-, er die elektrische Gitarre.
Neben Christian sind Harold's Gitarren-Helden George Vaughn, Les Paul, Chet Atkins, Hank Garland, Grady Martin, Barney Kessel und Joe Pass. "Ich tendiere eher zu den Jazz-Spielern", erklärt er, "denn ich komme aus der Big Band Ära."
1943, nach
Beendigung seiner Schulzeit (Harold besuchte Nashville's Isaac Litton High
School), jobbte Bradley in Ernest Tubb's Band. "Owen rief an und meinte: 'Hör'
zu, Tubb's Gitarrist hat gekündigt. Wieso gehst Du nicht mit ihm auf Tournee in
diesem Sommer?' Ich meinte: 'Wie bitte! Und diese alte, körnige Country Musik
spielen?'"
Aber schliesslich liess sich Harold überzeugen. Während des Prozesses
entwickelte er sich zum zweiten elektrischen Gitarristen, der in der Grand Ole
Opry auftreten durfte. Das Instrument war zuvor von der dortigen Bühne verbannt
wurde, doch Tubb weigerte sich, ohne elektrische Gitarre aufzutreten.
"Bis er starb,
waren Ernest und ich die besten Freunde", erinnert sich Bradley. "Er kam am
Morgen jeweils vorbei, nahm mich mit und wir traten in einer Radio-Morgenshow
auf. Hernach gingen wir zum Pie Wagon, in der Nähe der Seventh [Avenue], bei dem
Radiosender WSM. Wir assen Frühstück und dieser Typ, Eddy Arnold, tauchte dort
alleine auf. Gelegentlich bin ich Eddy in der Opry begegnet, als er noch mit Pee
Wee King & the Golden West Cowboys musizierte".
Nach dem Frühstück, so Harold, "Sprangen Eddy und ich auf die Strassenbahn und
liessen uns von ihr am Ende der North First Street absetzen, gerade dort, wo sie
zur Dickerson Road wird. Von dort aus musste ich nicht lange zu meinem Haus
laufen, während Eddy in die Trinity Lane spazierte, wo er einen Wohnwagen stehen
hatte. Auch wir wurden zu
Freunden. Als ich aus der
Navy kam, heuerte er mich für die Opry an. Ich bin ihm dafür wirklich dankbar.
Und ich bin ihm dankbar dafür, dass er mich bei seinen letzten 3 Alben
mitspielen liess. Es war mir
ein Vergnügen."
Nach 2 Jahren
Navy schrieb sich Harold in Nashville's George Peabody College ein. "Ich konnte
keine Noten lesen", erinnert er sich. "Ich versuchte es zwar, aber ich musste
mich auf den Bass konzentrieren, da es keinen Gitarrenlehrer gab. Mit 35 Jahren
stellte mich Chet [Atkins] einem klassischen Gitarristen vor, der an der Blair [Academy]
unterrichtete. Er hiess Bunyan Webb. 3 klassische Gitarrenstunden nahm ich bei
Bunyan. Aber zu einem Grundtraining kam es nie."
1946 bestritt Bradley seine erste Session. Dabei begleitete er King. Die Session
fand in Chicago statt.
"In Nashville
existierten noch keine Aufnahme-Studios", erklärt er. "Die Leute werden's nicht
glauben, aber die Aufnahme-Industrie in Nashville geht auf das Jahr 1947 zurück
[damals öffnete das Castle Recording Studio Tore]. Jeder geht davon aus, die
Aufnahme-Industrie sei von jeher in Nashville gewesen, aber das stimmt nicht."
1947 heuerte Owen Bradley seinen kleinen Bruder an. Er sollte für einen
Nashviller Juwelier einen Werbesong einspielen. "Ich kriegte dafür $17. Das
Stück lief sicherlich 17 Jahre lang. Ich war ausserordentlich glücklich auf dem
Weg nach Hause, als mein Stück im Radio erklang. Ich dachte mir: "Junge, ich
kann's schaffen. Es ist doch immer wieder eine grosse Ehre, etwas am Radio zu
hören, das man selbst gemacht hat."
Nachdem sie sich anfangs 50er Jahre ins Filmgeschäft wagten, eröffneten die
Bradley Brüder das erste Aufnahme-Studio 1955 an der 16th Avenue South. Dieser
Komplex wurde später zu dem, was heute als Herz der Music Row bekannt ist.
"Grundsätzlich
taten Owen und ich alles für die Musik," betont Harold. "Wir Idioten taten es
nicht um des Geldes Willen. Die Knete kam zwar 'rein. Doch als wir das Studio --
the Quonset Hut -- verkauften, hatten wir Schulden. In 10 Jahren besassen wir 3
Studios und kriegten kein Salär oder machten irgendwelches Geld. Alles, was wir
kriegten, investierten wir erneut ins Geschäft - in Fernsehshows, Tanzbands,
Aufnahmesessionen und alles, was gerade anfiel."
(Lustigerweise war einer der erste Hits aus dem Quonset Hut Sonny James' "Young
Love" im Jahr 1956. In den Country- wie auch in den Pop-Charts platzierte
sich das Stück auf dem ersten Rang. James wird gemeinsam mit Bradley in die Hall
of Fame aufgenommen.)
Owen Bradley wurde zum Boss von Decca Records (später MCA) im Jahr 1958 und
konzentrierte sich deshalb auf die Produktion von Stars - solche wie Patsy Cline,
Loretta Lynn, Webb Pierce, Red Foley und Brenda Lee. Harold Bradley beteiligte
sich indessen an Sessions für alle Labels.
In den 60er Jahren wurde Harold ein selbständiger Aufnahme Künstler. Für Columbia entstanden Alben wie Misty Guitar, Bossa Nova Goes Nashville und Guitar for Lovers Only. Mit von der Partie waren die Anita Kerr Singers. Es entstanden essentielle Pop-Alben mit etwas Country gewürzt.
"Ich weiss, dass Columbia mich als Antwort auf Chet Atkins einstellte", gibt Bradley zu. "Aber auf Chet Atkins gibt es keine Antwort. Und ich spielte nicht auf diese Art......Trotzdem bin ich noch immer sehr stolz auf meine Alben."
Da er sehr
gefragt war, gewöhnte sich Bradley daran, vierstündige Sessions an einem Tag
abzuhalten. Gewöhnlich machte er 5 am Stück und gönnte sich dazwischen lediglich
ein Nickerchen. Dafür ging
er selten auf Tournee. Auf
dem College tourte er ein paar Wochen mit Pee Wee King durch Texas. Erst 1984
ging Harold auf Tournee. Er kam mit seinem alten Freund, Slim Whitman, nach
England. Auch mit Floyd Cramer tourte er dort, während er in Irland Sandy Kelly
begleitete. Aber meistens hielt sich Harold Bradley in Nashville auf.
Bradley gibt zu, dass er nie voraussagen konnte, welcher seiner Sessionen ein
Hit entsprang. "Es gab so vieles, das wir taten, so gute Musik, dass ich erst,
als ich mich mit Produzieren befasse und nach Hits Ausschau halten musste, der
Musik ganz zuhörte. Allen Künstlern sagten wir, wir wären das Wichtigste an der
Session. Aber wir belogen sie. Das Wichtigste sind sie."
Viele Sessionen waren einzigartig und sind deshalb Harold in guter Erinnerung
geblieben. So kann er sich erinnern, dass er und seine Kollegen 4 Stunden
benötigten, um den richtigen Sound zu Patsy Cline's "Crazy,"
hinzukriegen. Produzent war
Owen Bradley.
"Damals schufen wir anlässlich einer Session 3 oder 4 Songs. Wenn nicht, fühlten
wir uns mies. Aber meinem Bruder machte das nichts aus.
Für ihn zählte nur die Aufnahme,
die er haben wollte."
Eine Sache, die die Session erschwerte war, dass Patsy nicht vor Ort war, um ihren Gesang festzuhalten. Sie erholte sich noch immer von dem schweren Verkehrsunfall, bei dem sie ein paar Rippen brach. Auch Willie Nelson's Demo half nicht weiter. Owen Bradley hörte den Song völlig anders. Deshalb musste er die Musiker durch das Stück begleiten, Phrase für Phrase. Es gab keine Notenblätter, nicht mal die übliche Auflistung, an die sie sich halten konnten. Dennoch war Harold mit der Endversion völlig zufrieden - genau wie Millionen von Fans.
"Dann gab es
diesen Song, den ich mit Alan Jackson machte," erzählt Bradley, bezogen auf "Here
in the Real World." "Ich ging nach Hause und sagte meiner Frau: 'Dieser Typ
ist ein echt guter Sänger, aber ich weiss nicht, ob er's schaffen wird, denn die
Dinge tendieren momentan nicht Richtung Country'".
1962-1967 nahm Harold mit
Elvis auf. "Mit ihm konnte man gut arbeiten. Er kapierte schnell.
Er lief ins Studio, hörte sich
Demos an. Jede Menge Demos. Wenn er eines fand, das ihm passte, schien er den
Song zu kennen, bevor er vor dem Mikrophon stand."
60 Jahre lang hat Harold Bradley die Höhen und Tiefen der Country Musik
beobachtet. Er sucht stets die Balance zwischen der Integrität, die Kunst mit
sich bringt und der Nachfrage des Geschäfts. Seiner Meinung nach haben sich die
Musik wie das Geschäft drastisch verändert.
Und dies innerhalb der letzten 2, 3
Jahre. "Country Musik ist Rock 'n' Roll," überlegt er. "Wir haben die Country
Musik Kunstform verloren."
Aber diese Spurwechsel hat
Harold Bradley schon zuvor erlebt. Er weiss aus Erfahrung, dass die Country
Musik dem Rock stets etwas entgegenzusetzen hatte. Atkins und Owen Bradley waren
ja schliesslich für den Nashville Sound verantwortlich, der aus Violinen und
Chören bestand. Er war ihre Antwort auf die erste Rock Invasion. Buck Owens'
Bakersfield Sound, erinnert sich Harold, konnte ebenfalls mit den Beatles
konkurrieren.
"Wir haben immer bei Null begonnen und uns in Kreisen bewegt," meint Bradley. "Gegenwärtig fürchte ich mich schon etwas, trotzdem verkaufen sie Aufnahmen wie verrückt. Wenn man bedenkt, dass Marty Robbins einen Nr. 1 Hit mit 30'000 verkauften Platte hatte.......
Heute gibt es Leute, die verkaufen 2 ½ Millionen pro Jahr..... und keine eigentlichen Country Werke. Könnte sein, dass sie etwas richtig machen. Solange sie's in Nashville tun, werde ich auf ihrer Seite sein."
Howard Bradley hat nie erwartet, in die Country Music Hall of Fame aufgenommen
zu werden. Sie ist normalerweise Songwritern und Sängern/Sängerinnen
vorbehalten. Aber vor 3 Jahren hat die Hall den verstorbenen Pianisten Floyd
Cramer, ein Original-Mitglied des A Team's, aufgenommen. Jetzt, mit seiner
Nomination, hofft Bradley darauf, dass schnell auch die übrigen Mitglieder, d.h.
Gitarrist Ray Edenton, Hank Garland und Grady Martin, Steel-Gitarrist Pete
Drake, Schlagzeuger Buddy Harman, Fiddler Tommy Jackson, Bassist Bob Moore,
Pianist Hargus "Pig" Robbins, Saxophonist Boots Randolph und
Mundharmonikaspieler Charlie McCoy nachfolgen.
"Die Jungs haben diese Stadt 30 Jahre lang getragen", begründet Bradley seine
Meinung. "Auch alle anderen wichtigen Musiker, die vor dem A Team existierten,
als die Nashviller Aufnahme-Industrie gerade auf die Beine kam, würde Harold
gerne aufgenommen sehen. "In dieser Stadt sind sie völlig vergessen und werden
finanziell komplett ignoriert", sagt er. "Ich blute für sie und ich wünsche, ich
könnte irgendwas bewegen."
Harold Bradley
stimmt den kritischen Stimmen nicht zu, die meinen, er habe stets im Schatten
seines Bruders gelebt. "So habe ich's nie empfunden", erklärt er. "Ich vermisse
Owen und ich werde verrückt darob, wenn ich bedenke, wie früh er uns verlassen
hat. Ich wünschte, er wäre noch immer unter uns. Wir haben alles bloss für die
Musik getan. Wir haben uns gestritten. Ich war stets dafür, mehr Akkorde in
einen Song einzubringen, während Owen sie alle streichen wollte. Aber trotzdem
war er stolz auf mich und ich war extrem stolz auf ihn."
Alles zusammenfassend, schliesst Harold Bradley mit:
"Es war ein
wunderbares und sinnvolles Leben - als Popmusiker zu beginnen und als
Country-Musiker ein wunderschönes Leben zu führen. Oder als
Rock'n'Roll-Interpret, wenn ich darin auch nicht sehr erfolgreich war. Doch ich
habe meinen Teil gelernt."