Das Zürcher Albisgüetli ist seit Jahr und Tag für
Konzertbegeisterte ein beliebter Ausflugsort. Mit dem Auto gut zu erreichen,
brauchen die öffentlichen Verkehrsmittel einige Zeit (vom Hauptbahnhof aus ca.
30 Minuten), bis man schliesslich vor dem schlossähnlichen Gebäude steht. Und
dann bereits eine Schlange vor der Kasse stehen hat.
Diesmal war beim Eingang Frau Von Allmen mit CD's vertreten, neben ihr der ultimative Cowboyhut-Stand....
Die Sitzverteilung werde ich nie kapieren. Auch gestern hatten wir wieder einen relativ schlechten Platz, gleich da, wo die Bands durchliefen (auf Tuchfühlung, also). Von der Seite klingt der Sound nicht gerade optimal, ehrlich gesagt. Aber er war besser als am Festival. Vielleicht, weil die holländische Vorgruppe den PA-Mann gleich selbst mitbrachte.
Kurz vor Beginn war das Völkchen einigermassen platziert. Es waren deutlich weniger Leute anwesend als am "längsten Country Festival der Welt."
Die Maverick Dancers liessen sich dadurch davon jedoch nicht abhalten. Sie eröffneten die Show. Mit einer Line-Dance Einlage (alle im selben Dress, wenn auch verschiedenfarben) wurde der Abend eingeläutet. Die Musik war von Anfang an einmal mehr zu laut. Kann sein, dass viele inzwischen Gehörschäden haben und deshalb alles aufgedreht wird, aber für solche, die noch ganz gut lauschen können, ist die Lautstärke ein echtes Ärgernis.
Doch zurück zu den Line-Dancers. Der Sound war abwechslungsreich, sogar Louie Bega trällerte ein Liedchen (was der allerdings mit Country Musik am Hut hat, ist ein Rätsel). Das einzige Stück, das ich kannte und mochte, war "Hillbilly Rock" von Marty Stuart.
Um ca. 20.30 Uhr betraten Pinchitos Caliente aus
Holland die Bühne. 7 Mann (elektr. Bass, Schlagzeug, Akkordeon, 3 Gitarren,
Steel-Gitarre) zählte die Band, die kaum auf der Bühne Platz fand. Die Jungs
waren schon vorher im Saal verteilt und beobachteten das Publikum.
Die Pinchitos Caliente machen Tex-Mex im Stile der Texas Tornados. Ihre Stärke ist sicherlich der Akkordeonist. Sein Instrument stieg während des einstündigen Konzertes mittendrin zwar aus, aber der "Unfall" wurde geschickt überspielt und fiel keinem weiter auf.
Was mich an der Band ein wenig störte war, dass immer derselbe Typ sang und Harmonien nur selten zum Zuge kamen.
Tex-Mex, die Folksmusik Mexikos, zeichnet sich nämlich durch die vielstimmigen Gesänge aus. Wenn man die Mariachi-Bands beobachtet, fällt sofort auf, dass sich ihre Mitglieder am Leadgesang abwechseln oder zumindest mehrstimmig singen. Denn mit Tex-Mex ist es wie mit Western Swing und Dixieland: Zuviel wird öde.
Aber die Pinchitos Caliente kämpften sich tapfer durch. Sie wechselten ständig das Tempo, brachten bekannte und weniger bekannte Nummern (z.B. "Marina"), darunter viele Stücke der Texas Tornados, die sie auch immer wieder zitierten.
Eine äusserst sympathische Band, die während ihres Auftrittes den Kontakt mit dem Publikum suchte (z.B. indem der Sänger im Publikum herumspazierte) und auf dieses einging.
Um 21.15 Uhr gestattete sich die Truppe eine kleine Pause. Inzwischen konnten ein paar Mitglieder der All-Star Hillbilly-Band im Publikum gesichtet werden. Es wurden Fotos gemacht, Gedanken ausgetauscht, usw. Auch die Stars zeigten sich also Publikumsnah.
Um 21.35 Uhr musizierten die Pinchitos Caliente wieder drauf los. Erneut voller Energie, diesmal wurde das Akkordeon zum Rock'n'Roll Instrument umfunktioniert. Klingt gut, Rock'n'Roll auf der Ziehharmonika!!!
Mein Favorit war "Wasted Days And Wasted
Nights" (Freddy Fender) das mir in der Interpretation von Lazy Lester,
einem meiner Lieblings-Mundharmonika-Spieler und Blues-Künstler, am besten in
Erinnerung ist.
Dann folgte ein Aufruf der Band an die Maverick-Typen. Zuerst schienen diese der Einladung auf die Bühne nicht folgen zu wollen, aber schliesslich gesellte sich Reynolds und Paul Deakin zu den Pinchitos Caliente – jetzt ging die Party erst richtig los.
Zu meinem Unverständnis mussten die Holländer keine Zugabe geben. Das hätten sie verdient. Zumindest das Mitglied, welches trotz Magengeschwür angereist war.
Faszit: Der Musikstil ist zwar nicht der gängige, aber gerade deshalb sehr sympathisch und die Qualität der Holländer liess nichts zu wünschen übrig.
Um 22.15 Uhr folgte ein Workshop in Line-Dancing.
Um ca. 22.35 Uhr betraten dann die Hillbilly-All-Stars
die Bühne. Vorderhand bestand die Truppe aus Chuck Mead (Lead Gesang/BR549),
Mark Miller (Gitarre/BR549), Robert Reynolds (Gitarre/The Mavericks), Paul
Deakin (Schlagzeug/The Mavericks), ? (Fiddle hat auch schon mit BR549
musiziert) und ? (Keyboard). Es sei gesagt, dass ich die Mavericks nicht mag.
Aber Chuck Mead. Seine Stimme gehört zu den Besten, die aus Nashville kommen.
Und das bewies er einmal mehr an diesem Abend. Aber vorderhand fiel vor allem
Paul Deakin am Schlagzeug auf. Er mag ja ein guter Musiker sein, aber halt
wieder einer, der das zu beweisen glaubt, indem er möglichst stark auf sein
Instrument 'reinhaut. Ich hätte mir ehrlich gesagt Shaw Wilson (BR549) an
Paul's Stelle gewünscht. Der ist sich nicht zu schön, auch mal mit Brushes zu
spielen. Und Don Herron an der Fiddle wäre mir auch einiges lieber gewesen
(aber der zieht ja momentan lieber mit Bob Dylan 'rum). Doch wie sagt der Ami
so schön "Beggars can't be choosers".
Die Gruppe wurde von Anfang an grosszügig vom Publikum aufgenommen. Chuck Mead hat sich durch seine viele CH-er Auftritte eine eigene Fan-Gemeinde schaffen können, was er meines Erachtens auch verdient hat. Die Stimme des Sonnyboys erinnert immer wieder ein wenig an Johnny Horton. Und: Chuck Mead ist kein "Crooner". Er lässt die Stimme nie fallen, wie so viele seiner Artgenossen. Ein starkes Stück, der Kleine.
Schliesslich betrat Joy Lynn White, meine heimliche
Favoritin, die Bühne. Joy ist immer dieselbe, ob in Nashville oder in Europa.
Bescheiden, fast scheu, etwas unscheinbar. Aber das gilt nicht für ihre Stimme,
denn die ist in der Tat sehr kräftig.
Allerdings enttäuschte sie vorerst. Joy eröffnete ihren Auftritt nämlich mit einem neuen Stück, das für meine Ohren zu sehr nach Real Country tönte. In Erinnerung hatte ich die kleine Intepreten keineswegs auf diese Weise. Joy Lynn White ist ein Country Girl ganz im Sinne eines jeden Traditionalisten. Aber mit ihrer neuen Komposition widersprach sie sich selbst. Nicht mal ihre Stimme kam zum Tragen. Da nutze auch Robert Reynold's grosszügiges Kompliment nichts. Er meinte zwischen den Stücken, es spiele keine Rolle, ob wer in den Charts sei oder nicht. Auf die gute Musik komme es an und die mache Joy Lynn. Aber ihr Stil besserte sich zusehends, sobald sie im Duett mit Chuck Mead und Robert Reynolds sang. Die zwei hielten sich auch am ehesten an die Auflage des Abends, "Hillbilly-Musik" zu bringen. Sie klangen ein wenig wie die grossen Country-Stars der 40er/50er Jahre.
Und dann kam der Hammer des Abends.
Mark Collie.
Mark Collie habe ich noch nie gesehen, das muss ich
einräumen. Also war ich gespannt und – dies sei gesagt – unvoreingenommen.
Mark Collie war ganz in schwarz gekleidet, machte eindeutig von Anfang an auf Johnny Cash und benahm sich auch ganz so wie der – in seinen schlimmsten Zeiten.
Bereits, als er die Bühne betrat, wurde klar, dass er nicht ganz "bei der Sache war". Er eröffnete seine Einlage mit "The Man In The Moon (is cryin')", einem Stück, das eindeutig Real Country war und nichts mit Hillbilly am Hut hat. Egal. Die Hälfte der Töne verschluckte er eh. Und leider hat er noch viel mehr "verschluckt". Je später der Abend, desto schlimmer benahm sich Mark Collie. Joy Lynn White ging schliesslich auf Abstand, die restlichen Bandmitglieder versuchten den Zustand des "Stars aus Nashville, TN," so gut wie möglich zu verbergen, bzw. zu überspielen. Aber das ist nicht einfach auf einer Bühne, wo man so schon drauf achten muss, dass man sich nicht auf die Füsse tritt. Und noch schwieriger, wenn sich einer von den Bandmitgliedern ganz offensichtlich nicht mehr unter Kontrolle hat. Als Mark Collie nach 3, 4 Stücken die Bühne verliess, nahm er auf jeden Fall seinen Freund, Jack Daniels - beinahe leer - mit sich.
Auch Joy Lynn White ging wieder ab, leider. So machten denn die übrigen Mitglieder gute Mine zum bösen Spiel (und hofften wahrscheinlich, dass "the Man In Black" so schnell die Bühne nicht mehr betrat). Und sie gaben ihr bestes. Vor allem Chuck Mead. Als er ein langsames Stück anstimmte, meinte meine Nachbarin, da "hebe man ab"......nun, jeder nach seiner Fasson. Mir kamen die Tränen.
Es gibt Momente im Leben, in denen KANN es einfach nicht noch besser kommen. Dies war einer davon. Mein Dank geht also an Chuck Mead.
Und die Gruppe lief sich warm, fühlte sich immer mehr zu Hause da oben, auf der kleinen Schweizer Bühne, im Lande des Käses. Auch das Publikum freute sich ganz offensichtlich an den spielfreudigen Musikern aus Tennessee (oder Indiana, im Falle von Joy Lynn White und Mark Miller).
Ein Stück folgte auf's andere. Mal ein Blues (Mark Miller), mal Rock'n'Roll (der Mann am Keyboard machte auf Jerry Lee Lewis), mal ein typisches Hillbilly-Stück...was immer das Herz begehrte, an diesem Abend kamen alle auf ihre Kosten.
Dann betrat der Mann in Blau – 'tschuldigung – der Mann in Schwarz erneut die Bühne. Es gibt Stücke, die amerikanische Musiker immer wieder bringen, um sich beim Publikum beliebt zu machen. Ein Favorit dieser Kategorie ist sicher Bobby Helms' "Fraulein". Nur – wenn man dessen Version kennt, mag man keine andere mehr hören. Und sicherlich nicht die von Mark Collie.
Keine Ahnung, ob jemand seinen Abgang bedauerte, wir sicher nicht.
Die restlichen Hillbilly All-Stars reagierten auf den Interpreten auf ihre Art und Weise: Sie beendeten ihren Auftritt um 0:10 Uhr mit "Tonight, The Bottle Let Me Down". Nun – auf einen trafen diese Lyriken am 8. April 2006 sicherlich zu.
Dennoch: Alles in allem ein gelungener, einmaliger Abend, der sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird. Chuck Mead hat nach seiner schlechten neuen CD wieder einiges bei mir gut gemacht. Und auch die Mavericks gilt es nochmals zu überdenken.
Verlierer war an diesem Abend auf jeden Fall nur einer.