BE HERE TO LOVE ME – ein Film über Townes Van Zandt USA 2004

Trailer: www.outnow.ch/media/trailers/2004/BeHereToLoveMe/

 

Be Here to Love Me: A Film About Townes Van Zandt

Regie
Margaret Brown
Drehbuch

Kamera
Lee Daniel

Schnitt
Don Howard
Karen Skloss
Lee Skloss
Michael Taylor

Produzenten
Margaret Brown
Sam Brumbaugh

Soundtrack
Merle Haggard
Lyle Lovett
Willie Nelson
Townes van Zandt

Laufzeit
99 Minuten

Genre
Dokumentation / Biografie / Musik

Schweizer Verleih
Look Now!

Heute bereite ich mich auf den Film vor, der eines meiner Idole abhandelt.

 

Wer war Townes Van Zandt?

 

Townes wurde in eine wohlhabende texanische Familie hineingeboren, die seit mehreren Generationen im Ölgeschäft mitmischte. Townes war ein direkter Nachkomme Isaac Van Zandt’s: Jener war ein prominenten Führer der texanischen Republik bzw. dem früheren Bundesstaat Texas.

Der Knabe wuchs in den texanischen Städten Forth Worth und Midland, zeitweise in Boulder, Colorado, auf, u.a. auch in Billings (Montana), Barrington (Illinois) und Minnesota.

 

Die Familie schickte Townes in ein Internat. Hier sollte er auf eine Karriere im American Football bzw. im Militär vorbereitet werden. Kurz danach machte der Jüngling erste Erfahrungen mit Rauschmitteln, etwa dem Schnüffeln von Klebstoff.

Eines Tages liess sich der Teenager – um auszuprobieren, wie es sich anfühlt – aus dem 4. Stock fallen. Hierauf kam er wegen Selbstmord-Neigung in stationäre psychiatrische Behandlung. Die Diagnose lautete auf schizophrene Psychose und Manische Depression. Klar wurde dadurch seine militärische Laufbahn zunichte gemacht.

 

Bereits mit 9 Jahren spielte Townes Gitarre, gleich nachdem er Elvis in der Ed Sullivan Show auftreten sah und die Reaktion seiner Schwester wie auch deren Freundinnen auf den Rocker erkannte.

Noch während seines Jura-Studiums an der Universität von Houston arbeitete Townes bereits in Folkklubs der Stadt. Dadurch traf er Jerry Jeff Walker, Blaze Foley und Guy Clark. Mit letzterem blieb er ein Leben lang befreundet. U.a. trat Townes im Vorprogramm von Doc Watson und Lightnin’ Hopkins auf.

 

1967 machte Townes erstmals ein Album. Er nannte es „For The Sake Of The Song“. Das Werk entstand in Nashville. 1968 wurde es herausgegeben. Townes wies darauf hin, es enthalte seine erste ernsthafte Eigenkomposition: “Waiting Around To Die”.

Bis 1972 folgten 5 weitere Alben. Kommerziell waren diese aber nur mässig erfolgreich. Inzwischen zählte in Houston der junge Steve Earle zu Townes’ Schützlingen.

 

1976 zog Townes in die Music City, sprich: Nach Nashville, Tennessee. Im drauf folgenden Jahr folgte das Live-Doppelalbum „Live at the Old Quarter Houston, TX.“ Die Arbeit wurde bereits 1973 aufgezeichnet.

1978 erschien „Flying Shoes“, wiederum ein Studio-Album. Seine Spätphase betreffend gilt das Album als Townes' Bestes. Den Titelsong machte indes eines seiner bekanntesten Stücke.

 

1980 kamen Coverversionen von Townes’ Nummern in die Charts, darunter „Pancho And Lefty“ (Merle Haggard & Willie Nelson) oder „If I Needed You“ (Emmylou Harris & Don Williams).

Indes tourte Townes weiter, nahm 1987 aber sein achtes Studioalbum, „At My Window“ in Angriff. Es folgten Live-Alben, die u.a. in Europa entstanden. 1994 folgte sein letztes Studioalbum zu Lebzeiten: „No Deeper Blue“. Dieses wurde in Irland mit Musikern vor Ort aufgenommen.

 

Townes Van Zandt war dreimal verheiratet und hinterliess 3 Kinder. Sein Sohn aus erster Ehe, John Townes (1969), folgt inzwischen den Fusstapfen seines Vaters. Seiner dritten Ehe mit J. Van Zandt (1994 Scheidung) entsprangen der zweite Sohn William Vincent (1983) und Tochter Katie Bell (1992).

 

Den kommerziellen Durchbruch konnte Townes trotz seines Talentes während seiner Lebzeit nie feiern. Erschwerend war Townes nicht nur manisch-depressiv, sondern auch drogen- und bis zum Ende alkoholabhängig.

Seine letzte Europatour, die ihn nicht nur nach Deutschland, sondern auch in die Schweiz führte, fand im November/Dezember 1996 statt.

Schliesslich starb Van Zandt am Neujahrsmorgen 1977 an einem Herzinfarkt, auf den Tag genau 44 Jahre nach seinem Idol Hank Williams sen. Townes Van Zandt war 52 Jahre alt.

Ich habe Guy Clark’s Biografie gelesen und dabei viel über Townes Van Zandt gelernt.

 

Der Mann Townes Van Zandt hatte, wie wir alle, viele Facetten. So konnte er z.B. eine harmlose Maus zusammen mit Guy Clark mittels einer Billardkugel bombardieren und ignorierte dabei die Tränen von Guy Clark’s Ehefrau Susanna, seiner besten Freundin. In der Schweiz verpasste ich Townes’ Konzert, was ich heute noch bereue, auch wenn die Kritiken niederschmetternd waren.

 

Trotz alledem ist Townes Van Zandt keiner, den man vergessen sollte. So bin ich denn froh, wurde ihm mit dem Film BE HERE TO LOVE ME ein Denkmal geschaffen. Und während die letzten Töne von Townes’ „Flyin’ Shoes“ Album ausklingen, frage ich mich, was mich heute abend erwartet:

 

 

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Nun – insgesamt knapp über 20 Leute, die sich für den Mann aus Texas interessieren. Das Werbematerial ist mager, liegt nicht mal auf. Wer weiss, wo sich die Informationen im Kino Riff Raff befinden, holt sie sich rechts von der Kasse. Also aus der Traum vom Filmplakat, das ohnehin nirgendwo hängt.

 

Die Biografie hat übrigens Milton Brown's Tochter, Margaret Brown, gemacht und produziert. Weitere Filme: Mi amigo (2002), Mit-Produzentin neben ihrem Vater, Milton Brown. 1998 war sie die Produzentin von 99 Threadwaxing. Das Mädchen sieht auf den Fotos selber aus wie ein Hippie, also kein Wunder...

Aber zurück zum Wesentlichen, dem Film.

Er beginnt mit undeutlich erkennbaren Jass-Karten, die über den Bildschirm verstreut sind, dann sieht man, wie jemand durch eine romantische Landschaft fährt, hört ein Telefongespräch mit. Einer der Männer ist ganz sicher Van Zandt, der völlig enthusiastisch von seinem neuesten, soeben fertig komponierten Stück erzählt. Der Andere, vermute ich mal, ist Guy Clark, sein bester Freund.

Hernach taucht – zu meinem grössten Erstaunen – Joe Ely auf er Bildfläche auf. Er sitzt in einer typisch texanischen Kneipe und erzählt, wie er Townes Van Zandt zum ersten Mal traf. Ohne Klamotten, dafür aber mit Alben im Gepäck. Joe Ely hat mich noch nie enttäuscht. Das tut er auch jetzt nicht, wenn er sehr gefühlvoll, beinahe sanft von diesem einschneidenden Moment erzählt.

In der Folge taucht der Hauptdarsteller des Filmes, Townes, immer wieder auf. Man beobachtet ihn bei Konzerten, sieht ihn zu Hause, mit Freundin, Frau, Hund, selten mit seinen Kindern. Und immer wieder tauchen Tiere auf. Hunde. Sogar Nymphensittiche. Oder halbvolle Whiskey-Flaschen. Seine zweite Frau meint denn auch 'mal, danach gefragt, wie es sich mit einem Mann wie Townes leben lasse: "Grässlich. Nein, warte. Er ist ein netter Kerl. Er mag Tiere."

Dann bin ich wieder erfreut, wenn ich Townes neben "meinem" King, Big Mon, entdecke. Da gibt er Ralph Emery gerade Auskunft über die Art, wie er Songs schreibt. Den Blick von Big Mon, direkt in Townes' Gesicht, als ob er mehr darin lesen könnte, als dieser sein Stück vorspielt, werde ich nicht so schnell vergessen. Gerne hätte ich gewusst, was in diesem Moment im Father Of Bluegrass vorging.

Auch Kris Kristofferson, ein sehr sympathischer, ruhiger, bedachter Kris Kristofferson, taucht auf und meldet sich betreffend Townes' Talent zu Wort. Es scheint ihm nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. Einmal sieht es so aus, als müsste er mit den Tränen kämpfen, doch dann grinst er.

Auch Guy Clark mit seiner Frau Susanna sind präsent. Noch immer resümiert Guy darüber, ob Townes es auf seine Angetraute abgesehen hat. Aber wenn man die beiden so betrachtet, spürt man das Band, das sie verbindet – und unweigerlich auch jenes, dass diese drei Freunde verband. Und man grämt sich ob Zeiten, die man nicht zurückholen kann.           
Immer wieder fallen im Film Witze. Kann sein, dass ich meinen angeborenen Humor verloren habe, aber ich kann nicht mitlachen. Vielleicht guck' ich einfach zu oft in Townes' Augen, denn die tun's auch nicht. Und der Humor ist oft so subtil, so ironisch oder gar zynisch – er trifft den Nagel so perfekt auf den Kopf, da muss man schon aufpassen, dass man nicht bitter wird.

Selbst Kinky Friedman, der angehende Gouvaneur (wenn er denn gewählt wird, was ich bezweifle), taucht auf und resümiert über Townes. Er klingt ein wenig, als würde er ihm den Erfolg missgönnen. Für mich ist Kinky aber selber ein so kreativer Mensch, das mir Eifersucht überflüssig erscheint.

Auch Produzenten, Plattenmenschen melden sich zu Wort. Selbst die Fans werden erwähnt. Dabei bezieht man sich auf die Fanpost, die auf ein kleines Inserat hin eintraf. Scheint so, als hätte nicht nur Townes selber, sondern auch seine Umgebung seinen Einfluss weit unterschätzt.

Es folgt Steve Earle, der, wie alle anderen, auf Townes' einmaliges Talent hinweist, aber auch auf die Unberechenbarkeit seines Freundes, der dreimal auf ihn schoss. Steve, der nicht wusste, dass keine Kugel im Revolver steckte, hat sich zu Tode geängstigt – und seinem Freund bis heute nicht vergeben.

Anders dessen Kinder. Während der älteste Sohn für eine drogenfreie Welt plädiert, so bekennt der jüngere, dass er sich erst kürzlich von seinen Rap-CD's getrennt hätte. Nun könne er ohne die Songs seines Vaters nicht mehr einschlafen.
Das Mädchen, das, wenn ich die Sache richtig verstanden habe, 3 Tage auf der Welt war, als ihr Vater starb, entwickelt eine ganz eigene Art der Beziehung zu ihrem Erzeuger. Sie dürfte sich zum Teil aus Erzählungen, zum Teil auch aus Gefühl und, wie sie eingesteht, auch aus Träumen zusammensetzen. Erschreckenden Träumen.

Willie Nelson lässt sich ziemlich lange über den Song "Pancho & Lefty" aus, den er ja mit Merle Haggard zusammen in die Charts brachte. Emmylou Harris wiederum besteht darauf, dass es sich um "ihren" Song handle. Tut mir leid, Leute, aber ihr habt noch nie Peter Rowan's Version gehört.

Erschreckend ist auch die Erzählung über Townes' Sprung aus dem 4. Stock. Über die Schocktherapie, die er hierauf erhielt und durch die er die Erinnerungen an seine Kindheit verlor. Seine Mutter, so die Schwester, soll noch auf dem Totenbett die Zustimmung zur Behandlung bereut haben. Die Schwester meint, Townes habe damals seine Persönlichkeit verloren. Dies würde viel erklären, nicht wahr?

Die Konzertabschnitte laufen übrigens nicht chronologisch ab. Mal ist Townes jung, mal kurz vor dem Sterben. Man muss ihm dabei nicht ins Gesicht schauen, um sich darüber klar zu werden, ob er nun betrunken ist oder nicht. Zuhören reicht.

Ganz am Ende sieht man Guy Clark, wie er auf der Bühne steht, in Schwarz. Er sagt, er wisse nicht, ob er das könne. Aber er sei für diesen Auftritt bereits vor 30 Jahren gebucht worden. Und lacht.

Ich kann mir nicht helfen, aber schon bei Walk The Line habe ich das Gefühl entwickelt, die Amerikaner hätten prinzipiell ein völlig gestörtes Verhältnis zur Drogensucht. Und zum Tod. Und zur Liebe. Und zur Freundschaft. Dieser Film hat es mir bestätigt.

Ein Interviewer spricht Townes während des Konzertes auf seine Songs an. "Weshalb sind ihre Songs immer so taurig?" fragt er Townes. "Sie sind nicht immer traurig", antwortet dieser, "sie sind hoffnungslos".

Sparsame Dialoge, die immer wieder gekonnt in Szene gesetzt werden, machen die Arbeit von Margaret Brown aus.

Steve Shelley von Sonic Youth meint im Film, Townes' Musik hätte in keine Kategorie gepasst. Ich muss dem widersprechen. Erstens war Townes schlichtweg ein typisch texanischer Songwriter. Zweitens passte er menschlich gesehen in keine Kategorie. Ausser in jene des Verlierers.   
Die Gewinner sind wir, denn er hat uns seine Musik hinterlassen.

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